Archive for the ‘Deutsche Politiker’ Category

Harte, gute Nockherberg-Predigt von Michael Lerchenberg

Friday, March 5th, 2010

Die Nockherberg-Reden der Vergangenheit waren mal mehr, mal weniger bissig, aber letztlich blieben sie doch versöhnlich.

Die inoffizielle Übereinkunft lautete: Ihr dürft den Politikern ihre Fehler vorhalten, über sie witzeln, ja ihnen sogar auch mal ordentlich einschenken. Aber dann muss auch gut sein.

Michael Lerchenberg als Fastenprediger “Bruder Barnabas” hat dieses mal mehr getan.

Er hat seine Adressaten  angesichts der ungeheuren Dimensionen und extremen Auswirkungen der Krise, die ja nicht nur eine ökonomische Krise ist, sondern eine der politischen Klasse schlechthin, bloßgestellt.

Und damit hat er gut getan, auch wenn es ihm jetzt das “Amt” kosten sollte.

Wer als Fastenprediger auch noch in einer Lage wie der aktuellen versöhnliche Worte finden soll, kann das nur umsetzen, indem er die Verhältnisse weit über Gebühr schönt.

Was nun an Kritik stattfindet: Er habe einen unstatthaften KZ-Vergleich* angestellt, er habe die Polizei über Gebühr kritisiert, sind Nebenkriegsschauplätze.

Ja, man kann der Auffassung sein, dass er den KZ-Lagervergleich mit Westerwelle als Aufseher besser nicht gebracht hätte. Es ist aber angesichts der Fülle des von Lerchenberg hervorragend vorgebrachten Materials unangemessen, ihm ein, zwei Patzer derart um die Ohren zu schlagen. Völlig überzogen ist der Vorwurf von Frau Knobloch, der Präsidentin des Zentralrats, Lerchenberg habe die Würde der Holocaust-Überlebenden verletzt. Man muss nicht bei jeder Nennung des Stichworts “Lager” reflexartig den Vorwurf in die Welt posaunen, damit würde der Holocaust relativiert. Eine Relativierung der Verbrechen am jüdischen Volk oder oder eine Herabwürdigung der Überlebenden hatte Lerchenberg mit Sicherheit nicht im Sinn. Das hätte bei der Reaktion bedacht werden müssen.Und_ Läge Frau Knobloch auch etwas daran, dass jemand die ungeheuren Mißstände im Lande mutig anprangert, dann hätte sie ihre kritik -- die ja nicht vollkommen falsch ist -- so vorgebracht, dass Lerchenberg mit einem blauen Auge davon kommt.

Doch so wie der Vorwurf formuliert wurde lässt sich Lerchenberg flugs kalt stellen.

Das kommt den Westerwelles, Söders (der über weite Strecken mit verbissen-versteinerter Miene dem Vortrag Lerchenbergs folgte), Stoibers (dem die ganze Reihe seiner Verfehlungen bis zum Hypo-Alpe-Adria-Debakel  förmlich um die Backen gehauen wurde) -- & etc.pp. äußert gelegen.

Wer lädt Westerwelle aus der Veranstaltung Deutschland aus?

Westerwelle hat den Veranstalter gebeten, “seine Person” künftig nicht mehr einzuladen. Ja, Barnabas hat einen harten Vergleich gewählt. Nur: Barnabas ist der komödiantische Bußprediger auf dem Nockherberg und darf grundsätzlich über die Stränge schlagen.

“Seine Person” Minister Westerwelle ist Vizekanzler und sollte das nie tun, aber kennt dennoch keinerlei Hemmungen, ganze Bevölkerungssschichten als “anstrengungslose Wohlstandsempfänger” zu erniedrigen. Wer lädt Westerwelle aus der Veranstaltung Deutschland aus?

Lerchenberg hat in der Art seines Vortrags das im wahrsten Sinn des Wortes Zeitgemäße getan, aber den Fehler begangen, sich mit zwei Formulierungen angreifbar zu machen. Diese Chance lassen sich die Herren und Damen Berufszyniker nicht entgehen.

