Archive for the ‘Naher und Mittlerer Osten’ Category

Nahost-Gespräche: Mit Joe Biden zurück auf Start

Tuesday, March 9th, 2010

Die Hoffnungen waren überall groß, die man in US Präsident Obama setzte, um den Friedensprozeß im Nahen Osten zu einem guten Ende zu bringen.

Dass dies ganz oben auf seiner Agenda stünde, hatte Obama schon während des Wahlkampfes deutlich gemacht.

Dass er es ernst meinte, verdeutlichte er einerseits mit seiner Kairoer Rede, die ein klares Signal sein sollte, nicht nur zu Israel halten zu wollen, sondern gleichberechtigt mit der islamischen Welt einen Neuanfang zu machen.

Andererseits konnten an seiner Absicht, ein aufrichtiger Makler zu sein,  kaum Zweifel bleiben, als er Hillary Clinton mit einem harten dreifachen “Nein” gegenüber Israels Regierung auftreten ließ: Nein zu neuen Siedlungen, nein zum Ausbau von Siedlung und auch nein zum “natürlichem Wachstum” von Siedlungen.* Damit waren die Beziehungen zwischen Washington und Jerusalem fürs erste auf Null Grad herunter gekühlt.

Der Gazakrieg, der genau in den Anfang von Obamas Amstzeit fiel, hat zu dieser anderen Gangart Washingstons mit Sicherheit beigetragen.

Netanjahu, der auch wegen seines Wahlkampfslogans “Hart gegen die Hamas” gewonnen hatte, ging innenpolitisch gestärkt aus dem Gazakrieg hervor. Die Koalition mit der Rechten war bekräftigt und die Siedler konnten zufrieden sein.

Daher konnte er gegen das amerikanische Ansinnen mit scharfer Munition zurück schiessen. Niemand könne den israelischen Bürgern, die in Judäa und Samaria lebten verbieten zu wachsen.** Er erklärte erneut, das ganze Jerusalem sei die Hauptstadt Israels, und – neu in der Diskussion – ein palästinensischer Staat sei nur akzeptabel, wenn er demilitarisiert sei.

Erst später, als auch der internationale Druck angesichts der Informationen über die “Operation Gegossenes Blei”  größer wurde, verkündete Netanjahu einen halbherzigen Baustopp der Siedlungen. Der war in der Praxis freilich durch unzählige Details aufgeweicht.

Der Nahe Osten – für Washington so fern

Dann, so kann man annehmen, war die Administration Obama derart umfassend von der Finanzkrise, den bailouts für Banken und Autobauer, der Immobilienkrise, dem Gezerre um die weitere Afghanistanpolitik und nicht zuletzt dem harten Ringen um eine Gesundheitsreform in Beschlag genommen, dass der Nahe Osten unversehen zum Fernen Osten wurde.

Außer der Pendeldiplomatie des Sondergesandten Mitchell tat sich wenig. Die großen Vorgaben blieben aus, und Obama wässerte seine ursprübglichen Entschlüsse alleine schon damit auf, dass er Zeit verstreichen ließ, die gegen ihn und für Jerusalem arbeitete. Eine Grundkonstante der Beziehungen Washington – Jerusalem.

Nun befindet sich Vizepräsident Joe Biden auf Nahost-Reise, um die Gespräche wieder in Gang zu bringen. Das hat offenbar kosmetischen Charakter, denn Biden ist kaum als Kenner der Nahost-Problematik in Erscheinung getreten.

Die alten Botschaften, wie sie etwa aus dem Mund von George W. Bush zu hören waren, sind wieder die neuen Botschaften. Biden zelebriert vor allem die unverbrüchliche Solidarität:

“There is no space between the United States and Israel when it comes to Israel’s security”

Daneben sprach er davon, dass dieser Moment eine wirkliche Chance böte und dass er hoffe, die Dreier-Verhandlungen würden schließlich zu direkten Gesprächen führen.

Niedriger könnten die Anforderungen kaum sein.

Schlimmer: Die in der letzten Runde in Annapolis unter Bush jr. immerhin erreichten Ergebnisse, allen voran die erstmals formulierte und festgelegte Zwei-Staaten-Lösung, scheint nun seitens Washington als unverbindlich erklärt worden zu sein.

