Dietmar Herz: Verloren im Hindukusch

US Patrouille in Afghanistan
US Patrouille in Afghanistan

Ende Mai erschien in der Wochenendbeilage der Süddeutschen Zeitung eine Afghanistan-Reportage mit dem Titel „Irgendwo am Hindukusch“.

Der Bericht, der sich über beachtliche neun Seiten Text plus mehre Seiten mit Photos erstreckt, ist fuer die Standards der Sueddeutschen eine reichlich schlechte Zustandsbeschreibung über den deutschen Einsatz vor Ort.

Dafür hat die SZ den „renommierten Politikwissenschaftler Dietmar Herz“ zusammen mit einer „Kriegsfotografin“ ins Krisengebiet geschickt. Wieso muß „renommiert“ dazu gesagt, wieso muß „Kriegs-„ vor die Fotografin gestellt werden? Weil es schon hier beginnt mit dem Bedeutungsschwangeren, dem allzu Wichtigen.

Der Text ist trotz Länge nicht nur erstaunlich erkenntnisarm, sondern dazu angefüllt mit second-hand-Informationen (trotz Vor-Ort-Berichterstattung) und – was die Schräglage vielleicht am ehesten erklären mag – mit erstaunlichen Naivitäten.

Afghanistan fast wie Zweiter Weltkrieg

Das Ärgernis beginnt mit dem Untertitel: „Für die deutschen Soldaten dauert der Konflikt in Afghanistan jetzt länger als der Zweite Weltkrieg.“

Die Zeitangabe mag ja stimmen. Aber was soll sie aussagen? Zumindest was die Bundeswehr anbelangt, wird in Afghanistan gerade nicht ein Weltkrieg, kein Angriffskrieg und nicht einmal ein „normaler“ Krieg mit den damit verbundenen Verlusten an Menschen und Material ausgefochten.

Die Formulierung des Untertitels – und das zieht sich wie ein roter Faden durch die Reportage – ist nur Versatzstück aus anderweitig angelesenen Texten, in diesem Fall des weitaus stärker zutreffenden amerikanischen Vergleichs, US Truppen würden nun schon länger im Irak kämpfen, als sie im Zweiten Weltkrieg gefochten haben.

Der Beitrag beginnt mit einer Art „Afghanistan für Dummies“ und beschreibt dazu die tausendfach bemühte Uneinnehmbarkeit des Landes, an dem sich schon viele Eroberer die Zähne ausgebissen haben. Der Absatz endet mit dem Verweis auf den 11. September und der Frage, ob man dem Land wirklich die „Segnungen der westlichen Zivilisation“ (Hervorhebung im Original) bringen müsse oder ob man es sich nach der „Zerschlagung der Taliban“ und der „Vertreibung der Al-Quaida“ nicht selbst überlassen sollte.

An diesem dreifachen Aufhänger stimmt gar nichts.

Afghanistan und der 11.September

Der Angriff auf Afghanistan nach dem 11. September diente gewiß nicht dazu, dem Land die Segnungen der Zivilisation zu bringen, sondern die Taliban aus ihren Löchern zu bomben. Sodann dürfte sich die Luxusfrage, ob man das Land sich selbst überlassen könne, (noch) gar nicht stellen. Zumindest bis dato hat man noch nicht davon gehört, daß die Taliban zerschlagen oder Al-Quaida vertrieben worden wären. Selbst wenn dem so wäre.

Im weiteren Verlauf des Beitrags bemüht Herz den Unkenruf, daß Präsident Karsai ein überaus schwacher Präsident sei – was stimmt – und man ihn deshalb als „Bürgermeister von Kabul“ verspottet (so auch nachzulesen in dem 2003 erschienen Buch von Scholl-Latour über die USA als Weltmacht im Treibsand).

Wenn aber Karsai schwach ist und jedermann über die äußerst verzwickten Verhältnisse der verschiedenen Ethnien im Land Bescheid weiß, stellt sich doppelt drängend die Frage, ob man sich hier zurückziehen dürfen.

Es geht – um das vorwegzunehmen – nicht um die Frage, ob man in beliebigen Ländern fragwürdige Verhältnisse bereinigen will. Die gibt es so viel an der Zahl, daß man tatsächlich Weltpolizist spielen müßte, womit Deutschland oder jede andere Nation fraglos überfordert wäre.

