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Der Transatlantikblog, der im Rahmen des US Wahlkampfes 2008 entstand und von daher den Namen hat, bietet seit längerem hauptsächlich meine Beiträge zum Themenkreis

Israel und der Nahostkonflikt

Da es sich beim Nahostkonflikt bekanntlich um ein heiß umstrittenes Thema handelt, soll etwas zur Motivation für dieses Blog gesagt werden.

Eins vorweg. Trotz aller folgenden Hinweise ist klar, dass mich einige als “Israel-Basher” oder gar Antisemiten ansehen müssen. Warum? Weil sie nicht anders können. Die “Argumente” eines Papst-Kritikers können von einem Mitglied des erzkatholischen Opus Dei schließlich auch nicht als Argumente, sondern nur als Teufelszeug angesehen werden. Gegen so eine Haltung gibt es keine Argumente, weil sie jenseits von Argumenten begründet ist. Nun zu den Motiven.

Motivation No. 1: Zufall.

Vieles im Leben geschieht aus Zufall. Während meines Studiums sah ich in einer Buchhandlung ein Buch das ein Professor meiner Hochschule über den Nahen Osten verfasst hatte. Ich habe es aus Neugierde mitgenommen und verschlungen. Hätte sich das Buch um Südafrika gedreht (wir sprechen von den späten 80er Jahren) und wäre ebenso informativ und mitreissend geschrieben gewesen, hätte ich mich als Hobby vielleicht auf S/A spezialisiert. Damit begann mein Interesse an Israel.

Motivation No. 2: Begeisterung für das Land.

Damals hatte ich eine politisch durchaus unbedarfte Einstellung in Bezug auf die Hintergründe des Nahostkonflikts. Sie dürften nicht weit entfernt gewesen sein von dem, was viele hierzulande angenommen haben und wohl noch immer annehmen.

Ich habe mich sogar – peinlich genug zuzugeben – von den schwülstig-romantisierenden Weltbestsellern Leon Uris‘ (“Exodus“) beeinflussen lassen und tatsächlich angenommen, der kleine David Israel stünde dem bösen Goliath in Gestalt der Araber gegenüber.

Daraus entstand anfänglich eine gutgläubige Begeisterung. Begeisterung, wie das Wort schon beinhaltet, geht selten einher mit nüchterner Analyse.

Lange bevor ich diesen Blog begonnen habe, habe ich Israel erstmals bereist. Das  war in der Spätphase der Ersten Intifada. Mit der arabischen Welt wußte ich wenig bis nichts anzufangen. Ein Besuch der Holocaust-Gedenkstätte von Yad Vashem und der Haarschnitt vom siebzigzigjährigen Friseur in Jerusalem mit eintätowierter Auschwitz-Nummer (“Keine Sorge meen Jung, ich mache Dir eine scheene Frisur!“) taten das Übrige um vollkommen solidarisch zu sein mit Israel, das offenbar erneut unter existentieller Bedrohung stand.

Dazu kamen die unzähligen Eindrücke, die die historischen Stätten ebenso hinterlassen wie faszinierende Landschaften: Meggiddo, Massada, die Wüste Negev, der See Genezareth, die alten Hafenstädte Akko oder Cäsarea, nicht zu sprechen von Jerusalem.

Die Quirligkeit von Tel Aviv läßt sich am besten mit Berlin vergleichen, weshalb es kein Zufall ist, dass seit einigen Jahren immer mehr junge (und ältere) Israelis Berlin besuchen oder für einige Zeit dort leben.

Wer Essen und Trinken schätzt, muss Israel mögen (zumindest jenseits von Politik). In diesen Genussfragen ähnelt Israel vielmehr den Franzosen oder Italienern als uns. Man lässt sich viel Zeit fürs Essen, zelebriert Essen, kocht gerne und vielfältig. Und seit einigen Jahren werden in Israel Weine produziert: vom Feinsten. Wer wissen will, was Essen mit allen Sinnen heißt, soll einfach ins Dr. Schakschuka nach Jaffa gehen. Eins von unzähligen Beispielen.

Motivation No. 3: Tieferes Interesse für die Zusammenhänge.

Im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit las ich die Tagebücher des Staatsgründers und ersten Ministerpräsidenten Israels, David Ben Gurion. Darin war einiges zu lesen, das in schroffem Widerspruch stand zu dem Bild Israels vom kleinen David, das ich zuvor hatte.

