Das Gespenst von Canterville oder die christlich-jüdische Leitkultur Deutschlands

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Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland

meinte Bundespräsident Christian Wulff und griff dabei f Goethe zurück:

Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen

Dass der Islam zu Deutschland gehöre lasse sich historisch nicht belegen, fügte Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) später korrigierend hinzu.

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer ließ wie immer keine Zweifel an seiner Meinung des Tages und behauptete rigoros:

Wir als Union treten für die deutsche Leitkultur und gegen Multikulti ein – Multikulti ist tot.

Dafür erntete Seehofer harsche Kritik vom Generalsekreträr des Zentralrats der Juden Stephan Kramer. Seehofers Stellungnahmen zur Einwanderungs- und Integrationspolitik sind Kramer zufolge “verantwortungslos” und “schäbig”.

Dabei hatte sich just die CDU / CSU im Rahmen der immer wieder neu hochkommenden Debatte um die vermeintliche deutsche Leitkultur geradezu rührend um die Einbeziehung des jüdischen Anteils bemüht. So hieß es in einem Antrag des CDU-Vorstands für den Parteitag im November 2010 etwas aufgedunsen:

Unsere kulturellen Werte, geprägt durch eine christlich-jüdische Tradition, der sich die CDU besonders verbunden fühlt, und die historischen Erfahrungen sind die Grundlage für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und bilden unsere Leitkultur.

Das wurde von vielen mit Verwunderung und einem leichten Unbehagen vernommen.

Das Unbehagen bezog sich nicht auf den unbestreitbaren Anteil jüdischen Kulturlebens in der deutschen Geschichte. Es bezog sich auf die äußerst unangenehme Tatsache, dass Juden in Deutschland schon vor dem Dritten Reich einen eher schweren als leichten Stand hatten. Immerhin zeigte sich selbst in der Zeit nach der Aufklärung, dass die angestrebte Assimilation nur für eine kurze Zeit gelang, aber keine echten Wurzeln schlug. Dann betraten die Nationalsozialisten die Bühne und die Gemeinsamkeit war keinen Pfifferling mehr wert.

Und plötzlich ist die deutsche Leitkultur eine deutsch-jüdische? Das ist nichts anderes als Anbiederung vor dem Hintergrund eines schlechten Gewissens. Und so hat Thomas Kröter seinen lesenwerten Beitrag zur Leitkulturdebatte in der “Jüdischen Allgemeinen” zurecht  eingeleitet mit einem spöttischen “Plötzlich ist sie jüdisch, christlich-jüdisch”. Ähnlich kritisch sieht es Jürgen Habermas, der kürzlich in der New York Times von der arroganten Aneignung jüdischer Kultur schrieb:

With an arrogant appropriation of Judaism — and an incredible disregard for the fate the Jews suffered in Germany — the apologists of the leitkultur now appeal to the “Judeo-Christian tradition,” which distinguishes “us” from the foreigners.

Gespenst von Canterville

Gespenst von Canterville

Ach, die Leitkultur.

Leitkultur, das alte Klappergespenst

Irgendwie ähnelt sie dem armen Gespenst von Canterville aus der Erzählung von Oscar Wilde:

Vor vielen Jahren hatte ein Canterville eine Bluttat begangen. Zur Strafe wurde er eingemauert und dazu verdammt, sein nächtliches Unwesen zu treiben. Als die amerikanische Familie Otis ins Schloß zieht, bemüht sich das Gespenst seinem Auftrag und Los gerecht zu werden und will die Ankömmlinge erschrecken.

Dazu gibt es die üblichen Huhu- und Buh-Rufe von sich, rasselt mit seinen Ketten und lässt sich allerhand anders aus der Mottenkiste einfallen.

Nur: Es wirkt nicht. Was einen so tragischen Hintergrund hat und über einen so langen Zeitraum so eingeübt war im todernsten Gebahren hat seine Schrecken nicht nur verloren, sondern im Gegenteil: Das Schwere und allzu Ernsthafte schlägt ins unfreiwillig Komische um. Man rät dem Gespenst seine Ketten zu ölen und hilft ihm, nachdem es unbeholfen in die alte Ritterrüstung gestürzt war.