Es geht aber – um das in aller Deutlichkeit ins Gedächtnis zurück zu rufen – konkret um Afghanistan, dem Unterschlupf von Osama Bin Ladens Al-Quaida, die im Verbund mit und in der Obhut von Taliban eine Vielzahl von Anschlägen gegen die westliche Welt durchgeführt hat, bis hin zum 11. September und darüber hinaus.

Dorfältester in Afghanistan
Dorfältester in Afghanistan

Ein schutzloses Afghanistan würde morgen schon den Taliban und / oder der Al-Quaida wieder in die Hände fallen.

Daran kann kein Zweifel bestehen. Das muß der Ausgangspunkt jeder Überlegung und jeder Entscheidung sein, wie Deutschland in Bezug auf Afghanistan verfahren will.

In Verkennung dieser Priorität (auf die Herz später kurioserweise doch wieder zurück kommt) und offenbar in der (vorübergehenden) Annahme, daß es mit den Taliban und Al-Quaida nichts Besonderes mehr auf sich
hat, stellt der Autor die irrelevante Frage, was der Westen in Afghanistan suche.

Nichts, moechte man ihm antworten. Der Westen sucht nichts, er sucht eine Gefahr so gut als möglich abzuwenden. Daher geht es auch nicht um den nächsten spekulativen Versuch des Autoren, in dem er über etwaige „politisch-kulturelle“ Überlegenheitsgefühle des Westens spekuliert.

Denn das würde sich rächen, wie dem Leser am Beispiel des in unserem Fall völlig irrelevanten britischen Kolonialkriegs in Afghanistan gezeigt werden soll.

Nach diesem fruchtlosen Ausflug kehrt Herz tatsächlich zurück zum korrekten Ausgangspunkt: „Die Invasion in Afghanistan war eine unumgängliche Reaktion auf die Anschläge des 11. September und völkerrechtlich sanktioniert.“ Darauf folgt eine kurze Geschichte des Afghanistankriegs unter besonderer Berücksichtigung des deutschen Einsatzes, an dem man nichts auszusetzen braucht.

Angst essen Seele auf

An dieser Stelle kommt die Personalie des Autoren ins Spiel, die man dem ganzen restlichen Beitrag anmerkt. Ein in Kriegsdingen unbedarfter Akademiker trifft den Gegenstand seines (temporären) Interesses: Den Krieg. Oder wenigstens einen Vorgeschmack davon. So schreibt der Freizeit-Kriegsberichterstatter:

„Die Reise nach Afghanistan ist nicht beschwerlich, aber langwierig und umständlich.“

Dann verzögert sich auch noch der Weiterflug!
Herz muß einige Stunden im Hangar warten: Also doch beschwerlich, wird uns signalisiert.

Herz sitzt „mit schwer bewaffneten Soldaten“, die dazu noch „durch eine Splitterschutzweste geschützt“ sind, im „turbulenten“ Flug in einer Transall. Am Flughafen fehlt ein Tower, und eine Flughafenfeuerwehr gibt es nicht.

Stellen Sie sich das bitte vor:

Sie sind im Krieg und müssen auf die Flughafenfeuerwehr verzichten.

Wenn dann noch „schwerbewaffnete Soldaten“ um einen sitzen, kann es einem schon anders werden.

Gute Güte, so etwas in einem „Kriegsbericht“ zu schreiben offenbart die ganze Kriegs-, ja Weltfremdheit des allzusehr an die Annehmlichkeiten der Zivilisation gewöhnten Büromenschen, den man nun zur wichtigen Mission an den unwirtlichen Hindukusch schickt. Diese Grundbefindlichkeit hinterläßt im weiteren Verlauf des Artikels allzu gnadenlos ihre Spuren.

Immer wieder merkt man dem Autoren an, wie wenig sein theoretisches Vorwissen verbunden war mit dem, was ihn im praktischen Soldatenleben tatsächlich erwarten würde. Und wir reden nicht von einer Kriegsberichterstattung aus Dien Bien Phu 1954 oder Hue 1972.

Daher sieht die Lage vor Ort auch gleich „düster“ aus. Das Ziel, die Schaffung einer sicheren Umgebung für den Wiederaufbau, sei bislang nicht erreicht worden.

Das mag zutreffen, sofern man einen idealen Zustand von 100% Wiederaufbau zum Ziel nimmt, was immer das sein mag. Inkonsequenterweise listet der Autor später durchaus die bisher geleistete Aufbauarbeit, die ohne eine Mindestmaß an Sicherheit gewiß nicht zustande gekommen wäre.

Ohne Zweifel liegt noch ein weiter Weg vor dem Land, aber auch die bisherigen Erfolge sind beachtlich und nicht von der Hand zu weisen.

