Von einem, der sich George W. Bush in den Weg stellen wollte

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Wir sind jetzt ein Imperium, und wenn wir handeln schaffen wir unsere eigene Realität.

Und während Ihr diese Realität studiert, handeln wir schon wieder und schaffen neue Realitäten, die Ihr wiederum untersuchen könnt, und auf diese Art regeln sich die Dinge.

Wir sind die Akteure, und Euch allen bleibt nichts übrig als zu untersuchen was wir tun.*

In derart grenzenloser Hybris äußerte sich der Vizepräsident neben George W. Bush, Dick Cheney, gegenüber Ron Suskind, einem Reporter des New York Times Magazine.

Dieses Weltbild wird empfindlich gestört wenn sich einer der Beobachter anmaßt nicht nur analysierender Beobachter zu bleiben, sondern selbst zu handeln.

Dieser jemand war Joseph Wilson.

Der Lauf der Dinge, in den er eingreifen wollte, war nichts Geringeres als der 2003 begonnene Irakkrieg.

Jeder Krieg ist für ein kriegführendes Land von großer Bedeutung. Für Bush war der Krieg gegen Saddam Hussein nicht von großer Bedeutung, sondern lebensnotwendig.

Ohne diesen Krieg wäre Bush im Strudel seiner zahllosen Misserfolge und Skandale untergegangen: Die Wirtschaft war marode, die Staatsverschuldung war extrem gestiegen, der skandalträchtige Konkurs des Megakonzerns ENRON brachte den Präsidenten in massive Erklärungsnöte (Bush hatte enge Beziehungen zu ENRON-Chef Kenneth Lay, und der Konzern hatte der Bush-Administration in einer merkwürdig geheimen Kommission gleich zu Beginn der ersten Amtszeit die Energiepolitik der nächsten Jahre in die Feder diktieren dürfen; viele Mitarbeiter von ENRON waren schon vor dem Konkurs auf wundersame Weise in gut bestallte Regierungsämter übernommen worden). Schließlich der Verdacht, die Regierung habe vor 9/11 über zahlreiche Informationen über einen bevorstehenden Terrorakt verfügt aber nichts dagegen unternommen hielt sich hartnäckig.

Bush brauchte diesen Krieg für sein politisches Überleben, für seine Wiederwahl.

Das Mantra von Bush waren die erdichteten Massenvernichtungswaffen („weapons of mass destruction“) des irakischen Erzschurken Saddam Hussein.

Die Administration Bush präsentierte der Öffentlichkeit einen fingierten Beweis nach dem anderen, um den längst beschlossenen Krieg zu begründen. Schließlich war die Rede von 500 Tonnen „yellow cake“, einem Uran-Produkt, das für die Herstellung von Atomwaffen verwendet werden kann. Irak soll das Uran aus Niger beschafft haben.

Der CIA sandte den ehemaligen Botschafter in Niger, Joseph Wilson, um der Sache nachzugehen. Dessen Befund: Alles erfunden.

Es gab nie einen Verkauf von Uran an den Irak. Das gab er gegenüber dem CIA auch so an. Das gab der CIA gegenüber dem Weissen Haus auch so an.

Dann mischten sich die Leute von Vizepräsident Dick Cheney ein.

Cheney war zusammen mit seinen Vertrauten Donald Rumsfeld (Verteidigungsminister) und Paul Wolfowitz (stellvertretender Verteidigungsminister) die treibende Kraft für den Irakkrieg.

Cheneys Mann fürs Grobe, Lewis „Scooter“ Libby, wurde mehrfach beim CIA vorstellig, legte die nötigen Daumenschrauben an und erhielt die gewünschten Zugeständnisse:

Ja, so erhielt Libby von hochrangigen CIA Angehörigen offenbar zu hören, man könne ein Restrisiko nicht hundertprozentig ausschliessen (Libby: „Ach, und Sie können das Restrisiko vertreten? Wissen Sie dass 1% der Vereinigten Staaten 350 Tausend Seelen sind?“), ja, es gebe immer Unsicherheiten (Libby: „Wir sprechen also nicht von Fakten sondern von Vermutungen?“), ja, auch interne Diskussionen gehörten zum Alltag der Informationsgewinnung (Libby: „Interessant. Und wer genau vertritt denn eine andere Meinung?“).**

Bush trat vor die Presse und verkündete, der Irak habe Uran aus dem Niger eingekauft. Das wisse man aus zuverlässiger Quelle. Der Präsident und der Vizepräsident der USA benutzten den CIA als Zeugen wider Willen, um „Beweise“ gegen Saddam vorweisen zu können.

Joseph Wilson war nicht wenig erstaunt zu hören, wie er dazu missbraucht wurde, der Nation einen Krieg zu verkaufen.

Er wollte sich wehren. Er wandte sich an die New York Times und verfasste einen Beitrag mit dem Titel „Was ich in Afrika nicht gefunden habe„. Schonungslos offen legte er seine Auffassung dar:

Did the Bush administration manipulate intelligence [geheimdienstliche Erkenntnisse] about Saddam Hussein’s weapons programs to justify an invasion of Iraq?

Based on my experience with the administration in the months leading up to the war, I have little choice but to conclude that some of the intelligence related to Iraq’s nuclear weapons program was twisted [verdreht] to exaggerate [übertreiben] the Iraqi threat [Bedrohung].

Man braucht keine lebhafte Phantasie um sich vorzustellen, welche niederen Instinkte im Weissen Haus geweckt wurden.