Die Geschichte nimmt eine gute Wendung. Das Gespenst muss nicht im Zustand der Lächerlichkeit bleiben. Denn die jugendliche Unbekümmertheit und das Verständnis der jungen Otis’ hilft dem alten Gespenst sich von seinem tragischen Los zu befreien. Es findet seinen Frieden und kann zu Grabe getragen werden.

Wer hilft der leidvollen deutschen Canterville-Kultur ihr Los abzuschütteln, damit es nicht mehr wie Horst Seehofer mit christlichen Ketten rasseln muss, um den Türken oder Tunesiern einen gehörigen Schrecken einzujagen?

Es ist nicht so gut bestellt um die Lebendigkeit unserer Kultur. Dass gerade in Zeiten massenhafter Kirchenaustritte so auffallend oft unsere christlichen Wurzeln bemüht werden, kann als Pfeifen im Walde interpretiert werden. Vielleicht sollte man sich mehr Gedanken über eine Neubelebung oder – besser – eine Neuausrichtung unserer Kultur machen, als fortgesetzt unbeholfen mit rostigen Ketten zu scheppern.

Aber!, so stellen die glühenden Verteidiger unserer Kultur ihre rhetorischen Fragen:

Aber ist es falsch, dass unser Grundgesetz die Rechte des Individuums stärkt, das Recht auf Leben schützt und ebenso die Meinungsfreiheit? Nein.

Ist es falsch, dass die westlichen Gesellschaften versuchen, ein immer höheres Maß an Gleichstellung zwischen Männern und Frauen herbeizuführen? Nein.

Ist es falsch Religion von Politik und Staat zu trennen? Nein.

Diese Reihe liesse sich lange fortsetzen.

Und man könnte schließlich zur Frage gelangen “Was also soll schlecht sein an der Betonung all dieser Werte, die solche Ziele verfolgen und das Erreichte zu schützen versuchen? Kurzum: Was soll schlecht sein an der Gesamtheit solcher Werte, die man durchaus als Leitkultur bezeichnen kann?”

Mit häufig offen oder unausgesprochen gestellten Frage ist man bei der Crux der Leitkultur-Debatte angelangt. Sie blendet das zeitliche und das mengenmäßige Verhältnis aus, in dem “gute Werte” Gutes bewirken, und in dem trotz “guter Werte” Schlechtes stattfindet.

Ist es nicht so, dass die deutsche Geschichte im Besonderen, die europäische Geschichte im Weiteren und die westliche Geschichte im Allgemeinen von einem ungeheuren Maß an Gewalt gekennzeichnet ist?

Im ersten Weltkrieg haben sich die christlichen Völker Europas in einem wahren Blutrausch in den Krieg geworfen, um sich gegenseitig zu schlachten. Im Zweiten Weltkrieg haben es die Achsenmächte unter Führung der deutschen Kulturnation unternommen, einen ungeheuren “Weltanschauungskrieg” zu führen, der nebenbei die Juden und anderen Minderheiten auszurotten suchte. 50 Millionen Tote.

Diese aberwitzig große Zahl bringt wie immer mit sich, dass sie für den Einzelnen viel zu abstrakt ist, als dass sie verständlich wäre. Wäre sie es, würde sie einfliessen in die Betrachtung über den Wert von Werten. Doch

Die Millionen Toten sind verstummt

Kürzlich jährte sich der Auftakt des “Eichmann-Prozesses“, in dem der Cheforganisator des Mordes an den euopäischen Juden, SS Obersturmbannführer Adolf Eichmann in Jerusalem vor Gericht gestellt wurde. Der israelische Oberstaatsanwalt Gideon Hausner eröffnete seine Anklage mit den Worten:*

Wenn ich vor euch stehe, Richter Israels, in diesem Gericht, um die Anklage gegen Adolf Eichmann vorzubringen, stehe ich nicht allein.

