Gastbeitrag: Kann Indien Israels Anti-Terror-Strategie kopieren?

In den vergangenen Wochen wurden viele Vergleiche gezogen zwischen dem laufenden Krieg Israels gegen die Hamas und der Antwort Indiens gegenüber Pakistan in Bezug auf die Terror-Anschläge von Mumbai.

Aus Sicht von einigen hätte Indien mehr triftige Gründe für ein aggressives Vorgehen als Israel. Für andere ist die israelische Vorgehensweise viel zu kontrovers und zwielicht. Und dann gibt es die, die wünschen und fordern, dass die indische Regierung das israelische Vorgehen kopiert, was Pakistan anbelangt.

Es gibt nicht viele Länder und Gesellschaften, die die israelische Methode gutheißen, insbesondere angesichts von Hunderten von toten Palästinensern. Indien mißbilligt Israels Vorgehen ebenso.

Allerdings sollte die Ablehnung der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern die politischen Analysten nicht davon abhalten, Israels Erfahrungen zu untersuchen. Aus den Erfolgen und Fehlern anderer nicht zu lernen erweist sich oft als kostspielig.

Sollte Indien allerdings die israelische Methode auf Pakistan anwenden wollen, müssen einige entscheidende Aspekte klar benannt und zur Diskussion gestellt werden.

1. Israel ist in der Lage, eine aggresive Strategie gegen die islamistischen Militanten vor allem deswegen zu verfolgen, weil es die uneingeschränkte Unterstützung der Regierung Bush hat. Ob Washington nun eine offizielle Genehmigung erteilt oder nur seine Zustimmung signalisiert hat, die amerikanische Unterstützung ist in jedem Fall ein entscheidender Punkt. Ohne sie hätte es diese massive Operation nicht gegeben.

Kann Indien eine ähnliche Unterstützung von den USA oder irgend einer anderen Macht oder einer Mächtekonstellation für eine aggressive Anti-Terror-Strategie gegen Pakistan erhalten?

2. Im gleichen Zuge war Israel dank der amerikanischen Unterstützung in der Lage, jegliche Sanktionen durch die Vereinten Nationen abzuwehren.

Genießt Indien eine ähnliche Immunität, wenn die Verbündeten Pakistans Vorstöße unternehmen, um Sanktionen gegen Indien zu bewirken?

3. Die anwachsende internationale Kritik hat die israelischen Führer nicht davon abhalten können, den Kurs weiter zu verfolgen, den sie als essentiell für die Sicherheit ihrer Bürger erachtet haben. Sie sind darauf vorbereitet, den internationalen Verurteilungen, den Massenprotesten sowie einer kritischen Berichterstattung in den Medien standzuhalten.

Haben die indischen Führer die Nerven, massiven öffentlichen Demonstrationen in aller Welt standzuhalten?

4. Israel war aufgrund seiner umfangreichen und bisweilen unvergleichlichen geheimdienstlichen Erkenntnisse in der Lage, diese aggressive Kampagne zu starten. Zum Beispiel hat es in den ersten Minuten seines Luftangriffs 50 Ziele in Gaza zerstört.

Bislang sind Echtzeit-Erkenntnisse der indischen Geheimdienste und erfolgreiche präzise Angriffe nur in Bollywood-Filmen möglich. In Aktionen umsetzbare Geheimdienstarbeit bleibt in Indien ein Luftschloß und wird es für lange Zeit noch bleiben.

5. Israel konnte seinen Krieg beginnen, weil Hamas ein nicht-staatliches Subjekt ist, das lediglich einen Teil des palästinensischen Territoriums kontrolliert. Die innere Zerrissenheit zwischen der mainstream Fatah und der militanten islamistischen Gruppierung Hamas hat sich im Verlauf dieser Krise deutlich gezeigt. Während im Gaza-Streifen über tausend Palästinenser getötet wurden, blieb es im Fatah-dominierten Westjordanland relativ ruhig.

Trotz aller internen Spannungen und der Bitterkeit, die zwischen pakistanischen Gruppierungen herrscht, ist Neutralität der einen oder anderen Gruppe angesichts einer indischen Aktion nicht vorstellbar.  Wie jüngste Kommentare islamistischer Gruppen, die gegen den israelischen Militärschlag opponierten, gezeigt haben, würden selbst sie sich unter der pakistanischen Fahne gegen Indien scharen.

6. Das militärische Arsenal der Hamas ist eher limitiert und besteht weitgehend aus Raketen geringer Reichweite. Ihre medienwirksame Drohungen, sie werde den Gazastreifen in einen Vulkan verwandeln, wenn Israel eine Bodenoffensive starten würde, hat sich nicht bewahrheitet. Es gibt Anzeichen von Ermüdung und Uneinigkeit im Führungskader der Hamas.