Spätestens beim Satz Ben Gurions – in einem Brief an seinen Sohn noch vor der Staatsgründung – “die Araber müssen weg“, und das sei “am besten zu bewerkstelligen durch einen Krieg“, bekam das alte Bild einen Riß.

Ich wollte mehr erfahren. Das Internet steckte erst in den Kinderschuhen, also suchte ich in einschlägigen Fachbüchern. Ich las einiges über die Anfänge des Zionismus und war nicht wenig erstaunt aus der Feder der Vordenker dieser Bewegung Weltanschauungen zu lesen, die den kruden kolonialen Ansichten der Kriegsmächte des 19. Jahrhunderts in nichts nachstanden:

Den Privatbesitz der angewiesenen [arabischen] Ländereien müssen wir sachte enteignen.

Die arme Bevölkerung trachten wir unbemerkt über die Grenze zu schaffen, indem wir ihr in den Durchgangsländern Arbeit verschaffen, aber in unserem eigenen Lande jederlei Arbeit verweigern.

Das Expropriationswerk [=die Enteignung] muß ebenso wie die Fortschaffung der Armen mit Zartheit und Behutsamkeit erfolgen.

So Theodor Herzl in seinem Tagebuch (Eintrag v. 12. Juni 1895).

Die zionistischen Einwanderer kamen nicht selten mit dem ideologischen Gepäck ihrer Herkunftsländer. In diesem Gepäck befanden sich große Stücke an Nationalismus und Kolonialismus. Ein Ausgleich mit den Arabern kam für viele gar nicht in Frage. Die ideologische Grundlage dafür hatte Vladimir Jabotinsky gelegt, der Begründer des sogenannten Revisionismus. Er vertrat die Auffassung, man müsse die Araber militärisch so stark dominieren, bis sie einsähen dass ein Widerstand zwecklos sei und sie Frieden schliessen würden zu den Bedingungen, die ihnen vorgegeben würden. Das wurde bekannt unter dem Stichwort “The Iron Wall“, benannt nach einem gleichnamigen Artikel Jabotinskys.

Die Ministerpräsidenten Menachem Begin oder Yitzhak Schamir waren ebenso erklärte Anhänger Jabotinskys wie Moshe Dayan oder Yigal Allon. Wer wie Ben Gurion, Golda Meir oder Benjamin Netanjahu nicht ausdrücklich erklärter Anhänger war, verfolgte dennoch dessen Politik der “Eisernen Mauer”.

Die orthodoxen Juden in Palästina waren Anfang des Jahrhunderts, also lange vor der Gründung Israels, äußerst skeptisch was die feindselige Politik der Zionisten gegenüber den Arabern anbelangte. Sie wollten das gegenüber der damaligen Mandatsmacht England bekannt geben. Die Entsendung des Emmissärs Prof. Israel de Haan brachte den ersten innerjüdischen politischen Mord mit sich. De Haang wurde von einem Mitglied der Haganah erschossen (Haganah: Vorgänger der späteren israelischen Armee).

Die Philosophie der Eisernen Mauer hatte von Anfang an einen gravierenden Nachteil: Nie konnte geprüft werden ob man neben den Arabern einvernehmlich in Palästina hätte siedeln können. Man setzte erklärtermaßen von vornherein auf eine Politik der eisernen Faust. Selbstverständlich wurde diese de-facto Doktrin nie zur offiziellen Politik gemacht…

Israel wurde 1948 von seinen arabischen Nachbarn überfallen. Israel stand im sogenannten Unabhängigkeitskrieg. Das ist jedoch nicht das ganze Bild. Die Darstellung vom vermeintlich heldenhaften Krieg von 1948 gerät in ein schiefes Licht wenn man erfährt wie die Haganah zuvor über lange Jahre hinweg Aufzeichnungen machte über die arabischen Dörfer und Städte, Wasserquellen, politischen Akteure und Dorfältesten, um mit Beginn des Krieges diese zentralen Infrastrukturen und Personen ausschalten zu können. Die Haganah verfügte über zahlreiche Informationen aus denen sie schloß, dass die arabischen Gegner durchaus schwach waren. Im übrigen wurde im sogenannten Plan Dalet (Plan D) die Strategie entwickelt wie man eine möglichst große Zahl an arabischen Bewohnern mitsamt ihren Dörfern beseitigen könne. Das wurde im Zuge des Krieges weitreichend umgesetzt.