Die düstere Lage, so die Erläuterung, ergebe sich vor allem aus der stetig steigenden Zahl von Anschlägen (die, so müsste angefügt werden, bislang unter 30 Opfer gekostet haben, in einer Zeitdauer länger als der Zweite Weltkrieg. Die Unfallquote auf deutschen Autobahnen liegt deutlich höher).

Das Ziel derer, die Anschläge begehen, so wird uns pauschal erklärt, bestehe in der „Vertreibung der internationalen Kräfte aus Afghanistan“. Das mag für die eine oder andere Gruppierung ja zutreffen. Ginge es „den Afghanen“ um die Vertreibung der Westler im allgemeinen oder der Deutschen im Besonderen, so hätten sie das längst bewirken können.

Die deutsche Stationierung ist in vielerlei Hinsicht viel zu fragil, um sich gegen einen ernsthaften militärischen Vorstoß oder einen echten Zermürbungskrieg wehren zu können. Offenbar gibt es genügend Kräfte in Afghanistan, die von einer deutschen oder westlichen Präsenz profitieren. Im übrigen unterschlägt der Autor, daß sich im Land eine Vielzahl von unterschiedlichsten Kräften bis hin zur fast allmächtigen Opiummafia gegenüberstehen, die sich gegenseitig mit kleineren und größeren Aktionen bekriegen. Das muß ins Kalkül gezogen werden, aber sollte nicht über den Leisten geschlagen werden, daß sich jeglicher Sicherheitsvorfall gegen die Deutschen richtet.

Statt echte Politikanalyse zu betreiben, wird in punkto Hamid Karsai nur ein altes und vielfach wiederholtes Stimmungsbild nachgezeichnet. Karsai sei schwach und nicht imstande, die Drogenmafia oder die Korruption zu bändigen.

Hier müsste deutsche und amerikanische Politik ansetzen. Hierzu müssen Forderungen an die Politik erhoben werden – etwa in Form eines kritischen Beitrags in der vielleicht bedeutendsten deutschen Tageszeitung -, um das Problem Karsai bewältigen zu können. Der Paschtune Karsai ist de facto mehr Teil der Probleme als der Lösungen. Solange der Westen auf diesen schwachen Führer setzt, wird er sich in den Lösungen ungleich schwerer tun. Der Politikwissenschaftler (!) Herz übergeht das und liefert statt dessen hübsche Episoden à la Theodor Fontane:

Sodann: Soldatenalltag (man mag Katie Meluah), Landschaftsbeschreibungen mit ausgebrannten T-72-Tanks aus Sowjetzeiten, Gespräche mit Dorfältesten (ob alle, die die Anwesenheit der Deutschen begrüßen, das auch tatsächlich so meinten, bleibe offen…).

Zwischendurch der Zufallstreffer:
Die zivile Aufbauhilfe setzt militärischen Schutz voraus.
Dann eine der vielen Ungereimtheiten: „Seit sieben Jahren versuchen NATO […] das Land zu stabilisieren. Das ist noch kein großer Zeitraum.“ Kein großer Zeitraum? Dem Leser wurde eingangs mit dem Untertitel bedeutet, wie lange man sich schon vor Ort engagiere.
Andererseits: „Nach sieben Jahren ist Müdigkeit eingekehrt“, gefolgt von einer völlig korrekten Bestandsaufnahme: „Wenn der Süden fällt, werden auch die Erfolge im Norden zunichte gemacht“ (die Erfolge, die vom Autoren zuvor vernachlässigt wurden, da das Ziel ja nicht erreicht worden sei.)

Zum Schluß werden wir durch eine Geschichte von der gut meinenden, aber schlecht agierenden US Truppe am Beispiel „Bau eines Fußballfeldes“ geführt, gefolgt von einer wenig hoffnungsvollen Rudyard Kipling Analogie.

Offener Schluss, leider

Der Autor Herz kommt zum Ende, aber zu keinem Schluß, indem er die Regierung auffordert „schmerzhafte Änderungen“ in Angriff zu nehmen. Der Autor behält für sich, worin sie bestehen. „Wenn der Westen seine Strategie nicht ändert, wird er diesen Kampf verlieren“, sagte Herz eingangs. Das stimmt nur insofern, als Deutschland seinen Kampf verlieren wird, so er denn wirklich beginnt.

Jeder Auslandskorrespondent der Süddeutschen hätte von seinem Münchner Schreibtisch aus eine trefflichere Analyse vorlegen können, was schon mehrfach unter Beweis gestellt wurde.

