Archive for the ‘Katholische Kirche’ Category

Williamson, Chameini und das Existenzrecht Israels

Sunday, January 31st, 2010

Der antisemitische katholische Fundamentalist, Bischof und führende Kopf der Pius-Bruderschaft Richard Williamson macht erneut von sich reden.

Unlängst sorgte er für  Schlagzeilen als Leugner des Holocaust (zwei- bis dreihunderttausend Juden seien in den Konzentrationslagern umgekommen, aber keiner davon in den Gaskammern, schämte er sich nicht zu behaupten).

Nun legt er nach – gewissermaßen zeitlich passend zum internationalen Holocaust-Gedenktag – und stellt das Existenzrecht Israels in Frage. Ironischerweise gibt sich der Katholik damit radikaler als die Hamas. Einer ihrer führenden Köpfe hat angedeutet, seine Palästinenserorganisation würde unter bestimmten Bedingungen das Existenzrecht Israels anerkennen.

Beinahe scheint es, als hätte sich Williamson mit Teheran als dem notorischen Erzfeind Israels koordiniert. Denn gerade hat der geistliche Führer des Landes Ajatollah Ali Chameini davon gesprochen, dass Israel der “Zerstörung geweiht” sei.

Nun ist es eins, die Araber- oder Palästinenserpolitik Israels zu kritisieren – wofür es zahllose Argumente gibt- und ein anderes, die Existenz Israels schlechterdings in Frage zu stellen.

Nicht selten trifft man in israelkritischen Kreisen auf haarsträubende Gleichgültigkeit oder gar insgeheime Zustimmung, wenn aus der einen oder anderen radikalen Ecke (Vernichtungs-) Drohungen gegenüber Israel kommen, oder wenn im scheinbar stets legitimen “Diskurs” erörtert wird, wie es um das Existenzrecht Israels bestellt ist angesichts der Ungerechtigkeiten, die die Gründung und die Politik Israels bis heute mit sich brachte und mit sich bringt.

Falsch.

Die israelische Politik gegenüber den Palästinensern ist in hohem Maße kritikwürdig. Das Recht der Israelis (oder Juden) auf einen eigenen Staat in einem Terrain, das sie grundsätzlich ebenso lange besiedeln wie andere Völker, steht außer Frage. Die Vertreibung der Juden durch die Römer ab 70 n.C. war schliesslich erzwungen.

Zahllose Bücher wurden darüber verfasst, wem das Land “gehört”. Letztlich ist diese Debatte fruchtlos. Denn jede erste Besiedlung eines Stücks Land ist letztlich “zufällig”. Die schon immer von Gott / Allah Gelenkten mögen das anders sehen, mag sein. Im übrigen werden sich die die, die schon “da” sind (oder in Mehrzahl da sind), immer sträuben gegen andere, die hinzukommen wollen.

In der Zeit, in der Israels Gründung anstand, war Palästina britischer Herrschaftsbereich. Zuvor war das Gebiet unter türkischer Herrschaft. Es gab kein “palästinensisches Palästina”, allenfalls der Einwohnermehrheit nach.

Insofern fiel die (von der UN völkerrechtlich sanktionierte) Gründung Israels in eine Art hoheitliche Grauzone. Aber darum geht es letztlich gar nicht. Es geht darum, dass Menschen, dass Nationalitäten ein Recht auf Selbstbestimmung haben. Kurzum: Recht auf ein eigenes Stück Land.

Was den Palästinensern nicht vorenthalten werden darf, darf den Israelis / Juden ebenso nicht. Punkt. Diese rote Linie darf nicht überschritten werden. Wer es dennoch tut, soll so offen sein, sich als inhuman oder – wenn  man so will – faschistisch zu erkennen geben.

Einen unverändert gültigen Beitrag zum Thema “ist Einwanderung mit dem Ziel der Nationenbildung in bereits bewohntes Gebiet legitim?” stammt aus der Feder einer der prominentesten Köpfe der zionistischen Bewegung, Vladimir Jabotinsky, verfasst im Jahr 1936:

[...] Unbevölkerte Inseln gibt es auf dem Erdball nicht mehr.

In welche Oase man einschlüpfen möchte, überall sitzt seit altersher ein Bodenständiger, er hat dort seinen Wohnsitz seit undenklichen Zeiten und er begehrt weder eine künftige Majorität, noch selbst nur einen größeren Zufluß an Ankömmlingen.