Israel hatte fraglos das Recht zur Selbstverteidigung. Israel hatte aber nicht das Recht mehrere Hundert Dörfer systematisch zu schleifen und mehrere Hunderttausend Araber zu vertreiben.*

Der Erlebnisbericht Khirbet Khizeh eines jüdischen Kriegsteilnehmers – der später Mitglied der Knesset war – schildert ungeschönt, mit welcher unterschiedsloser Brutalität, ja mit welchem Spaß am Töten jüdische Soldaten auch gegen palästinensische Dörfer vorgingen die keinerlei Gegenwehr leisteten.

Die Mär von der israelischen Armee als der “moralischsten Armee der Welt” war damals so haltlos wie heute.**

Die Ansicht vom stets defensiven Israel wird irrelevant, wenn man die längst aus den Archiven freigegebene Geheimverhandlung Ben Gurions mit England und Frankreich lesen kann, worin schriftlich der gemeinsame Angriff auf Ägypten so vereinbart wurde, dass er in den Augen der Welt als Reaktion auf einen ägyptischen Angriff dastehen sollte (Protokolle von Sèvres, Suezkrieg 1956).

… oder wenn der Kriegsheld, General und vormalige Verteidigungsminister Moshe Dayan (der Mann mit der Augenklappe) Jahre nach dem “Sechstagekrieg” freimütig offenlegt, wie man die Syrer am Golan so lange provozieren wollte, bis sie endlich angreifen würden, um sie dann vernichtend schlagen zu können.

…wie der frühere Ministerpräsident Menachem Begin in Bezug auf den Libanonkrieg (1982/83) offen einräumte, es sei ein “war of choice“, also ein Krieg aus freien Stücken gewesen, und man dazu erfährt, wie der damalige Verteidigungsminister Ariel Sharon mit seinem “big plan” in großer Verblendung mit dem Mittel des Libanonkrieges die politische Landkarte des Nahen Ostens umschreiben wollte, dabei auch das eigene Kabinett täuschte und schließlich das Massaker von Sabra und Schatila mit zu verantworten hatte (wie die israelische Kahane-Kommission 1983 feststellte).

… wie Israel unter dem Premier Ehud Olmert ohne politischen und ohne militärischen Plan in 2006, nach der Entführung von zwei israelischen Soldaten durch die Hisbollah, durch den Generalstabschef Dan Chalutz im größtmöglichen Mißverhältnis von Aktion und Reaktion den ganzen Libanon in Schutt und Asche bombardieren ließ (“Wir drehen die Uhren im Libanon um 20 Jahre zurück“), und trotzdem einer Demütigung durch die paar Hundert Hisbollah-Milizen nur knapp entging.

Aus der Beinahe-Niederlage des Libanonkriegs von 2006 zogen die Militärs die Schlußfolgerung, die Militärs leider allzu oft ziehen. Das nächste mal müsse mit noch größerer Entschlossenheit vorgegangen werden. Das wurde von General Eizenkot in der Dahiyeh-Doktrin formuliert:

We will wield disproportionate power against every village from which shots are fired on Israel, and cause immense damage and destruction.

Überflüssig zu sagen, dass eine derartige Vergeltungsdoktrin das Kriegsvölkerrecht ebenso mißachtet, wie das die nicht legitimierbaren Raketenangriffe der Hamas oder des Islamischen Jihad aus Gaza tun, da sie vorsätzlich gegen Zivilisten gerichtet sind.

Im Gazakrieg 2008/09 hat Israel die Dahiyeh-Doktrin umgesetzt und mit dem Einsatz von Phosphor-Bomben und Flechettes-Granaten ein Maximum an Zerstörung gerade auch unter Zivilisten angerichtet. Ein israelischer Hauptmann meinte, man habe die Palästinenser behandelt wie Tiere.

Das alles sind nur wenige Schlaglichter, die sich beinahe beliebig erweitern lassen.

Sie besagen eins: Israel war seit Bestehen des Staates in 1948 noch nie der David, als der es sich immer gerne darstellte.

War es deshalb immer der “zionistische Aggressor“, als der es von bestimmter Seite oft dargestellt wird? Ich meine nein.

