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Williamson, Chameini und das Existenzrecht Israels

Sunday, January 31st, 2010

Der antisemitische katholische Fundamentalist, Bischof und führende Kopf der Pius-Bruderschaft Richard Williamson macht erneut von sich reden.

Unlängst sorgte er für  Schlagzeilen als Leugner des Holocaust (zwei- bis dreihunderttausend Juden seien in den Konzentrationslagern umgekommen, aber keiner davon in den Gaskammern, schämte er sich nicht zu behaupten).

Nun legt er nach – gewissermaßen zeitlich passend zum internationalen Holocaust-Gedenktag – und stellt das Existenzrecht Israels in Frage. Ironischerweise gibt sich der Katholik damit radikaler als die Hamas. Einer ihrer führenden Köpfe hat angedeutet, seine Palästinenserorganisation würde unter bestimmten Bedingungen das Existenzrecht Israels anerkennen.

Beinahe scheint es, als hätte sich Williamson mit Teheran als dem notorischen Erzfeind Israels koordiniert. Denn gerade hat der geistliche Führer des Landes Ajatollah Ali Chameini davon gesprochen, dass Israel der “Zerstörung geweiht” sei.

Nun ist es eins, die Araber- oder Palästinenserpolitik Israels zu kritisieren – wofür es zahllose Argumente gibt- und ein anderes, die Existenz Israels schlechterdings in Frage zu stellen.

Nicht selten trifft man in israelkritischen Kreisen auf haarsträubende Gleichgültigkeit oder gar insgeheime Zustimmung, wenn aus der einen oder anderen radikalen Ecke (Vernichtungs-) Drohungen gegenüber Israel kommen, oder wenn im scheinbar stets legitimen “Diskurs” erörtert wird, wie es um das Existenzrecht Israels bestellt ist angesichts der Ungerechtigkeiten, die die Gründung und die Politik Israels bis heute mit sich brachte und mit sich bringt.

Falsch.

Die israelische Politik gegenüber den Palästinensern ist in hohem Maße kritikwürdig. Das Recht der Israelis (oder Juden) auf einen eigenen Staat in einem Terrain, das sie grundsätzlich ebenso lange besiedeln wie andere Völker, steht außer Frage. Die Vertreibung der Juden durch die Römer ab 70 n.C. war schliesslich erzwungen.

Zahllose Bücher wurden darüber verfasst, wem das Land “gehört”. Letztlich ist diese Debatte fruchtlos. Denn jede erste Besiedlung eines Stücks Land ist letztlich “zufällig”. Die schon immer von Gott / Allah Gelenkten mögen das anders sehen, mag sein. Im übrigen werden sich die die, die schon “da” sind (oder in Mehrzahl da sind), immer sträuben gegen andere, die hinzukommen wollen.

In der Zeit, in der Israels Gründung anstand, war Palästina britischer Herrschaftsbereich. Zuvor war das Gebiet unter türkischer Herrschaft. Es gab kein “palästinensisches Palästina”, allenfalls der Einwohnermehrheit nach.

Insofern fiel die (von der UN völkerrechtlich sanktionierte) Gründung Israels in eine Art hoheitliche Grauzone. Aber darum geht es letztlich gar nicht. Es geht darum, dass Menschen, dass Nationalitäten ein Recht auf Selbstbestimmung haben. Kurzum: Recht auf ein eigenes Stück Land.

Was den Palästinensern nicht vorenthalten werden darf, darf den Israelis / Juden ebenso nicht. Punkt. Diese rote Linie darf nicht überschritten werden. Wer es dennoch tut, soll so offen sein, sich als inhuman oder – wenn  man so will – faschistisch zu erkennen geben.

Einen unverändert gültigen Beitrag zum Thema “ist Einwanderung mit dem Ziel der Nationenbildung in bereits bewohntes Gebiet legitim?” stammt aus der Feder einer der prominentesten Köpfe der zionistischen Bewegung, Vladimir Jabotinsky, verfasst im Jahr 1936:

[...] Unbevölkerte Inseln gibt es auf dem Erdball nicht mehr.

In welche Oase man einschlüpfen möchte, überall sitzt seit altersher ein Bodenständiger, er hat dort seinen Wohnsitz seit undenklichen Zeiten und er begehrt weder eine künftige Majorität, noch selbst nur einen größeren Zufluß an Ankömmlingen.

Mit einem Worte wenn es in der in der Welt ein Volk ohne Boden gibt, dann ist das bloße Träumen von einer nationalen Heimstätte unethisches Beginnen. Die Obdachlosen sollen für immer heimlos bleiben – aller Boden ist bereits verteilt und Schluß. So fordert’s die Ethik.