Mit einem Worte wenn es in der in der Welt ein Volk ohne Boden gibt, dann ist das bloße Träumen von einer nationalen Heimstätte unethisches Beginnen. Die Obdachlosen sollen für immer heimlos bleiben – aller Boden ist bereits verteilt und Schluß. So fordert’s die Ethik.

In unserem Falle hat diese Ethik ein besonders merkwürdiges »Aussehen«. Es gibt von uns, wie verlautet, 16 Millionen in der Welt: die Hälfte davon führt buchstäblich das Leben eines verjagten Hundes.

Araber gibt es 38 Millionen, sie umfassen Marokko, Algier, Tunis, Tripolis, Ägypten, Syrien, Arabien und Mesopotamien, eine Fläche (die Wüsten nicht mitgerechnet) von der Größe des halben Europa.

Auf diesem Riesenterritorium befinden sich je 16 Araber auf einer englischen Quadratmeile; es ist von Wert, zum Vergleich in Erinnerung zu bringen, daß in Sizilien 352 Menschen und in England 669 auf eine Quadratmeile entfallen.

Von noch größerem Vorteil ist es, sich zu erinnern, daß Palästina annähernd den zweihundertsten Teil dieses Territoriums darstellt.

Aber wenn das obdachlose Judentum für sich Palästina beansprucht, erweist sich das als »unmoralisch«, weil die Einheimischen dies für sich als unbequem betrachten. [...]

Der Boden gehört nicht denen, die davon zuviel besitzen, sondern denen, die keinen haben.*

Figuren wie Williamson oder Chameini geht es nicht um “Israelkritik”. Es sind Volksverhetzter und Völkermörder im Geiste. Kritiker Israels sollten gut aufpassen, wie sehr sie sich im Rahmen ihrer Argumentationen in die Nähe solcher Gesellen begeben.

– MK

(Photo: Jabotinsky, Wikipedia CC Lizenz)
* zitiert aus: Zionismus, Hg. Julius Schoeps, München 1973
Bookmark and Share

Zu deutsch-israelischen Regierungskonsultationen

Tuesday, January 26th, 2010

Ich denke, dass es außerordentlich wichtig ist, dass wir, ausgehend von der historischen Verantwortung, die Deutschland für die Existenz und für die Zukunft Israels hat, immer wieder darum ringen, nicht nur in den außen- und sicherheitspolitischen Fragen eng zusammenzuarbeiten, sondern auch unsere bilateralen Beziehungen in der gesamten Breite zu entwickeln.

Das sage nicht ich. Das waren die Worte von Angela Merkel zum zweiten Treffen des deutschen und israelischen Kabinetts am 18.01.2010 in Berlin.

Gibt es dagegen etwas einzuwenden?

Ja. Die Bedeutung der Formulierung “ausgehend von der historischen Verantwortung”, die Deutschland “für die Existenz und für die Zukunft Israels” habe, die sie jenseits des objektiven Wortsinns hat.

Die Redewendung von der “historischen Verantwortung” ist längst eine deutsche Standardformel. Dennoch stellt sich die Frage, was genau man darunter zu verstehen hat und – wichtiger – was genau Deutschland in Umsetzung dieses Motivs als aktive Politik betreibt.

Die Verantwortung Deutschlands resultiert aus der Schuld des deutschen, nationalsozialistischen Völkermord-Versuchs. Der Holocaust wird für unabsehbar lange Zeit ein Schandfleck unserer Vergangenheit bleiben.

Was aber genau resultiert jenseits von subjektiven Schuldgefühlen aus einer solchen Schuld? Zur Schuldfrage im allgemeinen hat Karl Jaspers 1946 einen vielbeachteten Beitrag geliefert. Darin unterschied er zwischen vier Schuldarten:

  • kriminelle Schuld (individuell widerrechtliches Verhalten)
  • politische (staatliche)
  • moralische (Wenn ich nicht alles unternehme, um etwas Schuldhaftes zu verhindern, bin ich moralisch mitschuldig)
  • metaphysische (Mitschuld am allgemeinen Unrecht in der Welt durch den Sündencharakter des Menschen)