In dieser Hinsicht bin ich “Zionist” in dem Sinne, den Amos Oz vertritt: Ein Ertrinkender (= die europäischen Juden mit der Erfahrung von Verfolgung und Vertreibung bis hin zur Shoah) hat immer das Recht, sich auf den im Wasser schwimmenden Baumstamm zu retten, auch wenn er einen darauf Sitzenden zur Seite schieben muss. Er darf ihn nur nicht herunterstoßen.

Israel hat nicht nur aufgrund der völkerrechtlichen Legitimation durch die UN Resolution 181 (November 1947) vollen Anspruch auf eine eigene Staatlichkeit in Palästina, sondern moralisch auch aufgrund der jahrtausendealten kulturellen Wurzeln in der Region.

Es hatte aber nie das Recht mehrere Hunderttausend Menschen zu vertreiben und ihre Dörfer zu zerstören.

Die arabische Seite hat seit den Zeiten vor der Staatsgründung Israels in Wort und Tat Versuche unternommen, die Staatsgründung zu vereiteln oder rückgängig zu machen. Erst die PLO unter Arafat hat Israel offiziell anerkannt. Das gilt nicht für Hamas und weitere radikale Fraktionen in Gaza. Zu schweigen vom Irak des Saddam Hussein, dem Syrien der beiden Assads oder dem Iran des Ahmadinejad, die Israel offen feindselig eingestellt sind / waren, um das Mindeste zu sagen. Wer nicht ideologisch verblendet ist, hat das zu akzeptieren.

Motivation No. 5: Das Bild vervollständigen; unabhängig bleiben.

Korrekturbedürftig sind meines Erachtens nicht nur die Bilder zu Israel, sondern auch die Bilder zu den Arabern bzw. Persern. Israel ist weder der unschuldige David, noch das imperialistische Monster, das manche gerne sehen.

Die Muslime sind nicht die latenten Terroristen, zu denen sie der Manichäer George W. Bush nach 9/11 auf unsägliche Weise abstempeln wollte, und zu Hamas ist viel mehr zu sagen als die Litanei, sie strebe nichts weiter an als die Vernichtung Israels.

Wenn in meinem Blog quantitativ mehr Kritik an der Regierungspolitik Israels geübt wird – das ist zweifellos der Fall – als an den möglicherweise noch kritikwürdigeren Regimes der arabischen oder persischen Nachbarn, dann liegt das an meinem subjektiven Eindruck, dass bei uns insgesamt mehr kritische Informationen über die muslimische Welt vorliegen als über Israel.***

Dafür bieten sich mindestens zwei Erklärungen an: (1) Wir haben den Holocaust zu verantworten und uns insofern zurückzunehmen in der Kritik an Israels Sicherheitspolitik. (2) Wir stehen Israel in vielerlei Sicht ungleich näher als den Muslimen. Daraus resultiert der einfache Umstand, dass man den Fremden leichter kritisiert und / oder ihm misstrauisch gegenüber steht als demjenigen, dem man sich nahe fühlt.

Daher sollen meine Beiträge dazu dienen, das Bild zu komplettieren. Zu jedem Beitrag wird oder kann es ein “Aber!” geben. Das ist völlig in Ordnung. Ich beanspruche nicht, eine vollständige Darstellung zu liefern. Interessierte Dritte sollen in der Gegenüberstellung meiner Beiträge mit den Beiträgen anderer in die Lage versetzt werden sich eine vielleicht präzisere Meinung zu bilden.

Für ein ausgewogeneres Bild von den Ursachen und dem Verlauf des Nahostkonflikt ist man keinesfalls auf eigene Interpretation oder gar Spekulation angewiesen.

Es gibt eine Fülle von bestens dokumentiertem Material gerade von israelischer Seite (!), um die Handlungen der jüdischen bzw. israelischen Akteuren von den Anfängen des Yeshuv bis ins heutige Israel nachvollziehen zu können.