Natürlich suchte man dort fieberhaft nach einer echten oder vermeintlichen Schwachstelle bei Wilson. Und wurde fündig. Seine Frau Valerie Plame Wilson arbeitete für den CIA. Sie hatte auf Nachfrage ihrer Vorgesetzten ein Empfehlungsschreiben für ihren Mann verfasst, um dessen ohnehin gewünschte Berufung für die Niger-Mission formell abzusichern.

Ein gefundenes Fressen für Scooter Libby und dessen Gang. Ohnehin nie an Wahrheit, sondern nur an taktischem Vorteil interessiert taten sie das Ihre um Wilson kaltzustellen. Das Mittel ihrer Wahl: Sie liessen den Namen von Valerie Plame durchsickern. Er wurde in der Presse veröffentlicht. Valerie Plame konnte als Agentin natürlich nicht mehr eingesetzt werden, geriet selbst unter Verdacht etwas mit dem Geheimnisverrat zu tun zu haben.

Ab diesem Zeitpunkt wurde das Leben der Wilsons unerträglich. Schmähbriefe und Drohanrufe, sie würden mit den Terroristen gemeinsame Sache machen, sie seien Kommunisten und im übrigen korrupt waren an der Tagesordnung. Gut meinende ehemalige Kollegen und Vorgesetzte rieten Plame zurück zu stecken und drängten sie, ihrem Mann dasselbe zu raten. Schließlich habe man es mit dem Weissen Haus zu tun, mit dem mächtigsten Weissen Haus in der Geschichte der Vereinigten Staaten.

Wilson ließ sich nicht beirren und fuhr fort sich zu wehren. Von manchen wurde er gehört,von vielen nicht mehr.

Selbst das Verfahren, das gegen Scooter Libby eröffnet wurde, konnte am lauf der Dinge nichts mehr ändern. Die Kriegstrommeln waren zu laut, als dass man noch auf Vernunft hätte hören können.

Die Bestie Saddam Hussein hatte 5000 Kurden mit Giftgas umgebracht, war man nicht müde geworden zu wiederholen.

Der Despot Saddam Hussein hielt Tausende politischer Widersacher gefangen und liesse sie foltern, wiederholte man.

Die demokratie-liebenden Vereinigten Staaten von Amerika unter Führung des geläuterten Christen George W. Bush wollten diesem „evildoer“ – eine Wortschöpfung Bushs: ein Bösetuer – ein Ende breiten. Dazu wurden in den ersten Kriegsstunden hunderte Marschflugkörper abgefeuert. Viele Tausend Iraker fanden schon in der ersten Nacht den Tod.

Hunderttausende Iraker – überwiegend Zivilisten – sollten folgen. Tausende Amerikaner. Nicht zun reden von der Zerstörung der Infrastruktur, von den Verstümmelten, von den Millionen Flüchtlingen.

In amerikanischen Gefängnissen wie Abu Ghraib wurden inhaftierte Iraker bestialisch gefoltert und gemordet.

Es gab zu wenig Wilsons und Plames, um den Wahnsinn zu verhindern.

Das Imperium hatte seine Realität geschaffen.

Ich vergaß zu sagen: Das ist eine Art Filmbesprechung zu „Fair Game“ („Nichts ist gefährlicher als die Wahrheit“) mit Sean Penn und Naomi Watts in den Hauptrollen. Jetzt auf DVD.

Prädikat: Äußerst empfehlenswert, da es nicht nur die damaligen Ereignisse getreulich schildert, sondern auch die Psychologie der Beteiligten überzeugend auslotet.

– Schlesinger

* zit.aus Frank Rich: The Greatest Story Ever Sold, The Decline and Fall of Truth in Bush’s America. S. 3f. (übers. Schlesinger)

** Dialogdarstellung fiktiv, aber dem Sinn nach als plausibel anzusehen

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Veröffentlicht in 9/11, George W. Bush, Krieg, Medien, Naher und Mittlerer Osten, New York Times, Presse, USA, war on terror, WMD
Ein Kommentar zu “Von einem, der sich George W. Bush in den Weg stellen wollte
  1. Moritatensaenger sagt:

    Wie nett, das ist ja unser Doc Martin! Und natürlich wieder mit kräftigem Schritt antis…israelkritisch unterwegs. Nicht unbedingt der Wahrheit zugeneigt (siehe „Tontaubenschiessemn“), aber flott geschrieben. Erinnern Sie sich noch an „Das Leben des Brian“ und Ihre so verzweifelten wie untauglichen Versuche der Reinwaschung, darüber? Na ja, so richtig hat das ja sowieso keiner geglaubt. Jedenfalls: Der Moritatensaenger wird jetzt öfter bei Ihnen lesen. Grüßl.
    —-
    RE T.A.B.: Flott geschrieben? Vielen Dank fürs Lob! „antis…“ Na ja, als Misanthrop bin ich das wohl inhärent. Possierlich auch, wie sich Buben noch an kleines Typos erfreuen können. Grüßl.

Israel - Zitat des Tages

 At times it seems as if what Jews do to other jews in this country [Israel] would be defined in any other country as nothing less than antisemtisim.

David Grossman
(Israelischer Autor. Man vergleiche das mit einer nicht untypischen Äußerung eines ultra-orthodoxen jüdischen Siedlers: "The Israeli secular entity has to be destroyed. God can't reveal himself until it's all wiped out. As long as the state of Israel stays as it is, there will be no redemption." Shmuel Ben Yishai, Settler, Hebron (Interview CBS Frontline April 2005). Was der Siedler hier verlangt ist nichts weniger als die Beseitigung des Staates Israel.)

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