Ich stelle hier die Fragen! Zieh Dich aus!

facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmail

Im Namen der Sicherheit ist vieles möglich.

Das mussten die amerikanische Architektin Nawja Doughman (25) und ihre Freundin Sasha Al-Sarabi (24) am Flughafen Ben-Gurion bei Tel-Aviv auf eindringliche Art erfahren.

Beide sind US-Staatsbürger. Ihre Eltern wurden 1948 im Zuge des “Unabhängigkeitskrieges” aus ihren Heimatstädten Haifa und Akko vertrieben.

Der Wanderer - Randall Stoltzfus

Der Wanderer - Randall Stoltzfus

Nawja wollte mit ihrer Freundin für 10 Tage durch Israel reisen. Für Nawja wäre es das dritte mal gewesen, für Sasha das erste mal.

Kurz nach der Landung wurden beide vom Inland-Sicherheitsdienst Shin Beth einem mehrstündigen Verhör unterzogen.

“Verhör” trifft es präzise. Denn eine freundliche Befragung war es nicht.

Dabei wurden Suggestivfragen gestellt wie “Fühlen Sie sich eher als Araberin oder als Amerikanerin?” Die Sicherheitsbeamtin fügte gleich hinzu: “Bestimmt fühlen Sie sich ein bisschen mehr als Araberin!”.

“Geht Ihr zur Al-Aksa-Moschee?”

“Warum kommst Du zum dritten mal nach Israel?”

“Warum reist Du nach Israel? Du kannst doch auch nach Venezuela, Mexiko oder Canada. Das liegt viel näher zu New York, und es ist viel billiger!”

Auf diese Frage erlaubte sich Nawja die Gegenfrage, ob es nicht auch Touristen gäbe, die mehrmals nach Israel kommen würden. Darauf die Shin-Beth-Frau: “Ich stelle hier die Fragen!”

Die Sicherheitsbeamtin klappte den PC auf, tippte die Adresse von Google-Mail ein und forderte Nawja auf, sich einzuloggen. Die war so eingeschüchtert und perplex, dass sie es tat. Die Beamtin las eine Reihe Mails durch, las Stellen daraus vor und suchte nach Begriffen wie “Palästina”, “Westbank” oder “International Solidarity Movement”. Aus den Mails schrieb sie eine Reihe von Adressen und Namen auf.

Anschliessend wurden Nawja und Sasha in einem Nebengebäude einem weiteren Verhör und einem body-search unterzogen. Bei der Aufforderung, auch ihre Unterwäsche auszuziehen brach Nawja in Tränen aus. Die Beamten drohten ihr zunächst an sie zwangsweise zu entkleiden, gaben ihr dann aber Ersatz-Unterwäsche. Die Inhalte der mitgebrachten Koffer wurden stückweise durchsucht, ebenso wie iPads und PCs.

Nach insgesamt acht Stunden Verhör und Durchsuchung wurden die zwei Frauen nach Frankreich abgeschoben.

Kriminelle Handlungen oder Rechtsverstöße wurden ihnen nicht zur Last gelegt.

Man will in Israel lediglich keine Leute im Land haben, die etwas gegen die Besatzung sagen oder sich möglicherweise an Demonstrationen beteiligen möchten.

Die Erfordernisse der “Sicherheit” bringen es dann mit sich, dass Frauen auch schon mal in Tränen ausbrechen. Das ist halb so schlimm.

Denn immerhin gibt es an den israelischen Checkpoints der besetzten Westbank auch hochschwangere palästinensische Frauen, die dort niederkommen müssen, oder Dialysepatienten, die komatös werden, weil ihnen der Weg ins Krankenhaus verwehrt bleibt.

– Schlesinger

Photo: The Wanderer, State 1 ( (c) Courtesy by Randall Stoltzfus)

Quelle: Der Beitrag über die zwei Amerikanerinnen folgt im Wesentlichen dem Artikel von Amira Hass (Haaretz)

Getagged mit: , , , , , , , , , ,
Veröffentlicht unter Israel, Naher und Mittlerer Osten, Palästinenser, Westbank
11 comments on “Ich stelle hier die Fragen! Zieh Dich aus!
  1. rahab says:

    erst mal nur die bitte: schließe hier nicht die kommentare.
    ansonsten: das procudere ist normal.
    besonders, wenn frauen behandelt werden.
    die berichten darüber eher als männer.
    und DA haben wir ein richtiges problem.
    denn: wer läßt sich schon gern effeminieren?