Die für diese Schuldkategorien zuständigen Instanzen sind:

  • Gerichte
  • staatliche Gewalt (hier: Siegermächte mit z.B. dem Nürnberger Tribunal oder – aus halb freiwilliger Eigeninitiative von Deutschland aufgenommenen Wiedergutmachungsverhandlungen)
  • Gewissen (des Individuums)
  • Gott

Da es sich beim Massenmord an den jüdischen Bürgern allem voran um einen staatlich geplanten und durchgeführten kriminellen Akt handelte, greift vor allem die Kategorie der politisch-staatlichen Schuld. Sodann folgt die kriminelle Schuld der am Genozid direkt oder indirekt beteiligten Täter, schließlich die die moralische Schuld der “Mitläufer / Mitwisser”.

Die oben genannten Instanzen haben in den Jahrzehnten nach 1945 insgesamt mehr schlecht als recht funktioniert. Zwar kam es in Nürnberg zu einer gewissen Anzahl an Verurteilungen gegenüber Vertretern der NS Staatsmacht, zwar kam es in den Auschwitz-Prozessen zu wenigen Aburteilungen von kriminellen Individuen, zwar gab es individuelle Anklagen wie heute aktuell gegen John Demjanjuk.

Auch kamen die teilweise erbittert ausgehandelten und mit härtesten Bandagen ausgefochtenen Wiedergutmachungsverhandlungen* zwischen Deutschland und Israel  zu einem Ergebnis, das zumindest der Form halber seitens der betroffenen staatlichen Akteure Israel, Deutschland und den USA akzeptiert wurde. Dass die moralische Schuld nicht angemessen aufgearbeit worden sei, war der große Vorwurf der 68er gegenüber der Elterngeneration. Was schließlich die metaphysische Schuld anbelangt, so tat vor allem die katholische Kirche mehr dafür sich und ihre Gläubigen in Schutz zu nehmen, als sich und die Gläubigen dazu zu bringen, sich den Ungeheuerlichkeiten der Nazi-Jahre zu stellen.

Begleichung von Schuld richtet sich nach Art und Umfang der Schuld. Solange sie sich im rechtlichen Rahmen bewegt (in Abgrenzung zu “der Sieger nimmt sich alles”) ist die Schuldbegleichung stets konkret. Auf der staatlichen Ebene, die hier alleine interessiert, können das vor allem völkerrechtliche Strafmaßnahmen wie Reparationszahlungen sein, Erbringung von Leistungen oder auch oktroyierte Entscheidungen, die die staatliche Integrität betreffen (Abtrennung von Gebieten).

Eins ist Schuldbegleichung auf staatlicher Ebene nie: Unspezifisch, beliebig, oder vom inhaltlichen oder zeitlichen Umfang her unbegrenzt (in Abgrenzung von individuellen Entscheidungen, wie mit Schuld umzugehen sei).

Das oben angeführte Zitat von Frau Merkel ist dem objektiven Wortsinne nach vertretbar. Doch die Praxis sieht anders aus. Es geht in der deutschen Politik gegenüber Israel eben nicht um die Umsetzung der Lehre von Auschwitz, die da allem voran heißt “es darf nie wieder geschehen”, und in Ableitung daraus “die Menschenrechte haben immer und überall gleich viel zu gelten”. Es geht statt dessen um die Umsetzung eines diffusen Schuldgefühls. Die schuldhafte Vergangenheit ließ erst Bonn, läßt jetzt Berlin wegsehen vor dem längst “anderen Israel”.

Was daher abzulehnen ist, ist der Gebrauch des Holocaust für tagespolitische Zwecke seitens Israel. Kein offizieller Vertreter deutscher Politik kommt in Israel umhin, die Gedenkstätte Yad Vashem zu besuchen. Als Privatperson lege ich jedem und jeder Deutschen nahe, nach Yad Vashem zu gehen. Es bleibt aber ein ungutes Gefühl, wenn man zu so einer Visite genötigt wird. Unbeeindruckt bleibt dort keiner, auch kein ansonsten dickfelliger Berufspolitiker.

Doch was bedeutet das für nachfolgende politische Gespräche? Dass sie auf deutscher Seite zwangsläufig unter einem gehörigen psychologischen Druck geführt werden. Dass dabei wohl Entscheidungen oder Zugeständnisse getroffen werden, die unter anderen Umständen nicht getroffen würden. Das mag noch hinnehmbar sein in Bezug auf wirtschaftliche oder kulturelle Vereinbarungen.

