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Zu deutsch-israelischen Regierungskonsultationen

Tuesday, January 26th, 2010

Ich denke, dass es außerordentlich wichtig ist, dass wir, ausgehend von der historischen Verantwortung, die Deutschland für die Existenz und für die Zukunft Israels hat, immer wieder darum ringen, nicht nur in den außen- und sicherheitspolitischen Fragen eng zusammenzuarbeiten, sondern auch unsere bilateralen Beziehungen in der gesamten Breite zu entwickeln.

Das sage nicht ich. Das waren die Worte von Angela Merkel zum zweiten Treffen des deutschen und israelischen Kabinetts am 18.01.2010 in Berlin.

Gibt es dagegen etwas einzuwenden?

Ja. Die Bedeutung der Formulierung “ausgehend von der historischen Verantwortung”, die Deutschland “für die Existenz und für die Zukunft Israels” habe, die sie jenseits des objektiven Wortsinns hat.

Die Redewendung von der “historischen Verantwortung” ist längst eine deutsche Standardformel. Dennoch stellt sich die Frage, was genau man darunter zu verstehen hat und – wichtiger – was genau Deutschland in Umsetzung dieses Motivs als aktive Politik betreibt.

Die Verantwortung Deutschlands resultiert aus der Schuld des deutschen, nationalsozialistischen Völkermord-Versuchs. Der Holocaust wird für unabsehbar lange Zeit ein Schandfleck unserer Vergangenheit bleiben.

Was aber genau resultiert jenseits von subjektiven Schuldgefühlen aus einer solchen Schuld? Zur Schuldfrage im allgemeinen hat Karl Jaspers 1946 einen vielbeachteten Beitrag geliefert. Darin unterschied er zwischen vier Schuldarten:

  • kriminelle Schuld (individuell widerrechtliches Verhalten)
  • politische (staatliche)
  • moralische (Wenn ich nicht alles unternehme, um etwas Schuldhaftes zu verhindern, bin ich moralisch mitschuldig)
  • metaphysische (Mitschuld am allgemeinen Unrecht in der Welt durch den Sündencharakter des Menschen)

Die für diese Schuldkategorien zuständigen Instanzen sind:

  • Gerichte
  • staatliche Gewalt (hier: Siegermächte mit z.B. dem Nürnberger Tribunal oder – aus halb freiwilliger Eigeninitiative von Deutschland aufgenommenen Wiedergutmachungsverhandlungen)
  • Gewissen (des Individuums)
  • Gott

Da es sich beim Massenmord an den jüdischen Bürgern allem voran um einen staatlich geplanten und durchgeführten kriminellen Akt handelte, greift vor allem die Kategorie der politisch-staatlichen Schuld. Sodann folgt die kriminelle Schuld der am Genozid direkt oder indirekt beteiligten Täter, schließlich die die moralische Schuld der “Mitläufer / Mitwisser”.

Die oben genannten Instanzen haben in den Jahrzehnten nach 1945 insgesamt mehr schlecht als recht funktioniert. Zwar kam es in Nürnberg zu einer gewissen Anzahl an Verurteilungen gegenüber Vertretern der NS Staatsmacht, zwar kam es in den Auschwitz-Prozessen zu wenigen Aburteilungen von kriminellen Individuen, zwar gab es individuelle Anklagen wie heute aktuell gegen John Demjanjuk.

Auch kamen die teilweise erbittert ausgehandelten und mit härtesten Bandagen ausgefochtenen Wiedergutmachungsverhandlungen* zwischen Deutschland und Israel  zu einem Ergebnis, das zumindest der Form halber seitens der betroffenen staatlichen Akteure Israel, Deutschland und den USA akzeptiert wurde. Dass die moralische Schuld nicht angemessen aufgearbeit worden sei, war der große Vorwurf der 68er gegenüber der Elterngeneration. Was schließlich die metaphysische Schuld anbelangt, so tat vor allem die katholische Kirche mehr dafür sich und ihre Gläubigen in Schutz zu nehmen, als sich und die Gläubigen dazu zu bringen, sich den Ungeheuerlichkeiten der Nazi-Jahre zu stellen.

Begleichung von Schuld richtet sich nach Art und Umfang der Schuld. Solange sie sich im rechtlichen Rahmen bewegt (in Abgrenzung zu “der Sieger nimmt sich alles”) ist die Schuldbegleichung stets konkret. Auf der staatlichen Ebene, die hier alleine interessiert, können das vor allem völkerrechtliche Strafmaßnahmen wie Reparationszahlungen sein, Erbringung von Leistungen oder auch oktroyierte Entscheidungen, die die staatliche Integrität betreffen (Abtrennung von Gebieten).

Eins ist Schuldbegleichung auf staatlicher Ebene nie: Unspezifisch, beliebig, oder vom inhaltlichen oder zeitlichen Umfang her unbegrenzt (in Abgrenzung von individuellen Entscheidungen, wie mit Schuld umzugehen sei).

Das oben angeführte Zitat von Frau Merkel ist dem objektiven Wortsinne nach vertretbar. Doch die Praxis sieht anders aus. Es geht in der deutschen Politik gegenüber Israel eben nicht um die Umsetzung der Lehre von Auschwitz, die da allem voran heißt “es darf nie wieder geschehen”, und in Ableitung daraus “die Menschenrechte haben immer und überall gleich viel zu gelten”. Es geht statt dessen um die Umsetzung eines diffusen Schuldgefühls. Die schuldhafte Vergangenheit ließ erst Bonn, läßt jetzt Berlin wegsehen vor dem längst “anderen Israel”.