Es rummst

Eingangs, in der Artikelvorschau des Inhaltsverzeichnisses, wird zur Illustration der gefährlichen Lage in Afghanistan erzählt, daß Herz beinahe selbst Opfer eines Anschlages geworden wäre. Denn „wenige Kilometer entfernt“ habe sich ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt. Da mußte ich ein bißchen mitfiebern mit dem Mann. Immerhin: Er reist in ein Kriegsgebiet, um uns von den dortigen Gefahren zu berichten, und einige Kilometer entfernt rummst es. Das hat ihn gewiß erschreckt. Vielleicht mußte er aufgeregt an Dien Bien Phu denken, wo deutsche Fremdenlegionäre von Vietcong umzingelt unter Trommelfeuer lagen.

Man sollte Politikwissenschaftler, die kaum aus ihrer Studierstube gekommen sind, nicht in ein Kriegsgebiet schicken. Dafür gibt es die Scholl-Labours, die Fallacis et.al. Die anderen sind zu aufgeregt, um einen wirklichen Überblick bekommen zu können.

Die „schmerzhaften Änderungen“, die zum Ende der Reportage eingefordert, aber ungenannt blieben, könnten grob skizziert in Folgendem bestehen.
Der deutschen Öffentlichkeit und den Partnern muss reiner Wein eingeschenkt werden. Den Deutschen muss klar sein, dass sie keine bewaffnete Friedensmission in Afghanistan betreiben, sondern einen Schutzeinsatz im afghanischen und das bedeutet in diesem Fall: Im deutschen Interesse. Struck hatte recht. Die Bundesregierung muss dazu ihre allzu lang beibehaltene und überaus gefährliche Mittelposition aufgeben, den Partnern gegenüber so zu tun, als würden wir in Afghanistan einen Kriegseinsatz führen, während wir unsere Truppe so ausstatten, als sollte sie tatsächlich nur den Wachdienst für das technische Hilfwerk abgeben.

Die Bundeswehr muss in Abstimmung mit den Allierten so ausgestattet werden, dass sie im Zweifelsfall auch kämpfen kann. Im Moment wäre sie nur zu einer vorübergehenden Notwehr in der Lage und bitter auf die Unterstützung der Amerikaner oder Briten angewiesen. Was für eine beschämende Lage für ein großes Land, das sehr beflissen ist in der Behauptung seiner souveränen Außenpolitik und seinem Streben nach einem dauerhaften Sitz im Sicherheitsrat.

Das Kämpfen jedenfalls wurde bislang an die Verbündeten delegiert. So schlau sich Kanzlerin Merkel im Verbund mit Selbstverteidigungsminister Jung aus derAffäre gezogen haben mag, um nicht im Süden verstrickt zu werden, so peinlich ist der daraus folgende Befund zur Qualität des Bündnisses. Mag Robert Gates von George Bush auch zurück gepfiffen worden sein in seiner harten Kritik am deutschen Beitrag: Recht hatte er allemal.

Die USA müssen Abstand nehmen von ihrer beinahe bedingungslos anmutenden Unterstützung von Hamid Karsai. Man mag ihn als Person schätzen, wie man will. Für eine Beruhigung der Lage vor Ort muss ein Präsident in Kabul agieren, der über eine nennenswerte Hausmacht verfügt und nicht nur über gute Beziehungen ins Weisse Haus. Dieses Problem hat sich der Westen seit der Petersberger Konferenz selbst zuzuschreiben.

Tatsache bleibt: Es gibt keine Alternative zu einer erfolgreichen Lösung in Afghanistan. Dass die Lösung über mehrere Wege herbeigeführt werden muss und keinesfalls nur über die militärische ist klar. Die militärische Karte allerdings muss in diesem von Kräftemessen dominierten Prozess allezeit eine Trumpfkarte sein. Derzeit ist sie nur ein Bluff. Ein Bluff in diesem höchst riskanten Machtpoker namens Afghanistan ist unverantwortlich. Das konnte Frau Merkel mit schönen Worten bislang vertuschen. Der Bluff zum Bluff gewissermaßen.