Spätestens bei sicherheitspolitischen Themen, die sich auf den gesamten Nahen Osten und darüber hinaus auswirken, ist das nicht mehr akzeptabel. Die Schuld der Vergangenheit kann nicht und darf nicht gesühnt werden durch willfähriges deutsches Wegsehen angesichts einer fortgesetzten israelischen Unterdrückung der palästinensischen Bevölkerung, die sich zuletzt zu einem desaströsen Rachefeldzug namens “Gegossenes Blei” gegen Gaza steigerte.

Die Lebenden dürfen nicht unter den Toten leiden. Palästinenser dürfen nicht büssen für die deutschen Verbrechen an Juden. Sieht aber Berlin immer wieder weg von der teils filigran, teils grob organisierten, doch fast fast immer brutal umgesetzten Besatzungspolitik Israels in Samaria und Judäa (das palästinensische Westjordanland) und Ostjerusalem, wird eine der schrecklichen Lehren aus der Nazizeit mißachtet:

Schützt die Schwachen, denn die Starken helfen sich selbst.

Inzwischen gibt es in Berlin das Denkmal für die ermordeten Juden in Europa. Offenbar wurde zwischen Jerusalem und Berlin vereinbart, zum Auftakt der jüngsten gemeinsamen Kabinettsrunde dieses Denkmal aufzusuchen. Kanzlerin Merkel sagte:

“Wir haben heute das Denkmal für die ermordeten Juden in der Mitte Berlins gemeinsam besucht. Wenn man sich anschaut, was noch vor 65 Jahren die Realität war und welche Schrecknisse der Holocaust entfaltet hat, so ist es ein Glück, darf ich für meine Generation sagen, dass wir heute mit einer israelischen Regierung so eng kooperieren können.”

Auch diesem Satz kann – nimmt man ihn wörtlich – kaum widersprochen werden. Und doch fällt er ins selbe Schema. Berlin – oder Frau Merkel – soll erst einmal darauf “eingestellt” werden, um was es im Verhältnis mit Israel geht.

Das ist der heikle Punkt.

Das Verhältnis Deutschland – Israel soll nach dem Willen Jerusalems nicht vorrangig auf dem Heute basieren, sondern auf Auschwitz.

Darum wären deutsch-israelische Konsultationen zu begrüssen – würden sie denn auf derselben Augenhöhe stattfinden. Aber ebenso, wie zuletzt der türkische Botschafter in Israel einbestellt und in gleichermaßen arrogant wie kindischer Weise gegenüber den normal sitzenden israelischen Vertretern auf ein extrem niedriges Sofa gesetzt wurde, soll deutsche Politik in Sachen Israel beständig von einem niedrigen Sofa aus stattfinden.

Heute und morgen ist Israels Staatspräsident Shimon Peres zu Gast in Berlin. Die Webseite der Kanzlerin informiert dazu wie folgt:

“Empfang des israelischen Präsidenten

Dienstag, 26. Januar 2010

Mittags empfängt die Kanzlerin den israelischen Präsidenten Shimon Peres im Bundeskanzleramt. Voraussichtliche Themen: Nahost-Friedensprozess und bilaterale Beziehungen.

Anschließend sind Holocaustüberlebende, darunter der Präsident und der Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, Noach Flug und Christoph Heubner, im Kanzleramt.”

– MK

(Photomontage: T.A.B.)

* Dieser äußerst heikle Aspekt ist kaum irgendwo nachzulesen, man muss in die Archive bzw. in die editierten Quellenbände.

Wenn ich nicht tue, was ich kann, um es zu verhindern, so bin ich mitschuldig
Bookmark and Share

Alfred Grosser: Deutschland, Europa und der Nahostkonflikt

Sunday, May 31st, 2009

“Ich bin ein jüdisch geborener, geistig mit dem Christentum verbundener Atheist.” Man muss sich bei einem derart heiklen Thema wie “Deutschland und der Nahostkonflikt” schließlich vorstellen, meinte der 84jährige Altmeister der europäischen Politologie Alfred Grosser zum Auftakt eines gleichermaßen kenntnisreichen wie klarsichtigen Vortrags und bot dazu diese Selbstbeschreibung.