Lediglich Münchens Oberbürgermeister Christian Ude fand ehrlich lobende Worte für den harten Vortrag Lerchenbergs.

Kurzum: Der einzige Skandal an der Rede von Michael Lerchenberg ist die geheuchelte, auf  Skandal abzielende Reaktion auf seinen Vortrag.

Dennoch und gerade deswegen: Dank an Herrn Lerchenberg. Hut ab!

Update: Und aus’ is, wie der Bayer sagt. Lerchenberg ist zurückgetreten:

“Auch wenn ich aus der Bevölkerung für die Fastenpredigt 2010 unzählige zustimmende Reaktionen erhalten habe…, so ist doch der politische und öffentliche Druck auf uns und die Paulaner Brauerei so groß geworden, dass mir eine Rückkehr in die Nockherberg Kanzel unmöglich erscheint”, erklärte Lerchenberg.

* “Alle Hartz-IV-Empfänger sammelt er in den leeren, verblühten Landschaften zwischen Usedom und dem Riesengebirge, drum rum ein Stacheldraht. Hamma schon mal ghabt. Dann gibt’s jeden Tag eine Wassersuppn und an Kantn Brot. Statt Heizkostenzuschuss gibt’s von Sarrazins Winterhilfswerk zwei Pullover. Und überm Eingang steht, bewacht von neoliberalen Ichlingen im Gelbhemd, in eisernen Lettern: ‘Leistung muss sich wieder lohnen.’”

Nockherberg-Rede 2010 Video Teil 1

Nockherberg-Rede 2010 Video Teil 2

Nockherberg-Rede 2010 Video Teil 3

Nockherberg-Rede 2010 Video Teil 4

Nockherberg-Rede 2010 Video Teil 5

Hier ein aktueller Leserbrief, den ich gesondert anführen möchte (auch wenn er nicht in jedem Detail meine Meinung widergibt):

“Leider finde ich keine Adresse von michael Lerchenberg, ich habe ihm meine Botschaft daher – für alle offen – hier hinterlegt.

Sehr geehrter Herr Lerchenberg,

ich habe Ihre Rede am Nockherberg mit großer Aufmerksamkeit verfolgt und darf von mir sicher sagen, dass ich ein gutes Sprachgefühl und einen wachen, kritischen Verstand habe.
Es war eine sehr gute, kluge, kritische Rede, die den Zuständen in unserem Land absolut angemessen ist. Es waren nur wenige persönliche Angriffe enthalten.

An keiner Stelle, weder in den Zeilen noch zwischen den Zeilen, war jedoch auch nur eine Spur Antisemitismus, eine Abschwächung des Leidens der Juden oder ein unangebrachter Vergleich zu finden. Sie haben einen überspitzten Ausblick gegeben, wie Sie die aktuelle Debatte um Sozialleistungen empfinden und an was es Sie das Denkschema erinnert.

Das mag für den Gescholtenen ( FDP ) bitter und verletzend sein, eine Beleidigung von Juden ist es jedenfalls nicht. Wer 1 Milliarde Euro jährlich völlig ohne Rechtfertigung und Sinn an Hoteliers verschenkt, wer 5 Milliarden Euro an die Autoindustrie verschenkt (Abwrackprämie der SPD / CDU / CSU ) und dann um Pfennigbeträge bei Sozialleistungen hetzt, als würden diese Pfennige und nicht die tägliche Korruption der Deutschen Politiker das Land ruinieren, hat es auch nicht anders verdient. Von 5 Milliarden Abwrackprämie hätte man 50 Millionen Menschen 1 Jahr lang vor dem Hungertod retten können. Schade das Frau Knobloch und der Zentralrat der Juden nicht einmal soviel Sprachgefühl haben, wie eine Bleistiftmine von Lion Feuchtwanger…
Schade auch, das Frau Knobloch und der Zentralrat der Juden Freiheit der Kunst nur solange verstehen, wie sie ihnen genehm ist und damit auch eine Geisteshaltung wiederholen die schon mal da war.