Was daher abzulehnen ist, ist der Gebrauch des Holocaust für tagespolitische Zwecke seitens Israel. Kein offizieller Vertreter deutscher Politik kommt in Israel umhin, die Gedenkstätte Yad Vashem zu besuchen. Als Privatperson lege ich jedem und jeder Deutschen nahe, nach Yad Vashem zu gehen. Es bleibt aber ein ungutes Gefühl, wenn man zu so einer Visite genötigt wird. Unbeeindruckt bleibt dort keiner, auch kein ansonsten dickfelliger Berufspolitiker.

Doch was bedeutet das für nachfolgende politische Gespräche? Dass sie auf deutscher Seite zwangsläufig unter einem gehörigen psychologischen Druck geführt werden. Dass dabei wohl Entscheidungen oder Zugeständnisse getroffen werden, die unter anderen Umständen nicht getroffen würden. Das mag noch hinnehmbar sein in Bezug auf wirtschaftliche oder kulturelle Vereinbarungen.

Spätestens bei sicherheitspolitischen Themen, die sich auf den gesamten Nahen Osten und darüber hinaus auswirken, ist das nicht mehr akzeptabel. Die Schuld der Vergangenheit kann nicht und darf nicht gesühnt werden durch willfähriges deutsches Wegsehen angesichts einer fortgesetzten israelischen Unterdrückung der palästinensischen Bevölkerung, die sich zuletzt zu einem desaströsen Rachefeldzug namens “Gegossenes Blei” gegen Gaza steigerte.

Die Lebenden dürfen nicht unter den Toten leiden. Palästinenser dürfen nicht büssen für die deutschen Verbrechen an Juden. Sieht aber Berlin immer wieder weg von der teils filigran, teils grob organisierten, doch fast fast immer brutal umgesetzten Besatzungspolitik Israels in Samaria und Judäa (das palästinensische Westjordanland) und Ostjerusalem, wird eine der schrecklichen Lehren aus der Nazizeit mißachtet:

Schützt die Schwachen, denn die Starken helfen sich selbst.

Inzwischen gibt es in Berlin das Denkmal für die ermordeten Juden in Europa. Offenbar wurde zwischen Jerusalem und Berlin vereinbart, zum Auftakt der jüngsten gemeinsamen Kabinettsrunde dieses Denkmal aufzusuchen. Kanzlerin Merkel sagte:

“Wir haben heute das Denkmal für die ermordeten Juden in der Mitte Berlins gemeinsam besucht. Wenn man sich anschaut, was noch vor 65 Jahren die Realität war und welche Schrecknisse der Holocaust entfaltet hat, so ist es ein Glück, darf ich für meine Generation sagen, dass wir heute mit einer israelischen Regierung so eng kooperieren können.”

Auch diesem Satz kann – nimmt man ihn wörtlich – kaum widersprochen werden. Und doch fällt er ins selbe Schema. Berlin – oder Frau Merkel – soll erst einmal darauf “eingestellt” werden, um was es im Verhältnis mit Israel geht.

Das ist der heikle Punkt.

Das Verhältnis Deutschland – Israel soll nach dem Willen Jerusalems nicht vorrangig auf dem Heute basieren, sondern auf Auschwitz.

Darum wären deutsch-israelische Konsultationen zu begrüssen – würden sie denn auf derselben Augenhöhe stattfinden. Aber ebenso, wie zuletzt der türkische Botschafter in Israel einbestellt und in gleichermaßen arrogant wie kindischer Weise gegenüber den normal sitzenden israelischen Vertretern auf ein extrem niedriges Sofa gesetzt wurde, soll deutsche Politik in Sachen Israel beständig von einem niedrigen Sofa aus stattfinden.

Heute und morgen ist Israels Staatspräsident Shimon Peres zu Gast in Berlin. Die Webseite der Kanzlerin informiert dazu wie folgt:

“Empfang des israelischen Präsidenten

Dienstag, 26. Januar 2010

Mittags empfängt die Kanzlerin den israelischen Präsidenten Shimon Peres im Bundeskanzleramt. Voraussichtliche Themen: Nahost-Friedensprozess und bilaterale Beziehungen.

Anschließend sind Holocaustüberlebende, darunter der Präsident und der Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, Noach Flug und Christoph Heubner, im Kanzleramt.”

– MK

(Photomontage: T.A.B.)

* Dieser äußerst heikle Aspekt ist kaum irgendwo nachzulesen, man muss in die Archive bzw. in die editierten Quellenbände.

Wenn ich nicht tue, was ich kann, um es zu verhindern, so bin ich mitschuldig
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Alfred Grosser: Deutschland, Europa und der Nahostkonflikt

Sunday, May 31st, 2009

“Ich bin ein jüdisch geborener, geistig mit dem Christentum verbundener Atheist.” Man muss sich bei einem derart heiklen Thema wie “Deutschland und der Nahostkonflikt” schließlich vorstellen, meinte der 84jährige Altmeister der europäischen Politologie Alfred Grosser zum Auftakt eines gleichermaßen kenntnisreichen wie klarsichtigen Vortrags und bot dazu diese Selbstbeschreibung.

Grundübel: Mißachtung des ganzen Menschen

Geboren wurde Grosser 1925 in Frankfurt am Main. Gleich zu Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft 1933 wanderte die Familie Grosser aus. Einer der Gründe war, dass die Nazis die Juden auf eine einzige Identität reduziert haben.

Den Menschen, so Grosser, darf man nicht auf nur eine Identität begrenzen. Grosser selbst ist Franzose – und zwar ein waschechter. Einschließlich des den Franzosen innewohnenden Hangs zur Selbstüberschätzung, wie er mit entwaffnend spitzbübischem Lachen betonte. Daneben hat er weitere Identitäten, unter anderem die jüdische.