It’s the voter, stupid

Woher rührt diese wachsweiche Haltung, die so auffallend in Kontrast steht mit der ursprünglich formulierten Politik?

Obama steht an allen politischen Fronten unter enormem Zugzwang. Die Radikalopposition der Republikaner hat höheren Tribut gefordert, als man angesichts der eigentlich komfortablen Mehrheitsverhältnisse der Demokraten erwarten konnte. Doch wenn zu viele aus den eigenen Reihen wankelmütig werden, weil sie um ihre eigene Wiederwahl bangen, steht die rechnerische Mehrheit nur noch auf dem Papier.

Die größtmögliche Erschütterung war der Verlust des Senatssitzes im demokratischen Kernland Massachussetts, den jahrzehntelang der unlängst verstorbene Senator Ted Kennedy inne hatte.

Die Midterm Elections werfen schon ihre Schatten voraus, und unter den Demokraten hat sich angsichts des Desasters von Massachussets milde Panik breit gemacht.

Für Obama ist klar, dass er nun unter allen Umständen versuchen muss, das eigene Lager zusammen zu halten. Dazu gehört auch, die wichtige Wählerschaft der traditionell demokratisch wählenden jüdischen Amerikaner wenn schon zu umgarnen, so doch wenigstens nicht zu verprellen. Dazu geeignet ist, die Dinge im Nahen Osten so laufen zu lassen, wie sie auch früher schon liefen.

Damit können auch die Partner in Europa gut leben, sind sie doch selbst viel zu sehr damit beschäftigt, endlich aus der Reihe kaum abreissender Krisen ausbrechen zu können.

Für eine Lösung des Konfliktes aber braucht es eine starke Partei, die nicht nur willens ist zu handeln, sondern auch die Möglichkeiten hat, zu handeln.

Da Obama Gulliver gleich an tausend kleinen realpolitischen Pflöcken an den Boden geschlagen ist, besteht bis auf weiteres kaum Hoffnung auf Fortschritte in diesem ewigen Konflikt.

– MK

* Mrs Clinton said that the president was “very clear” with PM Benjamin Netanyahu at their recent meeting that there should be a stop to all settlements. “Not some settlements, not outposts, not natural growth exceptions. We think it is in the best interest of the effort that we are engaged in that settlement expansion cease,” Mrs Clinton said.

** “There is no way that we are going to tell people not to have children or to force young people to move away from their families,” a senior official quoted Mr Netanyahu as telling the Israeli cabinet on Sunday. (BBC)

Photo: Wikipedia CC Lizenz
Bild: Andrew Sullivan The Atlantic
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Oscarverleihung 2010: Ajami, ein zwiespältiger Film über Jaffa

Sunday, March 7th, 2010

“Es it ein Film. Sie wollen Sex, Blut, Gewalt, so Sachen halt, die gut für einen Film sind aber nicht gut für unsere Nachbarschaft” meint der 33jährige Kamal aus Jaffa.

Kamal, der ehrenamtlich im Nachbarschaftskommittee arbeitet,  fährt fort: “Jaffa hat ein sehr schlechtes Image mit Verbrechen und Drogen, das einfach nicht der Wirklichkeit entspricht. Es ist nicht annähernd so übel wie in Lod oder Taiba, aber weil wir zu Tel Aviv gehören, wird immer übertrieben, wenn hier etwas passiert.”

Die alte Hafenstadt ist direkt mit Tel Aviv verbunden und wird mehrheitlich von palästinensischen Arabern bewohnt.  Dort spielt die israelisch-palästinensische Koproduktion “Ajami”, die bei der heutigen Oscarverleihung für den besten ausländischen Film nominiert ist.

Der Film wurde acht Jahre lang von einem jüdischen und einem palästinensischen Israeli vorbereitet und mit Laienschauspielern produziert. Ajami ist eine Milieustudie dieser Stadt, die neben Arabern auch von Christen, Juden und Drusen bewohnt wird. Sie ist von Armut gezeichnet, neben der aber auch neuer großer Reichtum auftaucht. Sie hat eine sehr junge Bevölkerung. Alt steht neben neu, altmodisch neben modern. In alles spielt die angespannte politische Lage mit hinein.