Bleiben Sie, sehr geehrter Herr Lerchenberg, wie damals in der Löwengrube : aufrecht !

Mit allerbesten Wünschen,

‘Dr. Hans Doepner, München’ ”

(Der Name wurde in Anführungszeichen gesetzt,
 weil wir keine Möglichkeit haben, die Echtheit zu verifizieren)

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Bitter-süße Leseempfehlung zum Thema Guido Westerwelle: Goethes Erlkönig, in der “Koalitions-Fassung”

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Wir müssen Westerwelle dankbar sein – die FDP nicht

Thursday, March 4th, 2010

Absicht und Wirkung stimmten noch nie zwangsläufig überein. Das formulierte schon Goethe mit seiner faustischen Einsicht “Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.

Westerwelle, dieser “etwas leichtfertige Mensch” (Helmut Schmidt) sieht sich allerdings nicht als Mephistopheles, der Böses will und Gutes schafft.

Im Gegenteil: Er meint Gutes zu wollen und mit dieser Absicht auch Gutes zu bewirken. Was könnte es Gerechteres geben als “Leistungsgerechtigkeit”? Und hat er nicht recht mit seiner rhetorischen Peitsche, dass der linksradikal in der Birne sein müsse, der Leistungsgerechtigkeit für rechtsradikal hält? In all dem wähnt Westerwelle die “Mehrheit der deutschen Bevölkerung” auf seiner Seite.

Doch auf die Darlegungen Westerwelles, wie er all das zu seiner “spätrömischen Dekadenz” gesagte in Wirklichkeit meine, auf was es ihm eigentlich ankomme, kommt es nun nicht mehr an.

Nicht “linksradikal in der Birne” sind die, die dem selbsternannten Freund der klaren Aussprache Westerwelle nicht folgen mögen in seinem hysterischen Populismus, sondern aufmerksame Beboachter. Westerwelle hat die Katze aus dem Sack gelassen.  Allzu klar und allzu deutlich war das ganze Auftreten des – horrribile dictu – Vizekanzlers. Seine Gesinnung liegt spätestens jetzt offen zutage.

Wie gut oder schlecht Westerwelles Argumente in der losgetretenen Sozialstaatsdebatte sind, betrifft nur die aktuelle Diskussion.

Schon recht kurzfristig könnte die Wirkung der Debatte die sein, dass man sich sowohl in der Bevölkerung, als auch in der Politik in breiter Masse abwendet von einem populistischen Phänomen, das man europaweit in vielen Schattierungen  kennen gelernt hat. Deutschland bietet nicht viel Nährboden für diese Art von Politik. Denn wir waren die Verführten, wir waren die Bösen. Das mag man nicht mehr wiederholen. Rattenfängerei hat hierzulande enge Grenzen. Auch wenn man das in der Hitze einer öffentlichen Debatte schnell übersehen kann. Der zwischenzeitliche Miniaturerfolg wie die von Westerwelle mit größter Genugtuung festgestellen 2 Prozent Umfragezugewinn für die Liberalen stellt sich schon jetzt als Phyrrus-Sieg heraus. Die FDP ist im Sinkflug und ist auf 7 Prozent eingebrochen. Das ist eine Halbierung  des Ergebnisses aus der letzten Bundestagswahl.

Das Gute an Westerwelles Dekadenz

Das Gute, das Westerwelle bewirkt, auch wenn er genau das keinswegs beabsichtigt hat, ist eine offenere und weniger verschämte Zurkenntnisnahme der Situation der vielen schlecht Gestellten in Deutschland.

Hartz IV, man muss es klar sagen, war bislang ein Tabuthema. Aber nun wird landauf und landab die soziale Kluft unverhüllt dargestellt und angeprangert.

Man rechnet genauer nach, wie weit denn ein Hartz-Regelsatz reicht und welche Unzulänglichkeiten insbesondere für Kinder bestehen. Auf all das haben auch schon andere hingewiesen – seit Jahren etwa der frühere CDU-Generalsekretär und heutiges ATTAC-Mitglied Heiner Geißler.