Jad Vashem

Auschwitz und das Leid der anderen: Vergleichbar und denkbar

Auschwitz ist selbstverständlich von großer Bedeutung für das Verhältnis der Deutschen zu den Juden und zu Israel. Doch sind die in diesem Kontext verwendeten Attribute “undenkbar” und “unvergleichbar” wenig hilfreich.Wer undenkbar sagt, hat gerade darüber nachgedacht, und wer etwas unvergleichbar findet, hat es offenkundig zuvor einem Vergleich unterzogen.

Worum es aber bei Auschwitz geht – und damit kam Grosser zu seinem wohl zentralen Anliegen -, ist das Leid der anderen. Die vordringliche Aufgabe, um zu Versöhnung und Frieden zu gelangen, besteht eindeutig darin, das Leid der jeweils anderen anzuerkennen.

Daher ist er mit dem jetzigen deutschen Papst Benedikt, mit dem ihn ansonsten wenig verbindet, einmal einer Meinung sein: Denn Benedikt sprach während seines Besuchs im Heiligen Land über das Leid der Palästinenser, über das Unrecht der Mauer und über das Anrecht des palästinensischen Volkes auf einen souveränen, unabhängigen Staat. Zum Besuch des Papstes soll auch erwähnt werden, dass er beinahe dazu genötigt wurde, die Eltern des entführten und seit langem in Haft der Hamas befindlichen israelischen Soldaten Gilad Shalit zu besuchen. Der Papst bestand aber darauf, auch Eltern von palästinensischen Häftlingen zu sehen, denn Tausende Palästinenser sitzen in israelischen Gefägnissen, ohne je angeklagt oder verurteilt worden zu sein.

Auschwitz nicht die Grundlegung Israels

Auschwitz ist entgegen landläufiger Meinung nicht die Geburtsstunde Israels.

Auch in Deutschland ist diese Auffassung verbreitet. So hat ausgerechnet der außenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, Eckardt von Klaeden, anlässlich des 60jährigen Bestehens von Israel in einer Bundestagsrede formuliert:

” Die Gründung des Staates Israel und seine moralische Legitimation als jüdischer Staat sind in dem Holocaust begründet.”

Dass die Gründung des Staates Israel auf den Holocaust zurückzuführen ist, ist für sich genommen schwer haltbar. Irritierend und bedenklich ist allerdings der Satz Klaedens, Israel beziehe “seine moralische Legitimation als jüdischer Staat” aus dem Holocaust. Umgekehrt kann dies nur bedeuten, dass Israel kein Existenzrecht hätte, wenn nicht zuvor der Versucht der Ausrottung des jüdischen Volkes stattgefunden hätte. Die Qualität von Klaedens betont Israel-loyaler Rede wurde nicht dadurch besser, dass er die Kritiker des sogenannten Sicherheitszauns antisemitisch nannte. Damals freilich wußte Klaeden nicht, dass im Jahr darauf Papst Benedikt zu den Kritikern des Zauns gehören würde.

Den in Wirklichkeit wohl wichtigsten Anstoß zur Gründung Israels hatte im 19. Jahrhundert der französische Arzt Theodor Herzl gegeben, als er infolge seiner Verbitterung über die antisemitische Stimmung in Frankreich zu Zeiten der Dreyfus-Affäre eine jüdische Heimstätte forderte.

Auf dem daraufhin einberufenen Ersten Zionistenkongreß in Basel im Jahr 1897 wurde im sogenannten Basler Programm unter anderem folgendes postuliert:

„Der Zionismus erstrebt die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina für diejenigen Juden, die sich nicht anderswo assimilieren können oder wollen.“

In den folgenden Jahren etablierte sich die zionistische Bewegung, und lenkte die Einwanderungsströme von Juden aus ganz Europa nach und ins britisch besetzte Palästina.

Die eindeutig treibende Kraft unmittelbar vor der Staatsgründung war über lange Jahre der spätere erste Ministerpräsident David Ben Gurion.

Im Februar 1937 erklärte er: “[...] der wahre Inhalt des Zionismus ist die Befreiung aller Juden, die durch ihre Ansiedlung in Palästina befreit werden können und befreit werden wollen. Ein Judenstaat, der die jüdische Einwanderung beschränken würde, wäre eine Verfälschung des Zionismus.”(1)

In seiner Funktion als Vorsitzender der zionistischen Exekutive bereiste zum zweiten mal im Mai 1942 die USA – also zu der Zeit, zu der in Osteuropa die Deportationen in die Vernichtungslager erst anliefen – , um das amerikanische Judentum für die Errichtung des Staates Israel nach dem Krieg zu mobilisieren.(2)

Als Ben Gurion in Palästina die Nachrichten vom Holocaust erreichten, riet er nach ersten Bemühungen von weiteren Rettungsversuchen ab. Dafür würden die eigenen Kräfte und Mittel nicht reichen. Man müsse sich vielmehr auf die Gründung des eigenen Staates konzentrieren. Die Schrecken der Morde sei dafür ein umso größerer Antrieb: “Tragedy is a power – if directed in the right direction.“(3)

Lesen Sie bitte den Rest des Beitrags auf dem FREITAG.

Teil II in Kürze

– MK

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(1) David Ben Gurion: “Israel. Der Staatsgründer erinnert sich.” (Fischer TB 1998, S. 29)

(2) dto., S. 32

(3) Hanan Porat, Ben Gurion and the Holocaust, S.151

(4) Tom Segev, Die siebte Million, Hamburg 1995, S. 410

(5) Shmuel Eisenstadt, Die Transformation der israelischen gesellschaft, F.a.M. 1992, S. 265f.