Ajami ist ein Episodenfilm, der fünf Lebenswege zeigt und dabei das Leben aus der Perspektive der Straße schildert.  Omar will seinen Onkel rächen, der erschossen wurde. Der israelische Polizist Dando sucht seinen vermissten Bruder, wobei er vermutet, die Araber hätten ihn entführt. Der junge PalästinenserMalek arbeitet illegal in Tel Aviv, um sich eine Operation zu finanzieren. Binj (gespielt von Regisseur Scandar Copti) ist ein wohlhabender Palästinenser, der sich in eine junge Jüdin verliebt hat.

Die Spannung des Films lebt von der dichten Atmosphäre, die aus dem Nebeneinander von scheinbar allgegenwärtiger Aggression im Kampf um Familie, Ehre, Leben und Geld einerseits und Momenten großer Zärtlichkeit, Freundschaft und Zuneigung andererseits resultiert. Insofern erinnert der Film an die meisterlichen Werke von Alejandro Gonzalez Inarritu mit seinen Filmen “Amores Perros”, “21 Gramm” oder “Babel”. Wie die Filme Inarritus basiert die Grundstruktur von Ajami auf dem alten griechischen Konzept der Tragödie: Die Beteiligten haben ihre Perspektive, die für sich genommen rechtfertigbar ist, aber im Zusammenspiel folgt das Tragische daraus.

Fast alle in Jaffa haben den Film inzwischen gesehen. Er sorgt für einigen Lokalpatriotismus und viele Einwohner Jaffas sind begeistert, dass er nun auch für den Oscar nominiert ist. An dieser Stelle kommt die schon eingangs angedeutete Zwiespältigkeit an diesem Film zum Tragen. Nimmt man den Film nur als künstlerische Produktion, so dürfte er die bislang erhaltenen Ehrungen zurecht erhalten haben, und sich des weiteren Hoffnungen auf den Academy Award machen können.

Aber der Film scheint mehr sein zu wollen. Heute morgen kamen auf Deutschlandradio Kultur die beiden Regisseure Yaron Shani und Scandar Copti zu Wort. Mit ihren Darlegungen wurde klar, dass sie durchaus der Auffassung sind, Ajami würde die echten Verhältnisse und die wahren Probleme Jaffas wiedergeben. Nein, wurde ausdrücklich gesagt, dieser Film sei keine Metapher auf das Leben in Jaffa, es sei ein Abbild des dortigen Lebens. Das allerdings dürfte zu weit gehen.

Darin unterscheidet sich Ajami von Waltz with Bashir, dem beeindruckenden israelischen Film von Ari Folman über den israelischen Libanonkrieg von 1982. Waltz with Bashir war tatsächlich keine Metapher, sondern bildete aus der Perspektive betroffener Soldaten den Krieg ab mit den Mitteln eines Animationsfilms.

Die realen Probleme Jaffas dürften jenseits einer sicher nicht abstreitbaren Kriminalität viel eher in einer zu großen Arbeitslosigkeit bestehen, einer damit verbundenen Perspektivlosigkeit der Jungen (die Hälfte der Bewohner Jaffas sind jünger als 18!), oder einem schleichenden aber steten Zuzug von vermögenderen Juden -- oftmals mit ideologischem Hintergrund -, was neben der Provokation auch die Preise auf dem Miet- und Häusermarkt nach oben treibt und damit die Lage für die arabische Bevölkerung nochmals erschwert.

Zu letzterem könnte der Film etwas Gutes beitragen, meint Muhammad, eins islamischer Aktivist. Wenn die Israelis zum Schluß kommen, dass es in Jaffa nur Kriminalität und Gewalt gäbe, würden sie vielleicht weg bleiben.

Ansonsten ist das Leben in Jaffa durchaus normal. Mein Besuch liegt schon einige Zeit zurück (1990), aber immerhin für damals kann ich bestätigen, was der “Hummus-Blog” anschulich und amüsant beschreibt:

Jaffa is a city of contrasts. On one hand, it has a charged historical background. On the other, it’s a peaceful, friendly, hospitable place, and it is as beautiful as Tel-Aviv could never be.

In Jaffa you can find, side by side, luxurious mansions and neglected old buildings. Gourmet restaurants and cheap eateries. Wretchedness and glory, in an impossible mixture. And a lot of hummus.

Dass der Film durchaus realitätsbezogen ist, sieht man an den aktuellen Demonstrationen in Jaffa. Dort wird gegen die aus Sicht der arabischen Bevölkerung zunehmende Gewalt der israelischen Polizei protestiert. Unter den Demonstranten war am Samstag auch Mary Copti, die Mutter des einen Regisseurs.