Nur die große Bühne für dieses Thema fehlte. Die hat nun  just Westerwelle bereitet. Und dafür könnte man ihm bald dankbar sein. Selbst ein Thilo Sarrazin könnte insofern als jemand angesehen werden, der unterm Strich Gutes bewirkt: Indem er sich als reicher asozialer Außenseiter outet, der dem eigentlich sozialen Thema wieder zu Aufmerksamkeit verhilft.

Ganz anders verhält es sich mit dem Guten oder Schlechten, das der FDP widerfährt.

Was erkannt wurde, und was der FDP zum schweren Problem werden kann, ist:

Westerwelle macht den Haider, gibt den Möllemann

Westerwelle könnte in seinem Tun als “sozialpolitische Abrissbirne”* für die FDP, die so viele große,  seriöse Politiker in ihren Reihen hatte und hat – man denke nur an Theodor Heuss, Thomas Dehler,  Gerhard Baum oder Hans-Dietrich Genscher – zur Zerreissprobe werden.

Schon zweimal in ihrer Nachkriegsgeschichte stand die Partei in einer Zerreißprobe. Die erste Krise kam schon bald nach dem Krieg. Die FDP bot sich wenngleich nicht offiziell, so doch faktisch als Sammelbecken für Alt-Nazis an. Früh forderte man einen “Schlusstrich” unter die Vergangenheit. Das machte sich bezahlt. In den ersten Wahlen zum Bundestag erreichte die Partei knapp zwölf Prozent. Im Bundestag stimmte sie 1950 gegen das Entnazifizierungsverfahren. Auf ihrem Parteitag von 1952 votierte sie für die Freilassung aller “sogenannten Kriegsverbrecher”.

Die Toleranz gegenüber dem rechten Spektrum fand erst mit der “Naumann-Affäre” ein Ende.   Der ehemalige Staatssekretär im Reichspropagandaministerium und zeitweilige Referent von Joseph Goebbels Werner Naumann versuchte mit dem nach ihm benannten “Naumann-Kreis”, in dem zahlreiche hochrangige Nazi-Schergen mitwirkten,  die FDP in seinem Sinne zu unterwandern. Der Kreis wurde aus der FDP ausgeschlossen, was der Partei in der nächsten Wahl einige Stimmen kosten sollte.

Spätestens in der Affäre Möllemann trat der latente Rechtspopulismus unverhohlen zutage. Der frühere Landesvorsitzende der FDP in Nordrhein-Westfalen Jürgen Möllemann gab den Freund von offenen Worten und geißelte die Palästinenser-Politik des damaligen israelischen Premierministers Ariel Scharon. In Flublättern, die an alle Haushalte in NRW gingen, prangerte Möllemann Scharon und den damaligen Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Michel Friedman, an, sie würden den Antisemitismus in Deutschland befördern.

Mit diesem perfiden Vorwurf wurde schnell klar, dass es Möllemann eben nicht nur auf Kritik an Israel ankam, sondern auf die Aufmerksamkeit eines rechten Publikums. Denn (politische) Kritik an Israel hat zunächst keine Verbindung zu Antisemitismus. Dass Möllemann diese Verbindung dennoch und man darf annehmen ganz bewußt herstellte, machte klar, dass er den Applaus der mehr oder weniger offen antisemitischen Bevölkerungsteile haben wollte.

Der damalige Parteivorsitzende Westerwelle war lange außerstande, ein Machtwort zu sprechen. Insofern gibt es durchaus strukturelle Ähnlichkeiten zwischen dem Vorgehen von Möllemann damals und dem Auftreten von Westerwelle heute. Beide beteuern, nur “Klartext” reden zu wollen, aber können doch nur gegenüber unkritischen Zeitgenossen verbergen, dass sie äußerst aggressive Polemik betreiben, die erst im Nachgang verbal geschönt werden soll.

Möllemann hat sich damals gewaltig geirrt. Westerwelle irrt sich heute gewaltig. Und schadet seiner Partei massiv.