PS. 1: Der Bericht ist keine 1:1 Wiedergabe der Erörterungen Prof. Grossers, aber nach bestem Gewissen der Versuch einer getreulichen Wiedergabe der wichtigsten Punkte. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurde auf die indirekte Rede verzichtet.

Meinungen, die die Meinung des Verfassers und nicht die von Prof. Grosser wiedergeben, sind in Form von Einrückungen erkennbar. Hintergrundinformationen und Hinweise, die über die Beiträge Herrn Grossers hinaus gehen sind ebenfalls als Einrückung kenntlich gemacht.

PS. 2.: Am morgigen 01. Juni des Jahres 1962 wurde in Israel das Todesurteil gegen den vormaligen SS Obersturmbannführer Adolf Eichmann, den Organisator der Transporte in die Konzentrationslager, durch den Strang vollstreckt.

* Prof. Dr. Alfred Grosser wurde 1925 in Frankfurt geboren und ist seit 1937 französischer Staatsbürger. Er ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft am Institut d’Etudes Politiques in Paris und Journalist, außerdem Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, Träger des großen Verdienstkreuzes mit Stern und Schulterband der Bundesrepublik Deutschland, der Wilhelm-Leuschner-Medaille 2004 sowie vieler anderer Auszeichnungen und Preise. Er ist Autor zahlreicher Publikationen und versteht sich dabei als “Mittler zwischen Franzosen und Deutschen, Ungläubigen und Gläubigen, Europäern und Menschen anderer Kulturen”.

Am 26.05.2009 hielt Prof. Grosser einen Vortrag zum Thema “Deutschland, Europa und der Nahostkonflikt” im Münchner Kulturzentrum Gasteig. Gastgeber war das Palästina-Kommittee München gemeinsam mit palästinensisch-jüdischen Dialoggruppen. Die Leitung hatte Fuad Hamdan vom EineWeltHaus in München.

(Photo: (c) Michael Kachel)
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Nochmals: Stockhausen zum 11.September

Thursday, September 11th, 2008

UPDATE 12.09.2009: Einen bitteren Kommentar auf diesen Blogbeitrag nehme ich zum Anlass, den Artikel zu präzisieren. Präzisieren heißt nicht ändern, sondern detaillieren. Auch wenn mich der harsche Ton der Kritik nicht gefreut hat, bedanke ich mich insofern dafür, als ich mir nochmals weitergehende und vielleicht klärende Gedanken machen konnte. Die Kritik lautete:

“Wenn Sie mal lesen wollen, welcher Blödsinn in der Blogosphäre manchmal geschrieben wird, schauen Sie sich den heutigen Artikel des “Transatlantikblogs” zum 11. September an.

Der Gedankengang dieses Artikels ist falsch, abstoßend und zynisch. Die Realisierung monströser Phantasien, die das Töten von Menschen zum Inhalt haben, ist Kunst? Der Holocaust war Kunst? Auschwitz – ein Happening? Selten so einen ärgerlichen Blödsinn gelesen. Markus Wichmann.”

——-

Eine Woche nach den verheerenden Anschlägen des 11. September gab der Komponist Karl-Heinz Stockhausen dem Norddeutschen Rundfunk ein Aufsehen erregendes Interview.

Darin sprach er vom Kunstcharakter des Anschlags:

Also – was da geschehen ist, ist natürlich – jetzt müssen Sie alle ihr Gehirn umstellen – das größtmögliche Kunstwerk was es je gegeben hat, dass also Geister in einem Akt etwas vollbringen, was wir in der Musik nie träumen könnten, dass Leute zehn Jahre üben wie verrückt, total fanatisch für ein Konzert und dann sterben.

Das ist das größte Kunstwerk, was es überhaupt gibt für den ganzen Kosmos. Stellen sie sich das doch vor, was da passiert ist, das sind Leute, die sind so konzentriert auf das, auf die eine Aufführung und dann werden 5000 Leute in die Auferstehung gejagt in einem Moment. Das könnte ich nicht. Dagegen sind wir gar nichts als Komponisten [...]

Das hört sich zunächst nicht anders an, als würde da ein Irrer reden.

Nun ja, Stockhausen:

… sein popaffines Projekt wie das Helikopter-Streichquartett …

… dieser experimentelle kompositorische Charakter…

… dessen stark in Einzelereignisse wie Tonpunkte und -gruppen zersplittertes Klangbild …

… seine Hinwendung zu intuitiver und kosmischer Musik …

Und doch muß man nur ein, zwei andere große Geister heranziehen, um diese gewagte Äußerung in einem anderen Licht zu sehen, denn eins ist klar: Stockhausen hatte selbstverständlich nicht im Sinn, irgendetwas an 9/11 gut zu reden oder zu verharmlosen.

Lee Harris meint im Merkur:

Es waren gigantische Requisiten in einem bombastischen Spektakel, worin die Kollektivphantasie des radikalen Islam anschaulich verkörpert wurde:

Nur eine Handvoll Muslime – Männer, deren Wille absolut rein war, wie ihr Märtyrertum bewies – brachten die vom Großen Satan errichteten hochmütigen Türme zu Fall.

Konnte es einen besseren Beweis dafür geben, dass Gott auf der Seite des radikalen Islam stand und das Ende der Herrschaft des Großen Satans nahe war?

Nur: Es war ebensowenig Allahs Wille, die Zwillingstürme zum Einsturz zu bringen, wie es Gottes Wille war, “es geschehen zu lassen”. Auch dann nicht, wenn unzählige Menschen in diesem oder in jenem Glauben mit jeweils völlig unterschiedlichen Erklärungsmustern daran festhalten.