Neben mir stehen in dieser Stunde sechs Millionen Ankläger. Doch sie kön­nen nicht ihre Finger in Richtung der Glaszelle erheben gegen den Mann, der dort sitzt, und nicht sagen: Wir klagen an.

Denn ihre Asche liegt verstreut auf den Abfallhaufen von Auschwitz, auf den Feldern Treblinkas, ausgeschüttet in Polens Flüssen.

Ihr Blut schreit zum Himmel, aber ihre Stimme ist verstummt.

Könnten sie nur schreien, die Millionen.

Sie würden den Verteidigern der christlichen Werte ihre Pein ins Gesicht schreien: Wie sie von Granaten zerfetzt wurden, wie sie vom Skalpell des SS-Arztes in Dachau ohne Betäubung zu Versuchszwecken zu Tode operiert wurden, wie sie aus den vor Kot und Urin triefenden Viehwaggons ins Gas getrieben wurden, wie sie von Euthanasieärzten zu Tode gespritzt wurden, wie sie zermalmt wurden von Panzerketten, vor Hunger krepierten im Gefangenenlager.

Doch so stehen die Millionen Toten, Verstümmelten und Gebrochenen der Kriege und Läger gewissermaßen da als eine Mengeneinheit: Ja, es gab da dieses “Schlechtes”. Das war im Krieg. Das war das eine. Dieses Geschehen damals.

Da das Schlechte nur eins ist, lässt es sich rasch beiseite wischen. Es steht unsichtbar neben dem vielen “Guten”. All dem, was unsere zahlreichen Werte ausmacht. Unsere Leitkultur eben.

Was für eine kolossale Lüge.

Bei nüchterner Betrachtung muss man sagen: Die christliche Kultur hat es immer nur in kurzen Phasen zustande gebracht, das Leben ihrer Nationen und Individuen so zu gestalten, dass es den eigenen Leitsätzen wenigstens annähernd entspricht.

Es ist eine Anmaßung ersten Grades wenn fortgesetzt versucht wird, die “guten” Phasen des christlichen Abendlandes als das eigentlich charakteristische an unserer Kultur auszugeben.

Das Charakteristische unserer Kultur (und womöglich des Menschen an sich) ist vielmehr Grausamkeit, wie Nietzsche längst festgestellt hat:**

Man soll über die Grausamkeit umlernen und die Augen aufmachen [...]

damit nicht länger solche unbescheidne dicke Irrtümer tugendhaft und dreist herumwandeln [...]

Fast alles, was wir »höhere Kultur« nennen, beruht auf der Vergeistigung und Vertiefung der Grausamkeit -

dies ist mein Satz; jenes »wilde Tier« ist gar nicht abgetötet worden, es lebt, es blüht

Ist es nicht höchst grausam, wie sich eine Christennation Deutschland ganz aktuell über 7 Millionen “Mini-Jobber leistet?” Wie dieses Deutschland ein Prekariat von der Gesellschaft abgrenzt, während zugleich obszön reiche Manager aus den Vortandsetagen der Banken just diese Gesellschaft ein weiteres mal schröpft, um aus der von ihnen maßgeblich verschuldeten Finanzkrise zu gelangen?

Ist es nicht zutiefst grausam, dass Tausende Fischer-Dörfer rund um den riesigen Victoriasee systematisch in eine Slum-Existenz abgedrängt wurden, weil sich die kalorienbewußten Deutschen nebst ihren europäischen Mitbürgern in Auslebung ihrer Individualität die Fischereirechte für den leckeren Victoriabarsch gesichert haben?

Ist es nicht perfide, wie wir Deutschen unseren Sprudel ach so praktisch millionenfach aus diesen nützlichen “Soda”-Zubereitern trinken, um mit diesem in der palästinensischen Westbank produzierten israelischen Produkt die dortige militärische Besatzung zu zementieren?

Unendlich lange läßt sich diese Liste der ach so perfekt versteckten Grausamkeiten fortsetzen, die wir aufgeklärten, demokratischen, zivilisierten Humanisten tun, ob wir ihnen bewußt sind oder nicht. In Umkehrung des Mephistopheles-Satzes könnte man sagen “Wir sind Theil von jener Krafft die stets das Gute will und doch das Böse schafft.”

