Israelischer Historiker Morris: Araber sind Barbaren

facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmail
Benny Morris

Der israelische Historiker Benny Morris ist eine bizarre Erscheinung.

1988 erschien sein Buch “Die Ursachen des palästinensischen Flüchtlingsproblems”, das ihn über Israels Grenzen hinaus bekannt machte  (The birth of the palestinian refugee problem).

Darin  widerlegte er eine jahrzehntealte israelische Darstellung, nach der die Araber Palästinas im Krieg von 1948 vor allem deshalb geflohen seien, weil sie von ihren Führern dazu aufgefordert wurden / weil sie aus eigenem Antrieb gingen / weil sie vorübergehend das Kriegsgebiet verliessen, um mit den hoffentlich siegreichen arabischen Armeen zurück zu kehren.(1) Im Übrigen hätten die Juden bzw. Israelis einiges unternommen, um die Araber zum Bleiben zu bewegen. Keinesfalls habe man sie vertrieben.

Mit diesen Mythen hat Morris Schluß gemacht. Er machte sich damit zum Doyen der sogenannten “Neuen Historiker”.

Die Neuen Historiker hatten Zugriff auf viele Archivbestände erhalten, die aufgrund der 30-Jahresfrist vorher nicht verfügbar waren. Obwohl viele Dokumente zensiert waren, blieben doch mehr als genügend übrig, um zu völlig neuen Schlüssen zu kommen.

Angefangen hatte es mit einem brisanten Fund.

Die israelische Armee  hatte während des Kriegs 1948 eine Kommission eingesetzt, die die Ursachen für die Flucht der Palästinenser herausfinden sollte. Das im Juni 1948 entstandene Dokument wurde nur einem kleinen Kreis zugänglich gemacht. Erst Mitte der 80er gelangte es aus dem Nachlass von Aharon Cohen, einem führenden Politiker der Mapam, in die Hände von Morris.

Der Bericht besagt ohne Umschweife, dass über 70 Prozent der Flucht direkt auf Handlungen der jüdischen / israelischen Armee zurückzuführen ist.(2) Die Abhandlungen, die auf Grundlage dieser neuen Quellenlage verfasst wurden, sorgten für einige Aufregung.

Immerhin war es lange Zeit so, dass sich Israel angesichts der Flucht der Araber keiner Schuld bewußt war: Da sie aus freien Stücken abgezogen waren konnte man nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Weder in Hinblick auf Entschädigungen, noch in Bezug auf ein Recht auf Rückkehr. Beides wäre im Licht der neuen Erkenntnisse zu revidieren. Israels Ansehen im Ausland wurde durch die neuen Erkenntnisse nicht gerade befördert, zumal man sich mitten in der Ersten Intifada befand.

Wie so oft wurde der Überbringer der schlechten Nachricht geprügelt.

Eine Zeitlang war Morris in Israel ein akademischer Paria. Offenbar hat im das stark zugesetzt. Er begann sich von den Schlüssen, die aus seinem Werk zu ziehen sind, zu distanzieren. Seitdem ist Benny Morris zwiegespalten. Auf der einen Seite betreibt er weiter Forschung an den Quellen. Die dabei gewonnen Einsichten verschärften seine ursprünglichen Thesen zum Teil (3), und doch nahm er die Vertreibung und die damit einhergegangenen Gräuel wie Massaker oder Vergewaltigungen mit einem Schulterzucken hin: So ist das im Krieg.

Aus den Abläufen von 1948/49 zieht Morris längst realpolitische Folgerungen, die einem größeren politischen Spektrum in Israel gefallen dürften. Er ist der Auffassung, die politische Führung unter Ben Gurion und die Armee hätten sich damals eine Chance entgehen lassen. Man hätte die Araber ganz vertreiben können und sollen, und stünde heute nicht vor den bekannten demografischen Problemen.

Morris: Palästinenser sind wilde Tiere

Während der Zweiten Intifada gab Morris ein Interview, in dem er die Palästinenser als “wilde Tiere” bezeichnete, die weggesperrt werden müssten. Wenn es ganz schlimm komme, müsse man vielleicht noch weiter gehen. Immerhin, so Morris, konnte auch die große amerikanische Nation nur mit der Vernichtung der Indianer gegründet werden.