Grundübel: Mißachtung des ganzen Menschen

Geboren wurde Grosser 1925 in Frankfurt am Main. Gleich zu Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft 1933 wanderte die Familie Grosser aus. Einer der Gründe war, dass die Nazis die Juden auf eine einzige Identität reduziert haben.

Den Menschen, so Grosser, darf man nicht auf nur eine Identität begrenzen. Grosser selbst ist Franzose – und zwar ein waschechter. Einschließlich des den Franzosen innewohnenden Hangs zur Selbstüberschätzung, wie er mit entwaffnend spitzbübischem Lachen betonte. Daneben hat er weitere Identitäten, unter anderem die jüdische.

Jad Vashem

Auschwitz und das Leid der anderen: Vergleichbar und denkbar

Auschwitz ist selbstverständlich von großer Bedeutung für das Verhältnis der Deutschen zu den Juden und zu Israel. Doch sind die in diesem Kontext verwendeten Attribute “undenkbar” und “unvergleichbar” wenig hilfreich.Wer undenkbar sagt, hat gerade darüber nachgedacht, und wer etwas unvergleichbar findet, hat es offenkundig zuvor einem Vergleich unterzogen.

Worum es aber bei Auschwitz geht – und damit kam Grosser zu seinem wohl zentralen Anliegen -, ist das Leid der anderen. Die vordringliche Aufgabe, um zu Versöhnung und Frieden zu gelangen, besteht eindeutig darin, das Leid der jeweils anderen anzuerkennen.

Daher ist er mit dem jetzigen deutschen Papst Benedikt, mit dem ihn ansonsten wenig verbindet, einmal einer Meinung sein: Denn Benedikt sprach während seines Besuchs im Heiligen Land über das Leid der Palästinenser, über das Unrecht der Mauer und über das Anrecht des palästinensischen Volkes auf einen souveränen, unabhängigen Staat. Zum Besuch des Papstes soll auch erwähnt werden, dass er beinahe dazu genötigt wurde, die Eltern des entführten und seit langem in Haft der Hamas befindlichen israelischen Soldaten Gilad Shalit zu besuchen. Der Papst bestand aber darauf, auch Eltern von palästinensischen Häftlingen zu sehen, denn Tausende Palästinenser sitzen in israelischen Gefägnissen, ohne je angeklagt oder verurteilt worden zu sein.

Auschwitz nicht die Grundlegung Israels

Auschwitz ist entgegen landläufiger Meinung nicht die Geburtsstunde Israels.

Auch in Deutschland ist diese Auffassung verbreitet. So hat ausgerechnet der außenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, Eckardt von Klaeden, anlässlich des 60jährigen Bestehens von Israel in einer Bundestagsrede formuliert:

” Die Gründung des Staates Israel und seine moralische Legitimation als jüdischer Staat sind in dem Holocaust begründet.”

Dass die Gründung des Staates Israel auf den Holocaust zurückzuführen ist, ist für sich genommen schwer haltbar. Irritierend und bedenklich ist allerdings der Satz Klaedens, Israel beziehe “seine moralische Legitimation als jüdischer Staat” aus dem Holocaust. Umgekehrt kann dies nur bedeuten, dass Israel kein Existenzrecht hätte, wenn nicht zuvor der Versucht der Ausrottung des jüdischen Volkes stattgefunden hätte. Die Qualität von Klaedens betont Israel-loyaler Rede wurde nicht dadurch besser, dass er die Kritiker des sogenannten Sicherheitszauns antisemitisch nannte. Damals freilich wußte Klaeden nicht, dass im Jahr darauf Papst Benedikt zu den Kritikern des Zauns gehören würde.

Den in Wirklichkeit wohl wichtigsten Anstoß zur Gründung Israels hatte im 19. Jahrhundert der französische Arzt Theodor Herzl gegeben, als er infolge seiner Verbitterung über die antisemitische Stimmung in Frankreich zu Zeiten der Dreyfus-Affäre eine jüdische Heimstätte forderte.

