Die Nockherberg-Reden der Vergangenheit waren mal mehr, mal weniger bissig, aber letztlich blieben sie doch versöhnlich.
Die inoffizielle Übereinkunft lautete: Ihr dürft den Politikern ihre Fehler vorhalten, über sie witzeln, ja ihnen sogar auch mal ordentlich einschenken. Aber dann muss auch gut sein.
Michael Lerchenberg als Fastenprediger “Bruder Barnabas” hat dieses mal mehr getan.
Er hat seine Adressaten angesichts der ungeheuren Dimensionen und extremen Auswirkungen der Krise, die ja nicht nur eine ökonomische Krise ist, sondern eine der politischen Klasse schlechthin, bloßgestellt.
Und damit hat er gut getan, auch wenn es ihm jetzt das “Amt” kosten sollte.
Wer als Fastenprediger auch noch in einer Lage wie der aktuellen versöhnliche Worte finden soll, kann das nur umsetzen, indem er die Verhältnisse weit über Gebühr schönt.
Was nun an Kritik stattfindet: Er habe einen unstatthaften KZ-Vergleich* angestellt, er habe die Polizei über Gebühr kritisiert, sind Nebenkriegsschauplätze.
Ja, man kann der Auffassung sein, dass er den KZ-Lagervergleich mit Westerwelle als Aufseher besser nicht gebracht hätte. Es ist aber angesichts der Fülle des von Lerchenberg hervorragend vorgebrachten Materials unangemessen, ihm ein, zwei Patzer derart um die Ohren zu schlagen. Völlig überzogen ist der Vorwurf von Frau Knobloch, der Präsidentin des Zentralrats, Lerchenberg habe die Würde der Holocaust-Überlebenden verletzt. Man muss nicht bei jeder Nennung des Stichworts “Lager” reflexartig den Vorwurf in die Welt posaunen, damit würde der Holocaust relativiert. Eine Relativierung der Verbrechen am jüdischen Volk oder oder eine Herabwürdigung der Überlebenden hatte Lerchenberg mit Sicherheit nicht im Sinn. Das hätte bei der Reaktion bedacht werden müssen.Und_ Läge Frau Knobloch auch etwas daran, dass jemand die ungeheuren Mißstände im Lande mutig anprangert, dann hätte sie ihre kritik -- die ja nicht vollkommen falsch ist -- so vorgebracht, dass Lerchenberg mit einem blauen Auge davon kommt.
Doch so wie der Vorwurf formuliert wurde lässt sich Lerchenberg flugs kalt stellen.
Das kommt den Westerwelles, Söders (der über weite Strecken mit verbissen-versteinerter Miene dem Vortrag Lerchenbergs folgte), Stoibers (dem die ganze Reihe seiner Verfehlungen bis zum Hypo-Alpe-Adria-Debakel förmlich um die Backen gehauen wurde) -- & etc.pp. äußert gelegen.
Wer lädt Westerwelle aus der Veranstaltung Deutschland aus?
Westerwelle hat den Veranstalter gebeten, “seine Person” künftig nicht mehr einzuladen. Ja, Barnabas hat einen harten Vergleich gewählt. Nur: Barnabas ist der komödiantische Bußprediger auf dem Nockherberg und darf grundsätzlich über die Stränge schlagen.
“Seine Person” Minister Westerwelle ist Vizekanzler und sollte das nie tun, aber kennt dennoch keinerlei Hemmungen, ganze Bevölkerungssschichten als “anstrengungslose Wohlstandsempfänger” zu erniedrigen. Wer lädt Westerwelle aus der Veranstaltung Deutschland aus?
Lerchenberg hat in der Art seines Vortrags das im wahrsten Sinn des Wortes Zeitgemäße getan, aber den Fehler begangen, sich mit zwei Formulierungen angreifbar zu machen. Diese Chance lassen sich die Herren und Damen Berufszyniker nicht entgehen.
Lediglich Münchens Oberbürgermeister Christian Ude fand ehrlich lobende Worte für den harten Vortrag Lerchenbergs.
Kurzum: Der einzige Skandal an der Rede von Michael Lerchenberg ist die geheuchelte, auf Skandal abzielende Reaktion auf seinen Vortrag.