Stellt sich die Frage, ob die FDP heute in der Lage ist, dieses Problem eleganter zu lösen als die damaligen Krisen.

Man wünscht ihr endlich einen Schlusstrich ziehen zu können unter diese Anflüge von Rechtspopulismus.

– MK

* so der Nockherberg-Redner Michael Lerchenberg in seiner gestrigen Münchner Fastenpredigt als “Bruder Barnabas”

Bild: SPIEGEL-Titel von 2003

Plakat: Wikipedia CC Lizenz

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Zur Überheblichkeit des Westens gegenüber dem Islam

Sunday, February 14th, 2010

Altbundeskanzler Helmut Schmidt urteilte kürzlich: “Das Verhältnis des Westens zum Islam insgesamt ist durch eine grundsätzliche Animosität und Überheblichkeit des Westens gekennzeichnet. Dabei summieren sich seit Jahrhunderten Verhaltensfehler des Westens und die gegenwärtige demografische Explosion in vielen islamischen Staaten – bei anhaltender Armut und beständiger ökonomischer Drittrangigkeit.”

Spontan möchte man wenigstens dem Punkt “Überheblichkeit” zustimmen. Nicht zuletzt deshalb, weil man das so oder so ähnlich schon oft gehört hat.

Schließlich ist “Überheblichkeit” einer der Hauptvorwürfe, die aus Richtung muslimischer Staaten an den Westen gerichtet werden. Dazu muß man nicht Osama Bin Laden heranziehen.

Obwohl man sich an diesen Vorwurf gewöhnt hat und ihn irgendwie auch akzeptiert, scheint er mir nur bedingt haltbar. Vielmehr könnte es sich um ein Urteil handeln, das aus einer eingeschränkten Perspektive resultiert.

Was ist zu klären, um die Ausgangsthese prüfen zu können?

Begriffliche Weite: “Der Westen”, “der Islam”. Beide Begriffe haben eine von vornherein fragwürdige Weite. Man kann auch sagen, dass es zu pauschale Begriffe sind.

Zeitlicher Horizont: “Seit Jahrhunderten”. Die Behauptung von zeitlicher Kontinuität über derart lange Zeiträume bedarf einer näheren Betrachtung.

Bringt man begriffliche Weite und Zeitraum zusammen, sollte schnell klar werden, dass die Ausgangsthese kaum haltbar ist.

Als “der Westen” darf man auf die Schnelle die USA und Europa ansehen.

Zunächst zu den USA als der einen Hälfte des Westens. Sie sind heute die dominante Hälfte ist, waren es vor 1945 aber keineswegs. Für die USA stellte das Thema “Islam” über die längste Zeit ihrer Geschichte überhaupt keine Rolle.

Die Erschließung des amerikanischen Kontinents, der Kampf um die Unabhängigkeit, Bürgerkrieg, Sklavenfrage und schließlich die Teilnahme am Ersten und Zweiten Weltkrieg bestimmten die Agenda.

Die lange Tradition des amerikanischen Isolationismus wurde erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts aufgegeben. Aus wirtschaftspolitischen Erwägungen fing man an – der damaligen Zeit durchaus entsprechend – eine imperialistische  Außenpolitik zu betreiben. Die erstreckte sich aber vorrangig auf den mittelamerikanischen Raum (Krieg gegen das spanische Mexiko 1898, Zugriff auf die Kanalzone in Panama 1901) .

Die muslimische Welt trat – historisch sehr spät! – erst in den Blickwinkel, als es ums Öl ging. Das war nach dem Ersten Weltkrieg der Fall. Und auch dann ging es gerade nicht um die “muslimische” Welt, sondern um einen überschaubaren geografischen Teil der arabischen bzw. persischen Welt. Inhaltlich ging es dabei um ökonomische Interessen, aber bestimmt nicht um Religion oder Kultur.  Danach allerdings ging es Schlag auf  Schlag, und nicht immer wurde große Rücksicht genommen.