Dazu liegen Dutzende Werke der sogenannten “jungen Historiker” Israels vor, sowie zahlreiche ergänzende Darstellungen von Soziologen, Memoiren von Politikern oder Militärs, Kriegsberichterstattern (Morris, Pappe, Segev, Zerthal, Zimmermann, Shlaim, Fisk, Backmann, Schoeps, Kimmerling, Eban etc.pp.), israelische Untersuchungsberichte, Berichte von israelischen Soldaten – z.B. der Gruppe “breaking the silence “- , oder der vom Konflikt direkt Betroffenen wie dem Schriftsteller David Grossman, dessen Sohn im zweiten Libanonkrieg ums Leben kam, oder der Bewegung “bereaved parents” (Trauernde Eltern) zu der Professorin Nurit Peled-Elhanan oder Robi Damelin gehören, die Kinder durch Selbstmordattentate verloren haben und ihren Regierungen eine Mitschuld daran geben, usw. usf.

Kritik am “Israel-Kritiker”

Es ist eine beliebte Strategie derer, die jede Kritik an Israel unterdrücken wollen so zu tun als sei die Kritik latent oder offen antisemitisch, und als seien die kritischen Stimmen innerhalb Israels oder der jüdischen Gemeinde nur die von Abweichlern, oder – auch beliebt – die von “jüdischem Selbsthaß” Heimgesuchten, oder gar die von Verrätern.

Das ist nicht nur nicht zutreffend, sondern eine arrogante Mißachtung der vielen, der sehr vielen jüdischen Stimmen in Israel und andernorts, die ihre Stimme erheben gegen den fortschreitenden Rechtsdrift im Land, die andauernde Besatzung und die zunehmende Gefährdung der demokratischen Substanz durch den zunehmenden Einfluß der Orthodoxie auf das Staatswesen. Die Hunderttausend, die – um nur ein Beispiel zu nennen – 1982 gegen den Libanonkrieg demonstriert haben, waren die Mitte der Gesellschaft. Die jüdisch-amerikanische  Lobbyorganisation AIPAC mag bekannt sein, aber es gibt mehr als ein Dutzend namhafter jüdischer Verbände in den USA, die alles andere als eine Jerusalem-hörige Politik betreiben.

Wer sich also von solchen plumpen Einschüchterungsversuchen nicht abschrecken lässt und sich nur etwas mit der Materie beschäftigt wird rasch feststellen, dass es unzählige kritische Stimmen in Israel, den USA, in Europa gibt, die mit sehr guten historischen, humanitären, juristischen und politischen Gründen Zweifel an der Sicherheitspolitik Israels hegen.

Zur Unabhängigkeit des Bloggers

Was nun die Unabhängigkeit meines Blogs betrifft ist das so eine Sache. Blogger sind keine Angestellten einer Zeitung oder eines Senders, deren Hauspolitik sie sich zu unterwerfen hätten. Doch glaube niemand, Blogger seien deshalb eine unabhängige Instanz. Gruppendynamik wirkt in der “community” ebenso nachhaltig und erbarmungslos wie im “wirklichen” Leben. Auch hier wirkt der mal mehr mal weniger starke Zwang sich gefälligst einem Lager anzuschliessen.

Blogger mögen hits und views und comments, letztere vor allem wenn sie zustimmend sind. Eitelkeit ist ein allgegenwärtiges Motiv, das weiß man nicht erst seit Blaise Pascal. Eitelkeit, oder der Wunsch anerkannt werden zu wollen – was im Grunde dasselbe ist -, ist kein zu unterschätzender Anreiz für die Art, wie Beiträge verfasst werden. Man lernt sein Publikum kennen und   kommt früher oder später in die Versuchung, dafür zu schreiben. Um es mit Nietzsche zu halten- ich bin vielleicht nicht frei von jeder Partei, aber wahrscheinlich mehr als andere. Ich ergreife irgendwann Partei, aber habe sie nicht zuvor. Das freilich kann ich nicht beweisen, nur für mich öfters feststellen im Rückblick, etwa indem ich lieber auf die zahlreichen backlinks einer vielbesuchten “israelkritischen” Seite verzichte, weil mir suspekt ist dass der Autor ganz kategorisch nie nach Israel gehen würde. Oder mich aus bestimmten “israelkritischen” Diskussionsrunden in meiner Heimatstadt verabschiedet habe, in denen in Bezug auf Israel allzu freimütig mit Begriffen wie “faschistoid” umgegangen wurde, oder mich abgestossen fühle von der Rohheit anti-israelischer Demonstrationen. Etc.pp.