Doch ungeachtet dieser Millionen Grausamkeiten und der Millionen Toten nimmt niemand Abstand von der arroganten Haltung, wir seien “Christen” oder lebten “Werte”. “Christ sein” oder “Werte leben” mag für Individuen gelten und tut es zweifellos, aber es gilt nicht für “uns”, denn da wir über Leitkultur und nicht über Indivdualethik sprechen, sprechen wir von der Allgemeinheit: der Nation, dem Staat, Allen, und nicht von Einzelnen.

Bei Kultur und Werten verhält es sich in Wahrheit so, wie Nietzsche es vor langer Zeit erkannt hat: Es sind nützliche Vehikel, derer sich die Menschen bedienen, um überhaupt leben zu können. Es sind Lügen, die dem Leben dienen.

Das günstige Bild von einem selbst “Christ” in einer Christennation zu sein, oder “Werte” zu haben in einer gesellschaft mit einer “Leitkulrut”, oder – für die nichtreligiösen – “zivilisiert” zu sein, ist psychologisch betrachtet von größtem Nutzen – und vielleicht sogar lebensnotwendig – um ein unbedarftes Leben leben zu können. Ein unruhiges Leben führt nur der, der sich von solchen Täuschungen nicht ruhig stellen lässt.

Ich wünschte, man würde sich an Lessing und seine Ringparabel halten. Jede Kultur solle für sich unter Beweis stellen, wie gut oder schlecht sie ihr kulturelles Erbe verwaltet. Wer sich seiner Stärken sicher ist, kann dem anderen in Ruhe und Gelassenheit gegenüber treten. Von dieser Ruhe und Gelassenheit ist im Zuge der Leitkultur-Debatte wenig zu spüren.

Bedroht uns der Islam? Ist der Islam Teil Deutschlands? Ist unsere Leitkultur bedroht? Ich will mich nicht so recht auf diese Fragen einlassen, weil sie allzu sehr darauf angelegt sind, eigene Probleme zu verdecken.

Hier kann man nochmals Habermas heranziehen, der seinen Essay mit den Worten schloß:

What is needed in Europe is a revitalized political class that overcomes its own defeatism with a bit more perspective, resoluteness and cooperative spirit. Democracy depends on the belief of the people that there is some scope left for collectively shaping a challenging future.

Oder, anders formuliert: Wir sollten die Mitmenschen jeglicher Herkunft an dem zerbrechlichen Moment an Sicherheit, Ruhe und Wohlstand teilhaben lassen, den wir seit 1945 haben. Solange er besteht. Diesen Menschen heute zukommen lassen, was wir so an uns loben: die Werte der Nächstenliebe, der Fürsorge, der Humanität. Der Großteil der Mitbürger ausländischer Herkunft will nichts geschenkt von uns. Sie wollen in Würde ihr eigenes Leben leben.

Nur heute können wir unsere Werte unter Beweis stellen.

Denn morgen schon, und nur dieses Wenige lehrt uns die Geschichte, könnte das von Nietzsche so bezeichnete “wilde Tier” wieder hervor brechen.

– Schlesinger

* zit. aus: Willy Guggenheim, Israel, S. 41

** Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse, Aphorismus 229

Bild: Wikipedia CC Lizenz

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Israel - Zitat des Tages

 At times it seems as if what Jews do to other jews in this country [Israel] would be defined in any other country as nothing less than antisemtisim.

David Grossman
(Israelischer Autor. Man vergleiche das mit einer nicht untypischen Äußerung eines ultra-orthodoxen jüdischen Siedlers: "The Israeli secular entity has to be destroyed. God can't reveal himself until it's all wiped out. As long as the state of Israel stays as it is, there will be no redemption." Shmuel Ben Yishai, Settler, Hebron (Interview CBS Frontline April 2005). Was der Siedler hier verlangt ist nichts weniger als die Beseitigung des Staates Israel.)

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