In unserem Falle hat diese Ethik ein besonders merkwürdiges »Aussehen«. Es gibt von uns, wie verlautet, 16 Millionen in der Welt: die Hälfte davon führt buchstäblich das Leben eines verjagten Hundes.

Araber gibt es 38 Millionen, sie umfassen Marokko, Algier, Tunis, Tripolis, Ägypten, Syrien, Arabien und Mesopotamien, eine Fläche (die Wüsten nicht mitgerechnet) von der Größe des halben Europa.

Auf diesem Riesenterritorium befinden sich je 16 Araber auf einer englischen Quadratmeile; es ist von Wert, zum Vergleich in Erinnerung zu bringen, daß in Sizilien 352 Menschen und in England 669 auf eine Quadratmeile entfallen.

Von noch größerem Vorteil ist es, sich zu erinnern, daß Palästina annähernd den zweihundertsten Teil dieses Territoriums darstellt.

Aber wenn das obdachlose Judentum für sich Palästina beansprucht, erweist sich das als »unmoralisch«, weil die Einheimischen dies für sich als unbequem betrachten. [...]

Der Boden gehört nicht denen, die davon zuviel besitzen, sondern denen, die keinen haben.*

Figuren wie Williamson oder Chameini geht es nicht um “Israelkritik”. Es sind Volksverhetzter und Völkermörder im Geiste. Kritiker Israels sollten gut aufpassen, wie sehr sie sich im Rahmen ihrer Argumentationen in die Nähe solcher Gesellen begeben.

– MK

(Photo: Jabotinsky, Wikipedia CC Lizenz)
* zitiert aus: Zionismus, Hg. Julius Schoeps, München 1973
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Wenn der Papst ein Obama wäre

Tuesday, February 3rd, 2009

betitelt der Theologe Hans Küng einen aktuellen Beitrag in der Süddeutschen Zeitung und nimmt dem Leser gleich zu Beginn jede Hoffnung, dass dem so sein könnte: “Aber leider ist er ein Bush: Dem Pontifex bedeuteted Versöhnung mit einigen Erzreaktionären mehr als das vertrauen in Millionen.”

Damit trifft Küng den Nagel auf den Kopf und fährt mit großer Präzision in seiner Analyse fort.

Was Benedikt mit Bush gemeinsam hat:

  • Visionslosigkeit
  • Lernunfähigkeit
  • Ja-Sager als Berater
  • Rückwärtsorientierung
  • Befangenheit in Angstvorstellungen
  • Reformverweigerung
  • zunehmender Vertrauensverlust
  • Aufwertung des konservativ-reaktionären Flügels

Wäre Benedikt ein Obama, würde er:

  • die Krise der Kirche und deren Ursachen deutlich ansprechen (wie priesterlose Gemeinden, Nachwuchsprobleme)
  • neue Visionen entwickeln und Handlungen daraufhin auslegen (bessere Verständigung mit anderen Religionen, Respekt gegenüber den Wissenschaften, dringend nötige Reformmaßnahmen per dekret sofort einleiten, ein Konzil für einen Richtungswechsel einberufen)

Da aber Benedikt kein Obama ist und die Reformen dringend nötig sind, muß nach Küng das Episkopat aktiver werden. Die Stimmen all derer, die die Kirche zukunftfähig gestalten wollen, müssten gegenüber dieser erstarrten Kirchenführung laut vernehmlich sein und sich durchsetzen. Ob man das könne? fragt Küng und antwortet sehr modern: Yes, we can!

Abwicklung des Zweiten Vatikanischen Konzils

Heribert Prantl hat in einem anderen Beitrag der SZ einen wesentlichen Aspekt der Ära Benedikt trefflich charakterisiert, indem er urteilt, dieser deutsche Papst habe das auf Öffnung bedachte Zweite Vatikanische Konzil inzwischen “abgewickelt”:

Die Hoffnung vieler römischer Katholiken darauf, dass Benedikt den Zugang zum Priesteramt erleichtern werde, waren wohl von vornherein irreal; die Hoffnung auf mehr Mitsprache der Laien auch.

Immer mehr Gläubige haben das Gefühl, nicht als Mitglieder der Kirche respektiert, sondern als die Schafe des Vatikans behandelt zu werden. Die Rufe “Wir sind Kirche” prallen ab an den Mauern des Vatikans.

Das kommt dem erzkonservativen Kirchenverständnis der Pius-Bruderschaft und ihrer Bischöfe entgegen, deren Exkommunikation der Papst rückgängig gemacht hat.

All die reaktionären Tendenzen kulminierten vor wenigen Tagen, als Rom die Exkommunikation von vier Bischöfen aus der Anhängerschaft des erzkonservativen Bischofs Marcel Lefebvre aufgehoben hatte. Darunter ist auch Bischof Richard Williamson, der öffentlich den Holocaust geleugnet hatte. Entsprechend groß war und ist das Entsetzen und das Unverständnis sowohl innerhalb wie außerhalb der katholischen Welt.