— Schlesinger

PS.: Leserkritiken auf Amazon zu einem Afghanistan-Buch von Dietmar Herz – das hier nicht durch Namensnennung beworben werden soll – lauten etwa:

(zuerst ein Zitat aus dem Buch) „Langsam werde ich mir über Absichten und Möglichkeiten meiner Reise klar: Ich will versuchen die amerikanische Armee in diesen Kriegen zu beobachten…“ (Seite 27 !) Auch sonst sind die Erfahrungen innerhalb und außerhalb der gesicherten Camps eher dürftig: (Zitat aus dem Buch:) „Ansonsten bin ich allein und warte“
Der Leser meint daher: „Fazit: Wer halbwegs die Tages- und Wochenberichterstattung aus dem Irak verfolgt, hat keinen Erkenntnisgewinn […]“

Ein anderer Leser:
„Man erfährt kaum mehr, als man eh schon aus den Medien wusste. Dann ist das Buch recht mäßig geschrieben bzw. lektoriert. Insgesamt ein äußerst mittelgutes Werk, das sich liest, als sei es mit heißer Nadel fertiggestrickt worden.“

Das fügt sich ins Bild der Reortage.

Photo: Flickr CC Lizenz soldiersmediacenter
Photo: Flickr CC Lizenz babasteve

2 Comments

  1. Habe gerade Ihren Bericht gelesen. Ich war selbst schon mit der Bundeswehr in Afghanistan. Und auch in anderen Kriegsgebieten in denen keine Bundeswehr einen beschützt. (Übrigens habe ich in Afghanistan sehr nette deutsche Soldaten getroffen und in der Transall waren alle ohne Schutzweste und Helm und schon gar nicht bewaffnet). Warum sollte denn ein Akademiker nicht einmal aus seiner Schreibstube in ein Kriegsgebiet und mit seinen unbedarften Augen berichten, was er dort wahrnimmt? Vielleicht empfinden es die Leser der Wochenendbeilage der Süddeutschen mal als wohltuend, eine unbedarfte Reisebeschreibung zu lesen. Warum sollten nur erfahrene Kriegsberichterstatter immer wieder die selben Phrasen dreschen und ihre immer schon vorgefassten Meinungen verzapfen (verzeihen Sie den Ausdruck)?
    Hat der Mann so unrecht? Wie stabil die Lage in Afghanistan nach neun Jahren Krieg ist, hat man im „relativ ruhigen“ Masar e Sharif gesehen, durch das ich noch selbst mit den Feldjägern gelaufen bin und einige Wochen später stürmen erboste Afghanen (keine Taliban) die UN-Vertretung und töten acht Menschen, weil in den USA ein Irrer einen Koran verbrannt hat.
    Übrigens haben nur die Afghanen so reagiert, weil der unzuverlässige Präsident Karsai seine Bürger von dem Vorfall in Kenntnis gesetzt hat. In keinem anderen arabischen oder muslimischen Land gab es ähnliche Ausschreitungen.

    Einen allerdings braucht nun wirklich niemand im Kriegsgebiet: Peter Scholl-Latour. Denn er hat schon viel Unsinn verzapft und in früheren Jahren seine Berichte manipuliert damit sie besser ins Klischee passen. Und selbstherrlich, wie er ist, lässt er natürlich auch nur seine Meinung gelten.

    Mit freundlichen Grüßen

    Sylvia Gierlichs

  2. Liebe Frau Gierlichs, danke für Ihren Beitrag. Natürlich bleibt es allen Journalisten oder Publizisten belassen „unvoreingenommen“ über ein Thema ihrer Wahl zu schreiben, und sichwerlich haben Sie recht, wenn eine Abwechslung von den „üblichen Verdächtigungen“ vor Ort gut tut. Nur stellt sich die Frage zu welchen Schlüssen jemand kommt, der bislang offenbar sehr weit weg von jeglichem Kriegsgeschehen war oder zumindest den Eindruck vermittelt, dass dem so ist. Dann fährt einem natürlich der erste gehörte Schuß schon mächtig in die Glieder. Daraus wird dann rasch eine Lage beschrieben, die den wirklichen Umständen möglicherweise nicht gerecht wird. Dass er gewissermaßen im nachhinein recht bekommt – und vielleicht schon damals recht hatte – mit der Einschätzung der prekären Lage, ändert nichts an den meines Erachtens berechtigten Zweifeln, ob jemand ganz unbedarftes eine gute Analyse verfassen kann. Zu oft wird ein „guter Text“ verwechselt mit einer gelungenen Analyse. Es liest sich halt so schön. Kurzum: Ich kann Ihre Einwände nachvollziehen und will sie auch gar nicht beiseite wischen, aber Zweifel an der Eignung solcher „Reporter“ bleiben bestehen.
    Schöne Grüße ins schöne Nürtingen!

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