Was nun Europa anbelangt, sieht es mindestens ebenso differenziert aus. Die Kreuzzüge anzuführen geht meines Eachtens zu weit. Zwar muß man den abstrakten historischen Sachverhalt anerkenne,  doch kann kaum jemand ernsthaft behaupten, die Vorgänge von vor Tausend Jahren könnten heute noch “spürbar” sein. Zum ersten dauerhaften und intensiven Kontakt zwischen dem Morgen- und Abendland kam es später im Zuge der muslimischen Eroberung Spaniens im fünfzehnten Jahrhundert. So blutig die Eroberung war, so fruchtbar war die folgende kulturelle Nähe. Denn zu dieser Zeit war die arabische Kultur und Zivilisation weiter fortgeschritten als die der europäischen bzw. christlichen Völker.

Diese Nähe wurde mit der christlichen Rekonquista aufgehoben – also mit der Vertreibung der Moslems und Juden aus Spanien gegen Ende des fünfzehnten jahrhunderts -, und für lange Zeit gab es relativ wenig Berührungspunkte zwischen den beiden Welten.

Abgesehen von einem Ausflug Napoleons nach Ägypten oder der Briten nach Afghanistan – die ja beide nicht dem Islam, sondern den Ländereien galten – wurde das Morgenland für Europa erst im 20. Jahrhundert wieder richtig interessant, als es nach dem Untergang des Osmanischen Reiches zum Ende des Ersten Weltkkriegs darum ging, die Region neu zu ordnen. Vom Völkerbund wurden Mandate an Frankreich und England zugewiesen. Doch das Zeitalter der Kolonien war längst im Untergang begriffen, weshalb diese Phase von vornherein nur einen Abgesang darstellte.

Gar nicht die Rede war von den Teilen Europas, die über die längste Zeit so gut wie gar keine Berührungspunkte mit der muslimischen Welt hatten: Schweden, Norwegen, Polen, Belgien, um nur einige zu nennen. Nicht unerwähnt bleiben sollte der aufgrund der geografischen Lage intensive und lange Zeit friedliche und fruchtbare Austausch zwischen Österreich-Ungarn und dem Osmanischen Reich.

Über die beklagenswerte Episode, in der der “Großmufti” von Jerusalem eine Allianz mit Hitlerdeutschland einging und der dazu in Europa lebende Muslime in deutsch geführte Verbände trommelte, möchte man (aus deutscher Sicht) am liebsten schweigen, wie auch über das zugehörige Phänomen, dass Hitler noch heute unter den Arabern des Nahen Ostens allzu oft in hohem Ansehen steht.

Das Verhältnis europäischer Staaten und Amerikas gegenüber muslimischen Ländern wie Saudi-Arabien, Bahrain, Kuwait, Dubai, Quatar oder Brunei im Pazifik ist wiederum eher dadurch gekennzeichnet, dass diese vom Ölreichtum verwöhnten Staaten – deren Reichtum und Wohlstand sich teils erstaunlich weit auch auf den Normalbürger erstreckt – über die etwas ärmlichen Westler eher lächeln, als dass sie unter deren angeblichem Hochmut leiden.

Zum Islam gehört geografisch viel mehr als nur der Nahe und Mittlere Osten. Das heute größte muslimische Land, Indonesien, war bis zum 15. Jahrhundert buddhistisch und hinduistisch geprägt. Erst durch den Einfluß arabischer Händler breitete sich dort der Islam aus. Daran änderte auch die Ende des 15. Jahrhunderts einsetzende Dominanz der zuerst portugiesischen, dann niederländischen Kolonialmächte nichts mehr. Das Verhältnis der imperialen Mächte zum besatzten Indonesien war auch hier nicht religiös, sondern wirtschaftlich definiert.

Ein wichtiger Punkt fehlte bislang vollkommen. Die Beziehung der Religionen untereinander. Das lässt sich hinsichtlich des hier interessierenden Aspekts “Überheblichkeit” (und wirklich nur hinsichtlich dieses Aspekts) wider Erwarten kurz abhandeln.