Dennoch und gerade deswegen: Dank an Herrn Lerchenberg. Hut ab!
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Update: Und aus’ is, wie der Bayer sagt. Lerchenberg ist zurückgetreten:
“Auch wenn ich aus der Bevölkerung für die Fastenpredigt 2010 unzählige zustimmende Reaktionen erhalten habe…, so ist doch der politische und öffentliche Druck auf uns und die Paulaner Brauerei so groß geworden, dass mir eine Rückkehr in die Nockherberg Kanzel unmöglich erscheint”, erklärte Lerchenberg.
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* “Alle Hartz-IV-Empfänger sammelt er in den leeren, verblühten Landschaften zwischen Usedom und dem Riesengebirge, drum rum ein Stacheldraht. Hamma schon mal ghabt. Dann gibt’s jeden Tag eine Wassersuppn und an Kantn Brot. Statt Heizkostenzuschuss gibt’s von Sarrazins Winterhilfswerk zwei Pullover. Und überm Eingang steht, bewacht von neoliberalen Ichlingen im Gelbhemd, in eisernen Lettern: ‘Leistung muss sich wieder lohnen.’”
Nockherberg-Rede 2010 Video Teil 1
Nockherberg-Rede 2010 Video Teil 2
Nockherberg-Rede 2010 Video Teil 3
Nockherberg-Rede 2010 Video Teil 4
Nockherberg-Rede 2010 Video Teil 5
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Hier ein aktueller Leserbrief, den ich gesondert anführen möchte (auch wenn er nicht in jedem Detail meine Meinung widergibt):
“Leider finde ich keine Adresse von michael Lerchenberg, ich habe ihm meine Botschaft daher – für alle offen – hier hinterlegt.
Sehr geehrter Herr Lerchenberg,
ich habe Ihre Rede am Nockherberg mit großer Aufmerksamkeit verfolgt und darf von mir sicher sagen, dass ich ein gutes Sprachgefühl und einen wachen, kritischen Verstand habe.
Es war eine sehr gute, kluge, kritische Rede, die den Zuständen in unserem Land absolut angemessen ist. Es waren nur wenige persönliche Angriffe enthalten.
An keiner Stelle, weder in den Zeilen noch zwischen den Zeilen, war jedoch auch nur eine Spur Antisemitismus, eine Abschwächung des Leidens der Juden oder ein unangebrachter Vergleich zu finden. Sie haben einen überspitzten Ausblick gegeben, wie Sie die aktuelle Debatte um Sozialleistungen empfinden und an was es Sie das Denkschema erinnert.
Das mag für den Gescholtenen ( FDP ) bitter und verletzend sein, eine Beleidigung von Juden ist es jedenfalls nicht. Wer 1 Milliarde Euro jährlich völlig ohne Rechtfertigung und Sinn an Hoteliers verschenkt, wer 5 Milliarden Euro an die Autoindustrie verschenkt (Abwrackprämie der SPD / CDU / CSU ) und dann um Pfennigbeträge bei Sozialleistungen hetzt, als würden diese Pfennige und nicht die tägliche Korruption der Deutschen Politiker das Land ruinieren, hat es auch nicht anders verdient. Von 5 Milliarden Abwrackprämie hätte man 50 Millionen Menschen 1 Jahr lang vor dem Hungertod retten können. Schade das Frau Knobloch und der Zentralrat der Juden nicht einmal soviel Sprachgefühl haben, wie eine Bleistiftmine von Lion Feuchtwanger…
Schade auch, das Frau Knobloch und der Zentralrat der Juden Freiheit der Kunst nur solange verstehen, wie sie ihnen genehm ist und damit auch eine Geisteshaltung wiederholen die schon mal da war.
Bleiben Sie, sehr geehrter Herr Lerchenberg, wie damals in der Löwengrube : aufrecht !
Mit allerbesten Wünschen,
‘Dr. Hans Doepner, München’ ”
(Der Name wurde in Anführungszeichen gesetzt, weil wir keine Möglichkeit haben, die Echtheit zu verifizieren) ---
Bitter-süße Leseempfehlung zum Thema Guido Westerwelle: Goethes Erlkönig, in der “Koalitions-Fassung”