Der Angriff war schlicht Menschenwerk. Brutales, verbrecherisches, menschenverachtendes Menschenwerk.

Die Realisierung einer, wie Stockhausen sagte, monströsen Phantasie. Und damit Kunst. Eine umgesetzte Todesphantasie. Mörderische Kunst.

Sagte nicht Shakespeare vollkommen zu Recht:

All the worlds a stage, and we are merely players.

Und ganz in dieselbe Richtung geht der weise Satz Friedrich Nietzsches, die Welt liesse sich ausschließlich als “ästhetisches Phänomen” rechtfertigen. Das bedeutet, es gibt keinen tieferen Sinn in der Welt als den, den die potentiell mit großen Gaben ausgestatteten Menschen schöperisch (und zerstörerisch) hineinzulegen imstande sind.

Das kommt auch bei Heraklit und dessen Bild vom “spielenden Weltkind” zum Ausdruck, wie Nietzsche feststellt:

das Spiel des großen Weltenkindes Zeus und den ewigen Scherz einer Weltzertrümmerung und einer Weltentstehung.

Da es einen “übergeordneten Sinn” nicht gibt und es damit einer allgemeingültigen Rechtfertigung fehlt, bleibt lediglich die Perspektive des Menschen-Spektakels. Nichts anderes bedeutet die Formulierung “nur ästhetisch zu rechtfertigen”, nichts anderes bedeutet das vermeintlich vertraute Shakespeare-Wort.

Abwegig mag einem die Stockhausen-Ansicht nur dann erscheinen, wenn man sie partout als Moraläußerung zu 9/11 verstehen will. Was Stockhausen aber sagte, war ein Satz über Kunst, kein Satz über Moral.

Man nehme zum Vergleich die Sicht des Statikers, der den Einsturz der Zwillingstürme nur technisch betrachtet und dem in diesem Kontext die Äußerung, das sei “höchst interessant”, entschlüpft. Das würde im ersten Moment irritieren, aber man wüßte trotzdem um die Motivation der Äußerung und sie als legitim akzeptieren.

Nun wähnt man im Vergleich dazu die Kunst “näher” am Menschlichen und damit näher an der Moral. Das aber ist ein Trugschluß.

Dasselbe wie beim Statiker scheint mir bei der Stockhausen-Äußerung vorzuliegen. Der Komponist betrachtete 9/11 gerade nicht aus allgemein-menschlicher Perspektive, sondern aus Künstler, aus seiner Künstler-Perspektive.

Und was heißt schon allgemein-menschliche Perspektive? Eine fragwürdige Formulierung. Damit meinen wir natürlich unsere Perspektive, denn in Kairo haben sie in den Straßen getanzt beim Einsturz der Twin Towers. Alles Bestien? Nein. Menschen mit anderen Interessenlagen. Für die sind wir die Bestien.

Was hat es nun mit der Kunst-Perspektive Stockhausens auf sich?

Zwangläufig in die Irre gehen muss der, der unter “Kunst” etwas “Schönes, Wahres, Gutes” oder wenigstens etwas nie Schlechtes oder – noch vulgärer aufgefasst: Etwas Amüsant-Nettes versteht.

Der Kriker meinte über meinen Beitrag u.a.:

“Aus den Augen verloren hat er aber vor allem die Unterscheidung von Kunst – dem Spielerischen – und dem realen, profanen Alltagsleben.”

Nein. Kunst ist nichts Spielerisches. Jedenfalls nicht in den Augen der sehr ernsthaft wirkenden Künstler.

Stockhausen und eine Vielzahl anderer Künstler und Kunsttheoretiker würden sich gegen die Annahme des Spielerischen vehement und zurecht verwehren.

Daher ist es auch eine abwegige Kritik an Stockhausen zu sagen, 9/11 dürfe keinesfalls als Kunst interpretiert werden, denn dann könne man Ausschwitz auch als “happening” bezeichnen. Dieser Vergleich zeigt vielmehr, welche Auffassung jene Kritiker von Kunst haben: Eine harmlose. Kunst kann harmlos sein, ein happening aber ist es von Natur aus. Damit aber behauptet der Kriker, Stockhausen halte 9/11 und Auschwitz für harmlos: Eine doppelt falsche und willkürliche Unterstellung, die aus einer – jetzt passt der Begriff – harmlosen Interpretation von Kunst resultiert.

Mit Sicherheit hat Stockhausen entschieden anderes im Sinn gehabt als Harmloses, als er 9/11 und Kunst in einem Atemzug nannte.

Der personale Aspekt beim Kunstwerk muss bedacht werden

In Kunst kann alles zum Ausdruck kommen und vor allem: In der Kunst kommt der Künstler zum Ausdruck. Er stellt die Welt im Kunstwerk dar und stellt seine Welt im Kunstwerk dar.

Der Drang und bisweilen der Zwang zum Ausdruck kann extreme Formen annehmen. Nicht wenige Künstler, die ihre Profession nicht als Techniker, sondern als Künstler betreiben – wovon es nicht so viele gibt, es gibt gewiß recht viele künstlerisch wirkende Kunsttechniker – gehen dabei bis ans Äußerste ihrer Grenzen. Die Grenzen liegen ganz verschieden.

Brahms machte keinen Scherz, als er meinte, die Symphonie sei für ihn (den Künstler) eine “Angelegenheit auf Leben und Tod”.

Nietzsche bringt an vielen Stellen seiner Werke zum Ausdruck, wie existentiell und Existenz-bedrohend der Vorgang seines Denkens und Schreibens für ihn sei.