In einem sind sich alle einig in Jaffa: Der Film sei für sich genommen richtig gut. Man darf gespannt sein, wie er hier in deutschland aufgenommen wird. Waltz with Bashir war leider keine allzu große Aufmerksamkeit beschert.

-- MK

PS: Esst mehr Hummus!

City of Oranges: Arabs and Jews in Jaffa
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Leseempfehlung: Brian Orndorfs Review
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Wir müssen Westerwelle dankbar sein – die FDP nicht

Thursday, March 4th, 2010

Absicht und Wirkung stimmten noch nie zwangsläufig überein. Das formulierte schon Goethe mit seiner faustischen Einsicht “Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.

Westerwelle, dieser “etwas leichtfertige Mensch” (Helmut Schmidt) sieht sich allerdings nicht als Mephistopheles, der Böses will und Gutes schafft.

Im Gegenteil: Er meint Gutes zu wollen und mit dieser Absicht auch Gutes zu bewirken. Was könnte es Gerechteres geben als “Leistungsgerechtigkeit”? Und hat er nicht recht mit seiner rhetorischen Peitsche, dass der linksradikal in der Birne sein müsse, der Leistungsgerechtigkeit für rechtsradikal hält? In all dem wähnt Westerwelle die “Mehrheit der deutschen Bevölkerung” auf seiner Seite.

Doch auf die Darlegungen Westerwelles, wie er all das zu seiner “spätrömischen Dekadenz” gesagte in Wirklichkeit meine, auf was es ihm eigentlich ankomme, kommt es nun nicht mehr an.

Nicht “linksradikal in der Birne” sind die, die dem selbsternannten Freund der klaren Aussprache Westerwelle nicht folgen mögen in seinem hysterischen Populismus, sondern aufmerksame Beboachter. Westerwelle hat die Katze aus dem Sack gelassen.  Allzu klar und allzu deutlich war das ganze Auftreten des – horrribile dictu – Vizekanzlers. Seine Gesinnung liegt spätestens jetzt offen zutage.

Wie gut oder schlecht Westerwelles Argumente in der losgetretenen Sozialstaatsdebatte sind, betrifft nur die aktuelle Diskussion.

Schon recht kurzfristig könnte die Wirkung der Debatte die sein, dass man sich sowohl in der Bevölkerung, als auch in der Politik in breiter Masse abwendet von einem populistischen Phänomen, das man europaweit in vielen Schattierungen  kennen gelernt hat. Deutschland bietet nicht viel Nährboden für diese Art von Politik. Denn wir waren die Verführten, wir waren die Bösen. Das mag man nicht mehr wiederholen. Rattenfängerei hat hierzulande enge Grenzen. Auch wenn man das in der Hitze einer öffentlichen Debatte schnell übersehen kann. Der zwischenzeitliche Miniaturerfolg wie die von Westerwelle mit größter Genugtuung festgestellen 2 Prozent Umfragezugewinn für die Liberalen stellt sich schon jetzt als Phyrrus-Sieg heraus. Die FDP ist im Sinkflug und ist auf 7 Prozent eingebrochen. Das ist eine Halbierung  des Ergebnisses aus der letzten Bundestagswahl.

Das Gute an Westerwelles Dekadenz

Das Gute, das Westerwelle bewirkt, auch wenn er genau das keinswegs beabsichtigt hat, ist eine offenere und weniger verschämte Zurkenntnisnahme der Situation der vielen schlecht Gestellten in Deutschland.

Hartz IV, man muss es klar sagen, war bislang ein Tabuthema. Aber nun wird landauf und landab die soziale Kluft unverhüllt dargestellt und angeprangert.

Man rechnet genauer nach, wie weit denn ein Hartz-Regelsatz reicht und welche Unzulänglichkeiten insbesondere für Kinder bestehen. Auf all das haben auch schon andere hingewiesen – seit Jahren etwa der frühere CDU-Generalsekretär und heutiges ATTAC-Mitglied Heiner Geißler.