    • @rahab: Hm, schwierig mit den Kommentaren… Zur Durchsuchung: Wurde in ~ 1990 in TLV einem body search unterzogen – immerhin war es die hohe Zeit der Intifada. Bis auf die Unterhose. Kam mir aber gar nicht so dramatisch vor. Der batteriebetriebene Lader – ein kompaktes Gehäuse – meiner analogen Spiegelreflexkamera wurde konfisziert – und kam 7 Tage später per Post bei mir an. Heute würde ich es vielleicht nicht auf “die Lage”, sondern auf mich beziehen. Schon komisch: Hier kritisiere ich die Politik fortwährend, während ich doch privatissimem für das Land schwärme. Das interessiert die Zöllner oder Grenzleute wenig. Immerhin lief letztes Jahr alles ganz glatt, während ein altes russisches Päarchen wegen ihrer Honiggläser wirklich strapaziert wurde…

  2. lollo says:

    Wer weiß was?

    Shin Bet grills gay couple

  3. rahab says:

    mir fällt grad ein … Claude Lanzmann ist letztes jahr (oder vorletztes?) in Ben Gurion ganz heftig gefilzt/befragt worden. fand er. und fand auch unverständlich, dass ausgerechnet er.

    ich hatte in 1975 das vergnügen, das bei der einreise bei meinem freund mitzuerleben. der war die nächsten zwei wochen total daneben, schließlich hatte man sein adreßbüchlein zur untersuchung einbehalten. und dann gleich wieder, weil er ja für die ausreiseerlaubnis nach Ramat Aviv mußte… ne, lustig war und ist das nicht.

    ach ja: laß dich bloß von Amanda Donata (früher bei ZO Paschasius) nicht irre machen. der kann nicht anders.

  4. rahab says:

    schön, dass du die Lanzmann-geschichte gefunden hast.
    ein ‘schönes’ lehrstück über macht.

    ganz andererseits: wer glaubt, es ginge an deutschen flughäfen sehr viel anders zu, irrt. dass e-mails gecheckt werden, wurde bislang noch nicht bekannt. aber sonst?
    falls es sich um asylsuchende handelt, dann landen die bestenfalls im flughafenverfahren. oder werden postwendend weiterverfrachtet.
    und nach unliebsamen besuchern, die eigentlich einreisen dürften, wird auch ausschau gehalten. werden sie entdeckt, dann werden sie zurückgewiesen.
    die kriterien, nach denen da vorgegangen wird, sind (im zweifel) genauso willkürlich wie im fall der beiden frauen.

    • Interessante Information bzgl. unserer Flughäfen! Danke. War mir bislang nicht bewusst. Sind die Verhältnisse vergleichbar? In Israel versucht man offenkundig politisch unliebsame “Besucher” fern zu halten. Der Grund für die besonderen Behandlungen ist gewissermaßen monokausal: Ist einer für die palästinensische Sache – was immer das im Detail heissen mag – ist er unerwünscht. Ich stelle mir vor, für die deutschen Flughäfen gibt es einen ganzen Strauß an “Gründen”. Wobei eins klar ist: Aus Sicht der Betroffenen ist gleichgültig, warum man unwürdig behandelt wird. Zumindest in diesem Punkt ähneln sich offenbar deutsche und israelische Verhältnisse. Immerhin wird in Deutschland derzeit kein Asylsuchender o.ä. in extrem unwürdige Umstände genötigt (Niederkunft am Checkpoint etc.pp.) Ausnahmen (?) bestätigen die Regel.Gab es nicht in München den sog. Demo-Kessel, in dem Demonstranten viele Stunden festgehalten wurden und nicht einmal ihre Notdurft verrichten konnten? Immerhin: eine Ausnahme.

  5. rahab says:

    schwieriges kapitel das. weil: wie belegen?
    heute las ich in der taz (online nicht gefunden)eine kurze notiz. in Würzburg haben sich zwei asylsuchende aus Iran den mund zugenäht. um gegen ihre drohende abschiebung und gegen die die ‘gemeinschaftsunterkunft’ zu protestieren.
    vor dieser ‘gemeinschaftsunterkunft’ stand ich auch mal. ich kam am heiligen sonntag nicht mal mit anwaltsausweis rein. mein mandant durfte aber raus, immerhin. für den montag hatte ich anwältin dann eine ladung zur anhörung, da wurde ich dann in den entsprechenden raum geleitet … und entwischte später, um mal das zimmer (das er mit sieben anderen teilte) meines mandanten zu inspizieren.
    kurzum: wenn nicht wer, der näher damit zu tun hat, berichtet, dann erfährt keiner was. allerdings: wer außer unverbesserlichen gutmenschen hört schon einem pfarrer zu, der darüber erzählt, dass in der berliner abschiebehaft suizid-verdächtige nackt auf einer liege festgeschnallt werden, von allen seiten einsehbar?

    und noch kurzummer: es gibt viele gründe, aufmerksam zu werden, wenn wer an die seite gebeten wird.