Gut geeignet zur Wahrung der Unabhängigkeit und Vermeidung falscher Romatik waren auch die beiden Steinwürfe an meinen Kopf. Der eine erfolgte im jüdischen Orthodoxen-Viertel Mea Schearim in Jerusalem (1990), der andere im arabischen Ost-Jerusalemer Stadtteil Silwan, wo man mich offenbar für einen Israeli gehalten hat (2010). Zum Glück haben mich beide Würfe verfehlt. Nicht zu vergessen, als wir auf einem belebten Platz in Jerusalem in einen Bombenalarm gerieten und wie alle Umstehenden so schnell wie möglich davon liefen, um anschliessend dem Bombenräumkommando zuzusehen.

Mehr als das Tagesgeschehen

Mein Bestreben als Historiker: Da die Presse und viele Blogs vom Tagesgeschehen leben, versuche ich so oft wie möglich alte Sachverhalte zu integrieren, um den Kontext zu erweitern. Nicht wenige Zitate oder Vorkommnisse von vor zehn oder vierzig Jahren zeigen eine verblüffende Relevanz fürs Heute. In der schnellebigen Zeit neigt man dazu, die Ereignisse von gestern und vorgestern allzu schnell abzuhaken.

Was meinen Sie hätte mir der alte Fiseur in Jerusalem geantwortet auf eine Frage “Wie lange ist das her, Auschwitz?”.

Was meinen Sie würde ein alter Araber aus Kirbet Khizeh antworten würde man ihn fragen “Wie lange ist das her, die Verteibung aus Ihrem Dorf?”

Beide würde sagen “Gestern!”

Motivation hin oder her: Leider habe ich nur wenig Zeit fürs Bloggen. Insofern bleibt vieles, was im Blog thematisiert wird – siehe Motivation No. 1 – auch dem Zufall überlassen. Von einer Vollständigkeit kann leider nicht die Rede sein.

Shalom, Salam,

– Schlesinger

PS.: Dank an den Betreiber der Seite, der mir diese Plattform bereit stellt und mich davor bewahrt, mich mit WordPress oder ähnlichen Techniken befassen zu müssen.

* Hier wird nicht die bisweilen genannte Höchstzahl verwendet (700-800 Dörfer, 800 Tausend Vertriebene)

** Ist die israelische Armee deshalb besonders brutal? Unfug. Hier gilt das von Uri Avnery gesagte: “Any army is composed of all types of human beings, decent youngsters with a moral conscience besides sadists, imbeciles and others suffering from moral insanity. In a war you give all of them arms and a license to kill, and the results can be foreseen.”

*** Aus Sicht derjenigen, die Israel um jeden Preis in Schutz nehmen wollen mag das anders aussehen. Sie unterliegen möglicherweise dem Trugschluss, dass sich einige israelkritische Stimmen in linken Foren tummeln oder der eine oder andere Bericht der taz, der Frankfurter Allgemeinen oder der Süddeutschen Kritik übt. Doch die Masse der Deutschen liest nicht diese eher anspruchsvollen Blätter. Im übrigen sind manche und manche auch gut besuchte Foren bestimmter Israelkritiker so radikal, dass sich ohnehin nur die immer gleichen darin tummeln. Solche Foren sind insofern belanglos, nicht wahr?

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Israel - Zitat des Tages

 ... dieser Beschluss ist eine würdelose Kapitulation vor dreisten arabischen Drohungen [und] das demütigste und empörendste politische Vorkommnis [...] seit dem Verrat, den 1938 die Demokratie an der Tschechoslowakei verübte. [...] Der kleine jüdische Staat in Palästina wäre eine Demokratie arbeitsamer und kulturwilliger Menschen gewesen, der die ganze natürliche Sympathie eines Landes von den Traditionen Amerikas gehören sollte. Warum sind wir verdammt, überall in der Welt das Schlechte, Retrograde, Faule, den Völkern verhaßte - in diesem Fall den Feudalismus der arabischen Ölmagnaten - zu stützen und die Demokratie zu ruinieren, indem wir vorgeben, sie zu verteidigen?

Thomas Mann
(Schriftsteller, Literatur-Nobelpreisträger 1929. Angesichts des drohenden Politikwechsels in Washington, nun doch nicht für die Gründung eines jüdischen Staats eintreten. Präsident Roosevelt hatte dies in einem Brief vom April 1945 an den saudischen König Saud angekündigt.)

Presseschau Naher Osten (englisch)

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