Der Publizist Ari Shavit schrieb dazu auf Counterpunch  :

Morris proceeds to argue for the necessity of ethnic cleansing in 1948.

He faults David Ben-Gurion for failing to expel all Arab Israelis, and hints that it may be necessary to finish the job in the future.

Though he calls himself a left-wing Zionist, he invokes and praises the fascist Vladimir Jabotinsky in calling for an “iron wall” solution to the current crisis.

Referring to [Ariel] Sharon’s Security Wall, he [Morris] says [about the palestinians],

“Something like a cage has to be built for them.

I know that sounds terrible. It is really cruel. But there is no choice.

There is a wild animal there that has to be locked up in one way or another.”

He calls the conflict between Israelis and Arabs a struggle between civilization and barbarism, and suggests an analogy frequently drawn by Palestinians, though from the other side of the Winchester:

“Even the great American democracy could not have been created without the annihilation of the Indians.”

“There are circumstances in history that justify ethnic cleansing.”

“You can’t make an omelet without breaking eggs. You have to dirty your hands.”

Längst hat Morris seinen Befund zum Krieg von 1948 angepasst. In seinem 2008 erschienen Werk “1948” verabschiedete er sich auf merkwürdig widersprüchliche Art von seinen früher getroffenen Schlußfolgerungen. Obwohl es Vertreibungen gegeben habe (die er im Buch reichlich dokumentiert) und obwohl – wie er schreibt – eine “Atmosphäre von ethnischer Säuberung in kritischen Monaten vorherrschte” sei Vertreibung oder Transfer niemals offizielle Politik gewesen:

Nonetheless, transfer or expulsion was never adopted by the Zionist movement or its main political groupings as official policy at any stage of the movement’s evolution—not even in the 1948 War. No doubt this was due in part to Israelis’ suspicion that the inclusion of support for transfer in their platforms would alienate Western support for Zionism and cause dissension in Zionist ranks. It was also the result of moral scruples.

During the 1948 War, which was universally viewed, from the Jewish side, as a war for survival, although there were expulsions and although an atmosphere of what would later be called ethnic cleansing prevailed during critical months, transfer never became a general or declared Zionist policy.

Rund eine dreiviertel Million Palästinenser flohen aus dem Land, und mehr als ursprünglich angenommen durch Vertreibungsszenarien und Grausamkeiten, wie Morris an anderer Stelle festhielt:

the proportion of the 700,000 Arabs who took to the roads as a result of expulsions rather than as a result of straightforward military attack or fear of attack, etc. is greater than indicated in The Birth.

Similarily, the new documention has revealed atrocities that I had not been aware of while writing The Birth.(4)

Vielmehr sei es so gewesen, dass Transfer und Vertreibung durchgängiges ideologisches Merkmal der palästinensischen Nationalisten gewesen sei (“Die Juden ins Meer werfen“).

Im April diesen Jahres hat Morris auf OpenZion, dem US-Blog des bekannten liberalen jüdischen Publizisten Peter Beinart nochmals explizit bekräftigt, was er von den Arabern im allgemeinen und den Palästinensern im Besonderen hält: Es sind Barbaren.

Spätestens damit hat Israels Rechte seinen Haus- und Hofhistoriker gefunden.

Benny Morris, ein Doktor Seltsam, der lernte die Bombe zu lieben.

– Schlesinger

Photo: aude ( Wikimedia CC Lizenz)

PS: Was genau sind “Barbaren“? Ich kenne nur Menschen: Menschen,  die zu allen Zeiten und in allen Kulturkreisen alles sein können von “Bestien” à la Mengele bis zu Engeln wie meine Schwiegermutter, die nur für andere da ist und der kein Gran Schlechtes inne wohnt. Und diese Bandbreite an “Gutem” und “Schlechtem” ist gleichverteilt unter Deutschen, Juden, Arabern oder Amazonas-Indianern zu allen Zeiten. Zeitläufte mögen Wellenbewegungen mit sich bringen, aber das ändert nichts am Befund. Der grundsätzliche Befund wurde schon tausendfach formuliert, am prägnantesten vielleicht von Shakespeare:

Ich bin ein Jude. Hat nicht ein Jude Augen? Hat nicht ein Jude Hände, Gliedmaßen, Werkzeuge, Sinne, Neigungen, Leidenschaften? Mit derselben Speise genährt, mit denselben Waffen verletzt, denselben Krankheiten unterworfen, mit denselben Mitteln geheilt, gewärmt und gekältet von eben dem Winter und Sommer als ein Christ? Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht?