Religion ist absolute Wahrheit.
Absolute Wahrheit ist Überheblichkeit.

Bei Religionen geht es um Wahrheit. Wahrheit an sich ist immer arrogant, da die eine Wahrheit nie neben der anderen Bestand haben kann. Wer an den einen wahren Gott glaubt, kann unmöglich denken, dass der andere Gott ein ebenso wahrer Gott sei. Dann wäre der eigene nicht der wahre. Dieser Umstand alleine trägt eine Überheblichkeit in sich, die man als gleichverteilt ansehen kann. Der tief gläubige Christ denkt in aller Regel – geht man von der Masse der Gläubigen aus, nicht von intellektuellen Gläubigen wie Hans Küng etc.pp. – ebenso gering vom muslimischen Glauben wie der gläubige Muslim auf den Christen herab sieht.

Das alles ist nur eine (allzu) grobe Skizze. Dennoch sollte klar geworden sein: Die These von Helmut Schmidt, wie sie auch von vielen anderen vertreten wird, ist kaum zu halten. Hätte Schmidt von konkreten politischen Einflussnahmen bestimmter Nationen / Kräfte aus dem Westen gegenüber bestimmten arabischen / persischen Nationen oder Gebieten gesprochen, wäre das weniger problematisch.

Doch gerade in der seit längerem geführten Debatte um den Islam und Islamismus, aufgeheizt durch den amerikanischen Irakkrieg, den Afghanistankrieg, den Internationalen Terrorismus oder auch inländischen Ereignissen wie “Ehrenmorde” o.ä. sollten die Argumente nicht durcheinander geworfen werden.

Es gab und gibt zweifelsfrei viele fehlerbehaftete Einflüsse bestimmter Kräfte im Westen auf Länder und Regionen, in denen hauptsächlich Muslime leben (ebenso umgekehrt!).

Aber – um in der Gegenwart zu bleiben – gerade am Beispiel Irakkrieg sollte deutlich werden, dass es dabei zu keiner Zeit um Religion oder den Islam ging (wie auch: der Irak war vom sozialistischen, areligösen Baath-Regime Saddam Husseins regiert). Es ging um Massenvernichtungswaffen (offiziell) beziehungsweise um Öl (de facto).

Im Falle Afghanistan ging es 2001 offiziell und de facto um die Bestrafung des Taliban-Regimes, das sich hochoffiziell weigerte, Bin Laden auszuliefern. Mit dem Islam hatte das gar nichts zu tun.

Taliban sind schlechte Muslime, meinte Scheich Yassin

Apropos Taliban und Islam: Der langjährige unter Palästinensern hoch angesehene geistliche und politische Hamas-Führer  Scheich Yassin sagte über die Taliban: “Their [the Talibans's] understanding of Islam is completely wrong and misleading… Their ways can only harm the islamic religion…..We support and sympathize with any movement which defend the right of its people to enjoy self-governance and independance, but we are not prepared to seek an alliance with those [Taliban] movements.”* Schon daraus ist abzulesen, dass der Krieg gegen Afghanistan auch aus Sicht wichtiger inner-islamischer Stimmen kein Krieg gegen den Islam ist.

Schlägt man Israel dem Westen zu, kann man auch hier feststellen, dass es ganz grundsätzlich betrachtet noch nie um einen Konflikt zwischen Juden und Moslems ging. Damals wie heute ging es primär um einen Konflikt zwischen Zionisten, die ins Land kamen und sich ausbreiteten, und der ansässigen arabischen Bevölkerung. Religion spielte dabei nur eine Nebenrolle, wenn überhaupt.

Es gibt keinen Kampf des Westens gegen den Islam.

Wer auf einzelne radikale Stimmen wie Geert Wilders in den Niederlanden, Jean Marie Le Pen in Frankreich  oder den Gossen-Choleriker Henryk Broder in Deutschland verweist, die dieses kämpferische Bild aus niederen Instinkten produzieren wollen,  sollte der Objektivität halber einräumen, dass es sich eben um einzelne Stimmen handelt. Man darf sich nicht dadurch täuschen lassen, dass in der Fernseh- und medienwelt laute Stimmen gerne wiedergegeben werden.

