Für Palästinenser gilt Unverletztlichkeit der Wohnung nicht

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Geheimdienste oder Staatspolizei bestimmter Regimes wissen seit jeher, dass man unliebsame Personen am besten in der Nacht aufsucht.

Der psychologische Vorteil ist dann vollkommen auf der eigenen Seite.

Häuser von Zivilisten werden nachts gestürmt

Wer inmitten der Nacht aus dem Schlaf gerissen wird ist verstört, unkonzentriert, verängstigt. Wer im Pyjama oder gar nackt vor dem Eindringling steht, wird sich auch weniger wehren im Vergleich zu einer Aktion, die während des Tages auf der Straße stattfindet. Im übrigen gibt es keine “unabhängigen” Zeugen (Familienangehörige sind voreingenommen).

Daher gehören bei der israelischen Armee  nächtliche Durchsuchungen in der West Bank zum bewährten Repertoire, um die Bevölkerung einzuschüchtern.

So sind in der Nacht von Montag auf Dienstag Armeeeinheiten in zahlreiche Wohnungen des Dorfes Nabi Saleh in der Nähe von Ramallah eingedrungen und haben alle Jugendlichen photographiert. Das war bereits der zweite derartige nächtliche Überfall binnen einer Woche.

Dabei handelt es sich nicht wie eingangs beschrieben um “unliebsame Personen”, sondern vielmehr um beliebige Personen.

Die Absicht scheint klar. Die meist männlichen Jugendlichen werden photographiert um ihnen klar zu machen, dass sie damit “erfasst” sind.

Offenbar hat sich dabei folgendes Vorgehen als Muster etabliert: Kommt es in der Folgezeit zu Demonstrationen im weiteren Umkreis kommt die Armee bei denselben Familien nochmals vorbei. Dass die Demonstrationen seitens der palästinensischen Beteiligten seit langem stets waffenlos und in aller Regel friedlich sind, spielt keine Rolle.

Israelische Soldaten in Askar

Israelische Soldaten in Askar

Gewaltlosigkeit bei Demonstrationen unerwünscht

Eine Demonstration genügt der Armee, um erneut zu den zuvor überfallenen Familien zu gehen. Die Photos werden nun als Steckbrief verwendet und die Jugendlichen in Arrest genommen.

Die einfache Behauptung, sie hätten erstens an einer Demonstration teilgenommen und zweitens Gewalt ausgeübt (= Steine geworfen) genügt als Begründung. Unabhängige Zeugenaussagen, Bild- oder Videomaterial sind nicht erforderlich. Die Jugendlichen werden ins Gefängis verbracht, um einer nach westlichen Maßstäben aberwitzigen Rechtsprechung zugeführt zu werden. Wer wie lange im Gefängnis bleiben muß, ergibt sich aus dem politischen bedarf, der Willkür der Armeerichter oder der Trägheit der Verwaltung.

Der israelische Menschrechtler Joseph Dana urteilt dazu:

Raiding West Bank villages, photographing youth and then arresting them days later is a sick form of Israeli control over the Palestinian population. These children end up in jail for months on bogus charges which could not stand up in any court of law that is interested in justice.

Der Zweck besteht erstens in der Einschüchterung der Bevölkerung, damit sie die Demonstrationen unterläßt und zweitens in der Hoffnung, dass die so behandelten Jugendlichen sich später zu Gewalt hinreißen lassen. Dann kann die Armee härter gegen “palästinensische Terroristen” vorgehen.

– Schlesinger

PS.: Dass solche Ereignisse nicht in deutschen Zeitungen erscheinen darf nicht wundern. Während jede einzelne in der Negev niedergehende Qassam-Rakete von einem Reuters-, AFP-, CNN oder BBC-Reporter registriert wird, gibt es in Nabi Saleh keinen Journalisten. Weit und breit nicht. Und es gibt viele Nabi Salehs in der West Bank.

Photo: Flickr CC Lizenz / michaelramallah

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Israel - Zitat des Tages

 Pakistan ist innenpolitisch labil, häufiger von Militärdiktaturen regiert. Die Armeeführung ist mit der Vorstellung groß geworden, Indien sei der bei Weitem wichtigste Gegner, während Afghanistan meist als ein zu vernachlässigendes rückwärtiges Gebiet angesehen wurde. Dagegen ist die Stimmung unter den jüngeren Rängen der Armee und insbesondere in den pakistanischen Geheimdiensten zumindest undurchsichtig und schwer vorhersehbar. Teile der pakistanischen Geheimdienste arbeiten sowohl mit den Amerikanern als auch mit den Taliban zusammen; ursprünglich waren die Taliban eine pakistanische Schöpfung.

Helmut Schmidt
(Bundeskanzler von 1974-82. Über die wenig hoffnungsvolle Lage in Afghanistan.)

Presseschau Naher Osten (englisch)

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