Truman Capote wähnte sich während seines monatelangen einsamen Schreibens an “Kaltblütig” dem Tod manchmal näher als dem Leben.

Ganze Schauspielphilosophien wie das method acting der Lee Strasberg leben davon, dass sie den Schauspieler in die Lage versetzen wollen, völlig in der darzustellenden Person aufzugehen. Die Konsequenzen für manche dieser grenzgängerischen Schauspieler sind Legion.

Diese Liste läßt sich beliebig lange fortsetzen.

Das alles soll heißen: Der wahre Künstler verausgabt sich in seinem Kunstwerk (=seiner Sicht der Welt) und setzt und überschreitet dabei immer neue Grenzen.

Nun setzt Stockhausen gedanklich die Linie des Grenzgangs fort und sieht die Attentäter als die radikalst mögliche Form seiner Profession. Der Künstler, der sich für sein Werk opfert.

Auch an dieser Stelle zeigt sich der unglückliche Querverweis des eingangs genannten Kritikers, man könne dann auch Auschwitz als Kunst oder gar happening bezeichnen. Keiner der NS-Vordenker und Planer der Massenmorde wäre auf die Idee gekommen, auch nur einen Kratzer für seine Schandtaten in Kauf zu nehmen. Deshalb hätte Stockhausen mit Gewißheit niemals einen Kunst- und schon gar nicht einen happening-Vergleich über Auschwitz angestellt.

Eine Aussage über Kunst, nicht umgekehrt

Stockhausen hat, so meine ich beinahe, keine Kunstaussage über 9/11 gemacht, sondern den Horror von 9/11 verwendet, um eine Aussage über Kunst zu machen. Kunst, so schien er uns sagen zu wollen, kann etwas Furchtbares sein.

Die Alltagsperspektive freilich muss die Stockhausen-Perspektive beinahe automatisch mißbilligen, da sie wenig Anlaß und normalerweise kein gedankliches Rüstzeug hat, sich in seine Künstler-Warte zu begeben.

Daraus ergibt sich dann eine letztlich kurzsichtige Haltung zur Stockhausen-Äußerung. Über diese Äußerung kann man sich dann moralisch pikieren – wie kann man nur so etwas sagen? – , während sie mit Moral gar nichts zu tun hat.

Sind die Attentäter von 9/11 Künstler? Nein, nicht aus meiner persönlichen Sicht. Kann ich die Äußerung Stockhausens dennoch akzeptieren? Ja.

– MK

PS.1:

Zur Verwendung von des Shakepeare-Zitats wurde der Vorwurf erhoben, mir würde der Sinn fürs Metaphorische des Satzes abgehen.

Nein. Wenn etwas nicht metaphorisch gemeint ist, dann die Sätze Shakespeares. Wenn es einen Realisten unter den Dichtern und Künstlern gab, dann diesen Engländer. Seine vor Blut triefenden und meist nicht gut endenden Stücke sind keine netten “Kunst”-Werke und sind doch Kunst. Nichts könnte realistischer sein als das Blut in seinen Werken. Und wir vor der Bühne sind immer auch auf der Bühne, und können von Glück reden, wenn es nicht unser Blut ist, das gerade trieft.

PS.2: Ärgerlich an o.g. Kritik finde ich vorsätzliche Überspitzungen oder Falschdarstellungen wie diese:

“Dort [in meinem Blog] versteigt man sich ernsthaft zu der These, die Terroranschläge von 9/11 sollten als “Kunstwerk” betrachtet werden.”

An keiner Stelle wurde gesagt oder intendiert, man “soll” die Anschläge als Kunst betrachten. Es dürfte bei nüchterner Lesart klar sein, dass durch den Blog Stockhausen vor einer schlecht begründeten und voreiligen Verunglimpfung in Schutz genommen werden soll.

Der Kritiker-Satz dürfte also höchstens lauten “Blog meint, 9/11 kann als Kunstwerk betrachtet werden.”

Auch das eine der Gefahren von Moral-Reflexen: Sie trüben allzu schnell die Sicht.

PS.3: Da dem Kritiker mein Stockhausen-Beitrag mißfiel, meint er offenbar sogleich, das ganze Blog verdammen zu müssen:

“(Bei den von Topblogs gelisteten 214 Politikblogs steht der Transatlantikblog derzeit immerhin an 17. Stelle.)”

Ehrlich? Das war schon mal besser….

PS.4: In der Selbstbeschreibung des Kritiker-Blogs steht:

“Das Besondere dieses Denkraums ist die Verbindung der Blickrichtungen.”

Leider legt die o.g. Kritik nahe, dass man es dort nicht so gerne hat, sich auf andere “Blickrichtungen” einzulassen. Hätte Stockhausen oder ich eine Verharmlosung von 9/11 betrieben, müsste man sich nicht auf die Blickrichtung einlassen. Stimmt. So aber stelle ich fest, dass sich der Kritiker aufgrund des besagten Moralreflexes von vornherein versperrt hat, eine andere “Blickrichtung” anzunehmen. Denn nur das ist es: Eine andere Sicht. Kein Gutheißen. Keine Verharmlosung. Keine Entschuldigung.

Aber es ist gut, anderen zu signalisieren, dass man hehre Maßstäbe pflegt, moralisch standfest ist, Verdammenswertes verdammt.

Erinnert mich an den Papst, oder die CSU, oder George W. Bush, oder …

Daher will ich die unlöblichen Absichten des “Transatlantikblog” loben: In unserer Selbstbeschreibung findet man, dass hier leider keine Wahrheit geboten wird, sondern nur Subjektives, bloß Meinungen, ja nur Parteisches.

Zugegeben: Wenig nobel.