Angela Merkel: Papst hat “theologische Strahlkraft”

Wer den Papst kritisiere, verkenne die Intention seiner Rede, sagte die CDU-Chefin.

Sie meinte zu einem anderen Aspekt: Ich “glaube, dass es ganz wichtig ist, dass wir Wege der Ökumene finden, ohne das Trennende unter den Tisch zu kehren. Ich habe den Eindruck, dass der Heilige Vater diesbezüglich auch sehr aufgeschlossen ist.

Sodann beglückwünsche sie den Heiligen Vater: „Mit theologischer Strahlkraft, tiefer Glaubensstärke und persönlicher Überzeugung gestalten Sie seit Jahrzehnten in der Katholischen Kirche und in die Gesellschaft hinein“.

Verzeihen Sie, das war ein kleiner editorischer Fehler: Die soeben dargelegten Merkel-Zitate stammen aus den in-love-with-Benedetto-days der Jahre 2006/07.

Heute, , hat der Bundeskanzler die Lage gesichtet und – handelt

Angela Merkel, die sich nie als erste aus dem Fenster lehnt, sondern wendeköpfig wartet, wohin der Wind weht, hat nun Benedikt angesichts des unüberhörbaren öffentlichen Aufschreis um die heikle Holocaust-Leugnung Williamsons ein bisschen entschlossen bekrittelt. Der müsse sich erklären, meinte sie sinngemäß.

Da wird sich der Papst warm anziehen, wenn so ein scharfer Wind aus Berlin weht. Oder auch nicht, denn Frau Merkel erhielt prompt eine bayerisch-päpstliche Watsch’n.

UPDATE 04.02.2009

Heute kommentiert der Rabbiner Walter Homolka, Rektor des Abraham-Geiger-Kollegs der Universität Potsdam und dortiger Honorarprofessor, in der SZ “Außenansicht” die Haltung der Katholischen Kirche.

Es gehe beim aktuellen Geschehen nicht um den Einzelfall der Versöhnung mit vormals exkommunizierten “Traditionalisten-Bischöfen”. Es gehe auch nicht um “Management-Fehler” innerhalb der Kurie, aufgrund derer es zu diesem Vorfall gekommen sei. Es gehe vielmehr um die dahinter stehende Gesinnung: “dass der Papst Abtrünnige und Rückwärtsgewandte ohne jede Vorbedingung in den Schoß der Kirche zurückkehren lässt”.

Inzwischen sei die Missionierung von Juden aus Sicht Roms wieder opportun. Die Katholische Kirche meine, sie müsse die aus ihrer Sicht auf niederer Stufe stehenden Juden zu sich emporheben. Daher auch die wieder eingeführte Freitagsfürbitte: “Wir wollen auch beten für die Juden, dass unser Gott und Herr ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus erkennen als Heiland aller Menschen.” Diese Formulierung stammt von Papst Benedikt höchtpersönlich.

Die wieder aufgenommenen Bischöfe entstammen der Denkschule des 1991 verstorbenen Bischofs Marcel Levebvre.

Franz Schmidberger als der deutsche Statthalter der Lefebvristen (= Pius-Bruderschaft) äußerte im Dezember 2008 in einem Rundschreiben an 27 deutsche Bischöfe:

Die Juden unserer Tage (…) sind des Gottesmordes mitschuldig, solange sie sich nicht durch das Bekenntnis der Gottheit Christi und die Taufe von der Schuld ihrer Vorväter distanzieren.”

Durch den Gnadenakt Benedikts wird diese Gesinnung faktisch hoffähig gemacht.

Das ist eine gottverdammte Schande.

Homolka hat in seiner Kritik an Rom nichts anderes als die Wahrheit gesprochen.

Die Welt leidet genug an christlichen Extremisten in den USA, an muslimischen Extremisten unter den Taliban, der Hamas und der Hizbollah oder jüdischen Extremisten in der Westbank, so dass wir keine weiteren in der Mitte Europas brauchen.

Wir sind Papst? Wir waren es unter Benedikt jenseits einer Einbildung noch nie.

Es bleibt zu hoffen, dass sich diese Chimäre spätestens jetzt in – Unwohlgefallen aufgelöst hat.

– MK

(Hans Küng, 80, ist emeritierter Professor für ökumenische Theologie der Universität Tübingen und Präsident der Stiftung Weltethos. 1980 ließ der Vatikan ihm die kirchliche Lehrerlaubnis entziehen.)

Leseempfehlungen: “Merkel exkommuniziert Papst” (auf dem Spiegelfechter mit einer wundervollen Photomontage!); “Das Nest des Beschmutzers” ; Papst bleibt in der Kritik;

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