    ich kenne ja etliche leute aus dem nahen und mittleren osten, die gerne mal nach urschulajim reisen täten. aber: keine chance.
    was aber auch für andere staaten gilt. keine chance. weil: geburtsort, name des vaters, der mutter, art des reisedokuments (ich mußte mal einen aus dem Irak befreien, den die türken dorthin mit der begründung abgeschoben hatten, sein konventionspaß inklusive asylberechtigung sei gefälscht)

    letztlich bleibt nur die frage an alle, wie mann sich selbst gegen diesen ausfluß nationalstaatlicher souveränität wehren und /oder andere in dieser gegenwehr unterstützen kann. weltweit.

    ich bin ja nicht mehr in amt und würden, also nicht so ganz auf dem laufenden. aber: was die vergleichbarkeit anbelangt – was stellst du dir unter flughafenverfahren vor? glaubst du, da gäbe es einen checkpoint? – falls ja, bringen frauen in der uni-klinik frankfurt ihre kinder zur welt, mit händen und füssen ans bett gefesselt.

    • Drastische Verhältnisse, die Du schilderst. Sind mir in dieser Form nicht bekannt gewesen. Das kann an dem schnöden Umstand liegen dass ich seit längerem keinen Fernseher habe und die Sendungen, die dafür am ehesten in Frage kommen (Monitor o.ä.) nicht mehr sehe. In der SZ jedenfalls ist mir noch kein Bericht untergekommen. Kann mir gar nicht vorstellen, dass das keine Themen für Zeitungen / Sendungen sind. Hast Du das alles in Blogs o.ä. publiziert? Hoffentlich ja, denn wie Du sagst, wenn nicht die, die nah dran sind berichten: Wer dann? In der SZ kam kürzlich ein Bericht über den “Jerusalem-Tag” und die Feierlichkeiten. Habe wenig davon wiedererkannt an dem, was ich selbst erlebt habe. Von hier aus gesehen sind es Feierlichkeiten (gestört von ein paar Arabern), von untern aus betrachtet ist es eine einzige Demütigung der Palästinenser in derAltstadt.

  6. rahab says:

    och, glotze braucht es nicht. zeitunglesen reicht, und zwar auch die kleinen meldungen.
    darüber zu schreiben? ich kann das nur in kleinen dosen – habe über meine arbeit einfach zuviel davon gehabt (weshalb ich auch immer noch und wieder am sortieren im eigenen bin. aber langsam, glaub ich, hoff ich, werd ich etwas ruhiger.

    was anderes: habe die letzten tage zwei kommentare submitted, die verschwanden. war jeweils ein link drin. liegt es daran?

  7. garfield says:

    wer mich kennt würde mich kaum verdächtigen, besonderer Freund der israel. Politik zu sein – hier finde ich die Aufmerksamkeit aber etwas “fehlgeleitet”.

    Daß die Beamten nicht freundlich waren – ist auch nicht ihr Job… suggestive Fragen allerdings schon eher. Auch deutsche Beamten legen beim Kontakt mit der Kundschaft eher wenig Wert auf Umgangsformen.

    Das Ganze als Verhör zu bezeichnen – man es auch freundlich umschreiben, aber was anders ist es faktisch ja auch nicht. Auch die “Trockendusche” ist nur Standard. Wenn von weiblichem Personal durchgeführt, ist da eigtl nix zu beanstanden.

    Allerdings ziemlich dreist war die Aufforderung, die Emails offenzulegen. Nicht die feine Art, aber wenn deutsche Polizisten ein Handy in die Hand kriegen, stöbern sie auch gern mal im Adressbuch.
    Sicher haben die Beamten hier die Situation ausgenutzt, irgendwo muß man aber auch sagen: selber schuld.

    Kritisieren kann man, daß die Frauen abgeschoben wurden. Vor allem die Bemerkung (Ami gut, Araber böse?) läßt schon tief blicken…

    Der Rest ist aber nur stinknormaler Polizeialltag.

Israel - Zitat des Tages

 Die israelische Debatte über die arabische Einheit geht weit zurück. Sie begann schon in den fünfziger Jahren, als die Idee der panarabischen Eintracht ihren Kopf hob. Präsident Gamal Abdel Nasser hisste das Banner in Ägypten, während die panarabische Baath-Bewegung in Ländern wie Syrien und dem Irak zu einer prägenden Kraft aufstieg, bevor sie Machtapparate mafiotischer Prägung erzeugte.

Uri Avnery
(10 Jahre Abgeordneter der Knesset, Friedensaktivist, Autor. Zur Versöhnung der jahrelang verfeindeten Palästinensergruppen Hamas und Fatah im Mai 2011.)

Presseschau Naher Osten (englisch)

Andere Nahost-Blogs

Was andere Blogs schreiben

Archiv