PS. 5.: Vielleicht konnte mit den Ergänzungen etwas zurechtgerückt werden. Wohl nicht für den einen Kritiker, denn wer so hart verdammt, lenkt selten ein. Aber – und das könnte das Gute an der Kritik gewesen sein – für weitere Leser. Fast schon faustisch, das: Ich bin ein Teil von jener Krafft, die stets das Böse will und das Gute schafft…

Darauf wurde erwidert:

Sie machen in Ihrem Artikel durchgängig einen Denkfehler – denselben wie seinerzeit Stockhausen. Sie verlieren einen entscheidenden kategorialen Unterschied aus dem Blick: den zwischen einem Kunstwerk als einem Produkt menschlicher Phantasie, das auf einer Zeichenebene, einer symbolischen Ebene, zum Ausdruck gebracht wird, und der tatsächlichen Umsetzung von Phantasien im wirklichen Leben.

Die Schriften de Sades oder die Filme Pasolinis mag man als Kunst betrachten. Tatsächliche Akte lustvoller Grausamkeit, mögen sie noch so kunstvoll ausgeführt sein, sind einfach Akte lustvoller Grausamkeit. Ihnen fehlt der „Als-ob-Charakter“ eines Kunstwerks.

Shakespeare hat Theaterstücke geschrieben, die auf Bühnen aufgeführt wurden. Seine „vor Blut triefenden und meist nicht gut endenden Stücke“ sind Kunstwerke, in denen er seine Gedanken und Phantasien über uns Menschen zum Ausdruck brachte, damit sie im Theater zur Erbauung der Zuschauer in Szene gesetzt werden („Erbauung“ im weitesten Sinne). „Wir vor der Bühne“ sind eben gerade nicht „auch auf der Bühne“, sondern es wird uns mit dem Theaterspiel, dem wir zuschauen, allenfalls ein Spiegel vorgehalten, in dem wir eigene Motive, Neigungen und Konflikte erkennen können. Wenn es tatsächlich “unser Blut ist, das gerade trieft“ und nicht Theaterblut, so haben wir die Sphäre des Zeichenhaften, des Symbolischen, und damit die Ebene der Kunst verlassen und befinden uns im tatsächlichen Leben.

„Brutales, verbrecherisches, menschenverachtendes Menschenwerk, die Realisierung einer monströsen Phantasie“ im wirklichen Leben ist – wenn Sie so wollen, per definitionem – keine Kunst. „Eine umgesetzte Todesphantasie“ ist nicht „mörderische Kunst“, sondern Mord.

RE:

Um von hinten anzufangen: „Eine umgesetzte Todesphantasie“ ist nicht „mörderische Kunst“, sondern Mord.

Diesem Satz stimme ich voll nur in der zweiten Hälfte zu. 9/11 war definitiv ein Vorgang von Massenmord.

Sie sagen “per definitionem” ist die Umsetzung von “mörderischer Phantasie” keine Kunst. Wer definiert das? Mir ist sehr wohl bewußt, dass es sich bei Ihrer Darlegung um die übliche Abgrenzung handelt.

Ich erinnere mich jedoch vage an ein Gerichtsurteil, in dem Beuys’ Klage auf horrenden Schadenersatz im Falle einer verschmutzten Badewanne, die er als Kunst ausstellen wollte und die versehendtlich gereinigt wurde, stattgegeben wurde. Die Definitionshoheit zu Kunst oblag – wenigstens damals, aber daran dürfte sich nichts geändert haben – dem Künstler, und nicht einer Alltagsansicht oder gar der Ansicht der den Schaden verursacht habenden Putzfrau.

Als Jean Sibelius seine Tondichtung “Finlandia” verfasste, wäre es beinahe zu einem finnischen Aufstand gegen die Russen gekommen.

Worin soll der Unterschied bestehen, ob sich einer auf eine Barrikade stellt und ausruft “Mir nach, gegen den Feind!” oder sich mit größter nationaler Leidenschaft hinsetzt und eine Symphonie schreibt, die genau dieselbe Reaktion auslöst?

Lesen Sie Hochhuth? Mindestens drei seiner Werke haben enorme Auswirkungen in den Köpfen (=Realität) und im wirklichen Leben (=Realität) nach sich gezogen: Juristen (führte zur Absetzung des württembergischen Ministerpräsidenten Filbinger), Der Stellvertreter (löste nicht nur eine weltweite Diskussion über die Rolle der Kirche im Holocaust aus, sondern zog unzählige Kirchenaustritte nach sich), McKinsey kommt (man durfte förmlich darauf warten, dass einer der geschassten Bankmitarbeiter nach der Lektüre dieses Büchleins eine Waffe zog, um sich Genugtuung zu verschaffen. Nur zufällig blieb das aus.)

Hochhuth nur symbolisch? Keinesfalls. Sibelius nur symbolisch? Keinesfalls. Etc.pp.

Wollen unzählige andere Künstler nur symbolisch wirken? Vielleicht.

Von solchen “ernsthafteren” Verbindungen zwischen Kunst und Realität liessen sich viele weitere Beispiele zeigen.

Sie sagen, wir würden nicht mit auf der Bühne stehen? Das stelle ich – siehe Sibelius et.al. – sehr in Abrede. Keineswegs zufällig sprechen Sie vom “Erbauungscharakter” der Kunst und geben damit zum Ausdruck, dass Sie insgeheim oder offen vom “Schönen-Wahren-Guten”-Auftrag der Kunst ausgehen. Da ich das überhaupt nicht teilen kann (und Stockhausen offenbar auch nicht), werden sich die zwei Positionen kaum vereinbaren lassen. Ein Mord oder Massenmord und ein vermeintlicher Erbauungsauftrag der Kunst lassen sich selbstredend nie vereinbaren.