Wer ist so moment-versessen und menschen-vergessen zu leugnen, dass Shylocks Rede nicht für alle gilt? Nun, Morris ist so einer.

Wer diese schlichte Menschen-Tatsache des gleichen Erleidens ignoriert, so wie Benny Morris, oder hierzulande die Broders & Co., zeigt  nur, dass er sich vom guten Willen verabschiedet und sich eine höchst menschenfeindliche Agenda angeeignet hat.

Unnötig zu sagen, dass es davon auf der “anderen” Seite ebensoviele gibt.

(1) “Israel has over the years contended that Arab leaders, inside and outside Palestine, asked or ordered the Palestinian masses to flee their homes in Jewish-controlled territory”

Benny Morris, in: Journal of Palestine Studies, Vol. 15, No. 4 (Summer, 1986), S. 181)

(2) “More than70 percent of the Arab exodus from Palestine by June 1948 was caused by Jewish military attacks, according to a contemporay IDF Intelligence Branch report that has recently surfaced.” (Ibid.)

(3) “Without doubt, the crystallization of the consensus in support of transfer among the Zionist leaders helped pave the way for the precipitation of the Palestinian exodus of 1948.

Similarly, far more of that exodus was triggered by explicit acts and orders of expulsion by Jewish/Israeli troops than is indicated in The Birth.”

Benny Morris, in: The War for Palestine (Eugene L. Rogan) , S. 56

(4) Ebd., S. 49

 

Leseempfehlung: Shlomo Ben-Ami, ehem. Außenminister Israels unter PM Ehud Barak:

An arab community in a state of terror facing a ruthless Israeli army whose path to victory was paved not only by its exploits against the regular Arab armies, but also by the intimidation, and at times atrocities and massacres, it pepetrated against the civilian Arab community.

A panic-stricken Arab community was uprooted under the impact of massacres that would be carved into the Arabs’ monument of grief and hatred, like those of Deir Yassin, Ein Zeitun, Ilabun and Lydda;

of operational orders like those of Moshe Carmel, the commander of the Carmeli Brigade in Operations Yiftah and Ben-Ami, “to attack in order to conquer, to kill the men, to destroy and burn the villages of” (Aufzählung der Orte folgt)

Einsatzbefehle eines “normalen Angriffs lauten anders. Die Einsatzbefehle der Haganah bzw. israelischen Armee waren zum Teil Vernichtungsbefehle.
(zit. aus: Scars of war, wounds of peace, S.42)

Enhanced by Zemanta
Getagged mit: , , , , , , , , , , , , , , , , ,
Veröffentlicht unter Ariel Scharon, David Ben Gurion, Gründung Israel, IDF, Israel, Netanjahu, Palästina, Palästinenser, Westbank, Zionismus, Zweite Intifada

Israel - Zitat des Tages

 Die öffentliche Weltmeinung ist immer auf Seiten der Unterdrückten. In diesem Kampf sind wir Goliath und sie sind David. In den Augen der Welt kämpfen die Palästinenser einen Befreiungskampf gegen eine feindliche Besatzung. Wir sind in ihrem Land, nicht sie in unserem. Wir siedeln auf ihrem Land, nicht sie auf unserem. Wir sind die Besatzer, sie sind die Opfer. Dies ist die objektive Situation und kein Propagandaminister (wie Herr Nachman Shai) kann dies ändern.

Uri Avneri
(10 Jahre Abgeordneter der Knesset, Friedensaktivist, Autor. Zur israelischen Unterstellung, die Araber würden ihre Kinder gegen israelische Soldaten einsetzen, damit sie getötet werden können, um Bilder für die Weltmedien zu produzieren.)

Presseschau Naher Osten (englisch)

Andere Nahost-Blogs

Was andere Blogs schreiben

Archiv