Bei Pakistan sieht es völlig anders aus. Es ist kein Papiertiger, sondern eine Nuklearmacht. Selbst die BJP-geführte Regierung* weigerte sich trotz ihrer vorangegangenen hardliner-Kommentare, während des Kargil-Kriegs** die inoffizielle Grenzlinie***  zu Pakistan zu überschreiten.
Demnach ist eine militärische Anti-Terror-Strategie gegen Pakistan solange keine Option,  wie man nicht bereit ist, Tausende von zivilen Toten auf beiden Seiten in Kauf zu nehmen.

7. Seit Mitte 2005 hat die Hamas über 5.000 Raketen gegen Israel abgefeuert, wobei der Beschuss auch trotz des andauernden Konflikts anhält. Einige dieser Raketen landeten bis zu 40 Kilometer tief in Israel. Dennoch befindet sich die Masse der bevölkerung und die wirtschaftlichen zentren außerhalb der Reichweite der Hamas-Raketen.

Für Indien trifft dies nicht zu. Eine Reihe von indischen Wirtschaftszentren liegt innerhalb der Reichweite einer pakistanischen Gegenoffensive. Dies würde eine weitreichende Zerstörung essentieller ökonomischer Einrichtungen begleitet von nicht akzeptablen Verlusten an Leib und Leben mit sich bringen.

8. Trotz der Genauigkeit israelischer Waffentechnik konnte Israel den Tod von Zivilisten nicht vermeiden. Verschiedene Menschenrechtsorganisationen stimmen darin überein, dass es sich bei der Mehrzahl der im Gazastreifen getöteten Palästinenser um Zivilisten handelt.

Ebenso wäre Indien nicht in der Lage, einem derartigen „Kollateralschaden“ aus dem Weg zu gehen, was wiederum untragbare politische Konsequenzen mit sich bringen würde.

9. Bislang fand die Kampagne gegen die Hamas weitgehende Unterstützung seitens der israelischen Bevölkerung. Die monatelange Schutzlosigkeit gegen die Raketen scharte die Bevölkerung hinter die Regierung. Demokratien können einen Krieg nicht beginnen ohne so einen starken Rückhalt in der Bevölkerung zu haben.

Gäbe es einen starken inneren Rückhalt in Indien zugunsten eines Kriegs gegen Pakistan aufgrund der Anschläge von Mumbai?

10. Letzten Endes wird die militärische Kampagne alleine die Gewalt von Hamas nicht beenden. Israel versucht, Hamas in ihrer Position der Schwäche dazu zu zwingen, den Raketenbeschuss einzustellen. Dafür hat Israel international einiges an Verständnis und Sympathie erhalten.

Ganz ähnlich wird eine militärische Kampagne Indiens gegen Pakistan nicht die pakistanische Unterstützung des Terrors gegen Indien beenden. Im besten Fall würde eine solche Politik ein kostspieliges Unternehmen, und zwar nicht nur für Pakistan, sondern auch für Indien.

Vor allem ist festzuhalten, dass militärische Erfolge nur selten den politischen Erfolg gewährleisten.
Der Mittlere Osten weist viele Beispiele dafür auf. So hat im Suez-Krieg von 1956 Israel gewonnen, aber als Folge die Führung der arabischen Welt Ägyptens Präsident Gamal Abd El Nasser übertragen.
Präsident George H. W. Bush (sen.) gewann den ersten Golfkrieg um Kuwait, aber verlor seine Wiederwahl 1992.
Daher wird Israels Suche nach einem Frieden erst am Verhandlungstisch gefunden, selbst wenn es einen unwahrscheinlichen „Sieg“ über die Hamas geben sollte.

Ganz genauso beruht jede realistische Chance auf ein Ende des Terrors in Süd-Asien auf der Kooperation mit Pakistan und nicht auf dessen Niederlage, selbst wenn das möglich wäre.

Insofern bleibt Krieg zwar eine Option. Aber man prüfe sehr genau, bevor man schießt.

Prof. Dr. P.R. Kumaraswamy

ist Professor für West Asiatische Studien an der Jawaharlal Nehru Universität, New Delhi.

(c) courtesy P.R. Kumaraswamy
(c) Dt. Übersetzung: Transatlantikblog
(Photo: courtesy Prof. Kumaraswamy)

* BJP – Indische Volkspartei

** Zwischen Indien und Pakistan, 1999. Kargil ist ein Distrikt der Krisenregion Kashmir.

*** Es gibt in dieser Region keine offizielle Grenze zw. Indien und Pakistan, sondern nur die Waffenstillstandslinie LoC / Line of Control

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