Auf dem daraufhin einberufenen Ersten Zionistenkongreß in Basel im Jahr 1897 wurde im sogenannten Basler Programm unter anderem folgendes postuliert:

„Der Zionismus erstrebt die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina für diejenigen Juden, die sich nicht anderswo assimilieren können oder wollen.“

In den folgenden Jahren etablierte sich die zionistische Bewegung, und lenkte die Einwanderungsströme von Juden aus ganz Europa nach und ins britisch besetzte Palästina.

Die eindeutig treibende Kraft unmittelbar vor der Staatsgründung war über lange Jahre der spätere erste Ministerpräsident David Ben Gurion.

Im Februar 1937 erklärte er: “[...] der wahre Inhalt des Zionismus ist die Befreiung aller Juden, die durch ihre Ansiedlung in Palästina befreit werden können und befreit werden wollen. Ein Judenstaat, der die jüdische Einwanderung beschränken würde, wäre eine Verfälschung des Zionismus.”(1)

In seiner Funktion als Vorsitzender der zionistischen Exekutive bereiste zum zweiten mal im Mai 1942 die USA – also zu der Zeit, zu der in Osteuropa die Deportationen in die Vernichtungslager erst anliefen – , um das amerikanische Judentum für die Errichtung des Staates Israel nach dem Krieg zu mobilisieren.(2)

Als Ben Gurion in Palästina die Nachrichten vom Holocaust erreichten, riet er nach ersten Bemühungen von weiteren Rettungsversuchen ab. Dafür würden die eigenen Kräfte und Mittel nicht reichen. Man müsse sich vielmehr auf die Gründung des eigenen Staates konzentrieren. Die Schrecken der Morde sei dafür ein umso größerer Antrieb: “Tragedy is a power – if directed in the right direction.“(3)

Lesen Sie bitte den Rest des Beitrags auf dem FREITAG.

Teil II in Kürze

– MK

Die Früchte ihres Baumes. Ein atheistischer Blick auf die Christen
Price: EUR 26,90

81 used & new available from EUR 11,99

(1) David Ben Gurion: “Israel. Der Staatsgründer erinnert sich.” (Fischer TB 1998, S. 29)

(2) dto., S. 32

(3) Hanan Porat, Ben Gurion and the Holocaust, S.151

(4) Tom Segev, Die siebte Million, Hamburg 1995, S. 410

(5) Shmuel Eisenstadt, Die Transformation der israelischen gesellschaft, F.a.M. 1992, S. 265f.

PS. 1: Der Bericht ist keine 1:1 Wiedergabe der Erörterungen Prof. Grossers, aber nach bestem Gewissen der Versuch einer getreulichen Wiedergabe der wichtigsten Punkte. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurde auf die indirekte Rede verzichtet.

Meinungen, die die Meinung des Verfassers und nicht die von Prof. Grosser wiedergeben, sind in Form von Einrückungen erkennbar. Hintergrundinformationen und Hinweise, die über die Beiträge Herrn Grossers hinaus gehen sind ebenfalls als Einrückung kenntlich gemacht.

PS. 2.: Am morgigen 01. Juni des Jahres 1962 wurde in Israel das Todesurteil gegen den vormaligen SS Obersturmbannführer Adolf Eichmann, den Organisator der Transporte in die Konzentrationslager, durch den Strang vollstreckt.

* Prof. Dr. Alfred Grosser wurde 1925 in Frankfurt geboren und ist seit 1937 französischer Staatsbürger. Er ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft am Institut d’Etudes Politiques in Paris und Journalist, außerdem Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, Träger des großen Verdienstkreuzes mit Stern und Schulterband der Bundesrepublik Deutschland, der Wilhelm-Leuschner-Medaille 2004 sowie vieler anderer Auszeichnungen und Preise. Er ist Autor zahlreicher Publikationen und versteht sich dabei als “Mittler zwischen Franzosen und Deutschen, Ungläubigen und Gläubigen, Europäern und Menschen anderer Kulturen”.

Am 26.05.2009 hielt Prof. Grosser einen Vortrag zum Thema “Deutschland, Europa und der Nahostkonflikt” im Münchner Kulturzentrum Gasteig. Gastgeber war das Palästina-Kommittee München gemeinsam mit palästinensisch-jüdischen Dialoggruppen. Die Leitung hatte Fuad Hamdan vom EineWeltHaus in München.

(Photo: (c) Michael Kachel)
Bookmark and Share