Ich persönlich, und das habe ich ausdrücklich ans Ende des Blogs gesetzt, sehe den 9/11 Anschlag nicht als Kunst (insofern hänge ich im Alltag durchaus Ihrer Trennung von Symbolik und Realität an, aber sozusagen nur aus Gewohnheit).

Nachdem mich das Stockhausen-Zitat gereizt hat, über seine Gründe nachzudenken, bin ich zu der Auffassung gelangt, dass sie nur verworfen werden können, wenn man bereits im voraus eine Setzung, also eine Definiton vornimmt: Das darf keine Kunst mehr sein. Das entspricht der Funktion einer Prämisse.

Wird umgekehrt im voraus nicht definiert, wie weit Kunst gehen kann, muss die Stockhausen-Äußerung akzeptiert werden. Auch wenn sie einen wie mich zunächst irritiert.

Ein “Denkfehler”, wie Sie eingangs behaupten, liegt daher nicht vor. Interpretationsunterschiede sind keine Denkfehler.

– MK

***

Die Antwort hierauf,

gekürzt um die anfängliche Beleidigung (eine weitere Antwort mit einer derartigen Spitze wird ignoriert. Ich bin zwar geduldig im Nehmen, wenn die Sache interessant ist, aber auch das hat seine Grenzen):

“Beuys hat eine von ihm ausgestellte Badewanne als Kunstwerk angesehen, und das lag in der Tat in seiner Definitionshoheit. Wenn er aber die Badewannen anderer Leute gegen deren Willen beschmutzt hätte, ganz real, und behauptet hätte, das sei eben ein Kunstwerk von ihm, so hätte er seine Definitionshoheit überschritten. Er hätte noch versuchen können, sich mit dem Humpty-Dumpty-Prinzip zu helfen („Wenn ich ein Wort verwende, dann bedeutet es genau, was ich es bedeuten lasse, und nichts anderes.“) – aber das hätte man ihm nicht durchgehen lassen.”

RE: Nicht nachvollziehbar. Sie verweisen wiederum auf die rechtliche oder strafrechtliche Seite des Eingriffs (= Beuys hätte einen Eingriff vorgenommen in fremdes Eigentum). Das trifft natürlich zu, ist aber keine automatische Aussage über den Kunstcharakter. Sie sagen nichts anderes als: Exakt dieselbe von Beuys gestaltete Badewanne, die ihm gehört, ist Kunst, und die widerrechtlich genommene und dann gestaltete Wanne ist keine? Das wäre so, als würde man sagen ein bestimmter van Gogh sei keine Kunst mehr, weil sich nun herausstellt, er habe sich für dieses Bild in der Not Leinwand und Öl stehlen müssen.

“Mit ihren Ausführungen zu Sibelius und Hochhuth sprechen Sie die Wirkmächtigkeit mancher Kunstwerke an. Diese ist doch völlig unbestritten. Aber der eine kreierte Kompositionen, der andere Theaterstücke – geistige Schöpfungen also, die bei den Rezipienten ebenfalls auf einer geistig-seelichen Ebene eine “Transformation” bewirkten (ein Begriff, den Stockhausen liebte und der den missverständlicheren der “Erbauung” getrost erstzen mag).

Hätten die Künstler jedoch Transformationen durch direkte Eingriffe in die gesellschaftlichen Verhältnisse bewirkt – indem sie eine Partei gegründet oder Prozesse geführt hätten, oder in den Krieg gezogen wären – so hätten sie mit diesen Aktionen den Raum der Kunst verlassen und wären in den Raum der Machtausübung eingetreten. Sie hätten nicht mehr die Köpfe der Menschen mit geistigen Kreationen beeinflussen wollen, sondern den Lauf der Welt durch ganz reales Handeln im gesellschaftlichen Raum, wie alle anderen Nicht-Künstler auch, seien sie nun Politiker oder Terroristen.”

RE: Mir scheint, Sie möchten die tatsächlichen Gegebenheiten wegreden, da Sie so tun, als hätte Sibelius (oder Hochhuth) keinen Moment daran gedacht, mit seinem Werk etwas Bestimmtes (oder sogar Gewaltiges) zu bewirken. Doch genau das trifft zu. Sie wollten Großes bewirken, und keinesfalls nur großen Applaus im Aufführungssaal. Ich nehme nicht an, Sie sind der Auffassung, die Künstler dieser Kategorie sitzen in ihrer warmen Stube und betreiben ein bisschen Erbauungswerk.

Das schiere Gegenteil trifft zu. Jedenfalls für einen Sibelius oder Hochhuth.

Für einen Hochhuth ist Schreiben eine Waffe gegen die ihm mißliebigen Umstände.

Weil die Form seiner Waffe das Schreiben, und nicht das Agieren in einer Partei ist , nennt man es: Kunst (Schreiben: Das hat man irgendwann als Kunst kategorisiert).

Dieser “Kunst”-Aufkleber rückt seine Tätigkeit aber um keinen Jota weg von seiner unmittelbaren Intention, die Realität zu beeinflussen, einzugreifen, Partei zu nehmen, zu stürzen (einen MInister, nachweislich mit Erfolg). Es ging und geht dabei keinesfalls um “zufällige” Wirkungen oder “Nebenwirkungen” seiner Arbeit.

Kein bisschen Symbolismus. Man könnte fast sagen: action directe.

Die Trennung von Kunst (zumindest der von Sibelius, Hochhuth etc.) und Realität ist nur – künstlich.

– MK

(Photo: Brendan Loy)
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