Wer trotzdem so tut, als wären die großen Gift-und-Galle-Spucker repräsentativ, hat möglicherweise ähnlich aggressive Interessen, nur halt von der anderen Seite aus. Das kennt man schon. Wie war das zuzeiten George W. Bushs und seines Vize Dick Cheney? Man sagte nicht zu Unrecht, Dick Cheney und Mahmoud Ahmadinedschad seien  aufgrund ihrer ähnlichen radikalen Haltungen Zwillinge, die bei der Geburt getrennt wurden….

Daher sollte es in der Debatte um das Verhältnis des Westens zur muslimischen Welt mehr darum gehen, eigene politische Fehler zu korrigieren sowie – was den uns bedrohenden Terrorismus anbelangt – Maßnahmen zu treffen, um Extremisten wirksam zu begegnen. Extremisten, die sich sich irreführenderweise gottgläubig nennen.

Ist diese ganze Unterscheidung nur Haarspalterei, wo es doch zum Beispiel dem Iraker egal sein dürfte ist, warum die USA in seinem Land sind?

Religion betrifft jeden persönlich, Politik nicht

Oh ja. Denn Religion geht jeden Gläubigen persönlich an, Politik weit weniger  (solange man nicht direkt betroffen ist).

Ein Muslim in Indonesien fühlt sich wahrscheinlich sehr wohl betroffen, wenn er meint, “dem Westen” ginge es in Afghanistan darum den Islam zu bedrängen (was die Taliban und Al-Quaida nach Kräften suggerieren). Ist derselbe Muslim in Indonesien aber der Auffassung, dass in Afghanistan trotz schlimmer Fehler immerhin auf Basis einer gültigen UN-Resolution gekämpft wird, wird er sich nicht verstricken lassen.

Bei Milliarden von Muslimen macht das einen gewaltigen Unterschied.

Insofern gießt man ganz unnötig Öl ins Feuer, wenn man von einem Kampf des Westens gegen den Islam spricht (das mag vielleicht auf die erzkonservativen Evangelikalen in den USA zutreffen – hier trifft Samuel Huntingtons These vom Kampf der Kulturen noch am ehesten zu – aber diese Klerikalen sind nun mal nicht “der Westen”, sie sind noch nicht einmal Amerika) .

Fazit

Am Anfang war das Wort. Gebraucht es gut, denn es geht um Frieden. Redet nicht vom Islam, wo es um sehr weltliche Politik geht.

– MK

Die Diskussion hierzu kann auf dem FREITAG verfolgt werden.

PS.: Dieser Beitrag ist keinesfalls gegen Helmut Schmidt gerichtet. Ich nehme auch an, dass er bei neuerlicher Formulierung statt der religiösen Herkunftsbezeichnung “Islam” eine eher geografische Beschreibung im Sinne von “muslimische Welt” verwenden würde. Das Zitat von Bundeskanzler Schmidt wurde daher lediglich als Aufhänger verwendet.

PS.2: Fragt sich der eine oder andere Leser wo der Aspekt bleibt, dass offenkundig eine gewisse Anzahl von Schweizern (Minarett-Abstimmung), Franzosen (gegenwärtige Diskussion “was ist französisch?”, angestoßen durch Präsident Sarkozy) Niederländern oder auch Deutschen eine kritische bis ablehnende Haltung gegen Muslime haben? Das ist eine innenpolitische Frage. Sie hat bedingt zu tun mit der Frage des “Westens gegenüber dem Islam”. Sie gehört zum sehr allgemeinen Thema “das Fremde in einer Gesellschaft” und ist weniger Islam-bezogen als man aufgrund der aktuellen Debatte meinen möchte.

(Bild: narek781, Flickr CC Lizenz)
 * zit. aus:  Zaki Chehab. Inside Hamas, Nation Books, New York 2007, S. 108
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