Nur die große Bühne für dieses Thema fehlte. Die hat nun  just Westerwelle bereitet. Und dafür könnte man ihm bald dankbar sein. Selbst ein Thilo Sarrazin könnte insofern als jemand angesehen werden, der unterm Strich Gutes bewirkt: Indem er sich als reicher asozialer Außenseiter outet, der dem eigentlich sozialen Thema wieder zu Aufmerksamkeit verhilft.

Ganz anders verhält es sich mit dem Guten oder Schlechten, das der FDP widerfährt.

Was erkannt wurde, und was der FDP zum schweren Problem werden kann, ist:

Westerwelle macht den Haider, gibt den Möllemann

Westerwelle könnte in seinem Tun als “sozialpolitische Abrissbirne”* für die FDP, die so viele große,  seriöse Politiker in ihren Reihen hatte und hat – man denke nur an Theodor Heuss, Thomas Dehler,  Gerhard Baum oder Hans-Dietrich Genscher – zur Zerreissprobe werden.

Schon zweimal in ihrer Nachkriegsgeschichte stand die Partei in einer Zerreißprobe. Die erste Krise kam schon bald nach dem Krieg. Die FDP bot sich wenngleich nicht offiziell, so doch faktisch als Sammelbecken für Alt-Nazis an. Früh forderte man einen “Schlusstrich” unter die Vergangenheit. Das machte sich bezahlt. In den ersten Wahlen zum Bundestag erreichte die Partei knapp zwölf Prozent. Im Bundestag stimmte sie 1950 gegen das Entnazifizierungsverfahren. Auf ihrem Parteitag von 1952 votierte sie für die Freilassung aller “sogenannten Kriegsverbrecher”.

Die Toleranz gegenüber dem rechten Spektrum fand erst mit der “Naumann-Affäre” ein Ende.   Der ehemalige Staatssekretär im Reichspropagandaministerium und zeitweilige Referent von Joseph Goebbels Werner Naumann versuchte mit dem nach ihm benannten “Naumann-Kreis”, in dem zahlreiche hochrangige Nazi-Schergen mitwirkten,  die FDP in seinem Sinne zu unterwandern. Der Kreis wurde aus der FDP ausgeschlossen, was der Partei in der nächsten Wahl einige Stimmen kosten sollte.

Spätestens in der Affäre Möllemann trat der latente Rechtspopulismus unverhohlen zutage. Der frühere Landesvorsitzende der FDP in Nordrhein-Westfalen Jürgen Möllemann gab den Freund von offenen Worten und geißelte die Palästinenser-Politik des damaligen israelischen Premierministers Ariel Scharon. In Flublättern, die an alle Haushalte in NRW gingen, prangerte Möllemann Scharon und den damaligen Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Michel Friedman, an, sie würden den Antisemitismus in Deutschland befördern.

Mit diesem perfiden Vorwurf wurde schnell klar, dass es Möllemann eben nicht nur auf Kritik an Israel ankam, sondern auf die Aufmerksamkeit eines rechten Publikums. Denn (politische) Kritik an Israel hat zunächst keine Verbindung zu Antisemitismus. Dass Möllemann diese Verbindung dennoch und man darf annehmen ganz bewußt herstellte, machte klar, dass er den Applaus der mehr oder weniger offen antisemitischen Bevölkerungsteile haben wollte.

Der damalige Parteivorsitzende Westerwelle war lange außerstande, ein Machtwort zu sprechen. Insofern gibt es durchaus strukturelle Ähnlichkeiten zwischen dem Vorgehen von Möllemann damals und dem Auftreten von Westerwelle heute. Beide beteuern, nur “Klartext” reden zu wollen, aber können doch nur gegenüber unkritischen Zeitgenossen verbergen, dass sie äußerst aggressive Polemik betreiben, die erst im Nachgang verbal geschönt werden soll.

Möllemann hat sich damals gewaltig geirrt. Westerwelle irrt sich heute gewaltig. Und schadet seiner Partei massiv.

Stellt sich die Frage, ob die FDP heute in der Lage ist, dieses Problem eleganter zu lösen als die damaligen Krisen.

Man wünscht ihr endlich einen Schlusstrich ziehen zu können unter diese Anflüge von Rechtspopulismus.

– MK

* so der Nockherberg-Redner Michael Lerchenberg in seiner gestrigen Münchner Fastenpredigt als “Bruder Barnabas”

Bild: SPIEGEL-Titel von 2003

Plakat: Wikipedia CC Lizenz

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