Armes reiches Israel

facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmail

Arm sein war auch in Israel noch nie angenehm. Doch wenigstens bis 2003 sorgte staatliche Unterstützung für ein anständiges Mindesteinkommen. Eine alleinerziehende israelische Mutter mit zwei Kindern erhielt damals mehr Zuwendungen als eine vergleichbare Frau in Schweden.

Sozialhilfe

Dabei machte die Sozialhilfe nur 0.7 Prozent des Bruttosozialproduktes aus. Im selben Zeitraum machten die Ausgaben in Deutschland 1,4 Prozent, in Schweden 1,1 Prozent,  aber in den USA nur 0,75% Prozent aus.

Im Juni 2004 erfolgte eine drastische Kürzung der Unterstützung um 30%. Davon waren rund 100.000 Familien betroffen. Damit rutsche Israel im Vergleich mit den westlichen Staaten auf den vorletzten Platz ab, gefolgt vom Schlusslicht USA, die seit jeher für ihre notorisch schwache Sozialhilfe bekannt sind.

Kibbutzim niedriges Einkommen

Die romantischen Vorstellungen vom vielleicht nicht reichen, aber immerhin egalitären Kibbutzleben entsprechen leider nicht der Realität.

Ausgerechnet in dieser traditionell sozialistisch und egalitär ausgerichteten Bewegung lag im Jahr 2004 für 80 Prozent der Mitglieder das Durchnittseinkommen bei nur 3.300 Shekel (~ 660 Euro) und damit unter dem Mindestlohn. Diejenigen mit einem Einkommen von 7.000 Shekel (~ 1.400 Euro) dürfen sich zu den etwa eineinhalb Prozent Spitzenverdienern unter den Kibbutzim rechnen, die damit immerhin 75% des israelischen Durchschnittseinkommens erhalten.

Armutsgrenze

Kunstausstellung Jerusalem

Kunstausstellung Jerusalem

Die Armutsgrenze liegt in Israel bei einem verfügbaren Einkommen – also nach Steuern und Sozialabgaben – von 1.770 Shekel (~ 350 Euro). Damit entspricht die Armutsgrenze fast genau dem deutschen SGB II / Hartz IV Regelsatz von 359 Euro. Die Armutsgrenze definiert sich in Israel bei 50 Prozent unter dem Durchnittseinkommen, das im Jahr 2004 bei netto 3.145 Shekel lag (~ 630 Euro, nach Steuer und Abgaben).

Da die zuvor genannten Durchschnittseinkommen der Kibbutzim von 660 Euro vor Steuern und Abgaben zu verstehen sind, bewegt sich diese Gruppe an der Armutsgrenze, wobei sich das tatsächliche Bild in dieser Gruppe insofern günstiger darstellt,  da im Kibbutz Infrastruktur und Dienstleistungen wie zum Beispiel Gemeinschaftsküche, Wohnungen, Garten etc.  kostenlos oder gegen geringe Gebühr bereit gestellt wird und die Mitglieder in einem festen sozialen Netz eingebunden sind.

Einkommensschere

Vergleichbar mit anderen westlichen Nationen ist auch in Israel die Einkommensschere seit den Siebzigern merklich auseinander gegangen. Dazu hat vor allem die Kluft zwischen mäßig steigenden Arbeitseinkommen und deutlich steigenden Kapitaleinkommen beigetragen.

Zugleich hat die Zahl an Geringverdienern oder Arbeitslosen (Mai 2010: 6,5 %)  zugenommen.

Analog zu dieser Entwicklung stiegen die staatlichen Zuwendungen, die in Israel durch das National Insurance Institute (NII) gezahlt werden, in den knapp zwanzig Jahren von 1980 bis 1999 jährlich um 6,4 Prozent, während das Wirtschaftswachstum im selben Zeitraum 4% pro Jahr betrug.

Orthodoxe arm

Den Großteil der Armen in der Bevölkerung (60%) trifft man bei den jüdischen ultra-orthodoxen Haredim sowie den israelischen Arabern.

Zu den Verlierern der Einkommenentwicklung zählt in Israel auch die Mittelschicht, die – je nach Berechnungsmethode – von 1988 bis 2002 zwischen 15 und 19 Prozent geschrumpft ist (betrachtet wurden nur Arbeiter und Angestellte, nicht Selbständige).

Negative Entwicklung verschärft sich

Speist die hungrigen Kinder in Israel

Speist die hungrigen Kinder in Israel

Seit Mitte des Jahrzehnts (2004-2008) hat sich die Lage aus gesellschaftlicher Sicht insofern verschärft, als die Spitzenverdiener überproportional mehr verdient haben, während sich die Einkommen der unteren Verdienstgruppen negativ entwickelten. In 2008 hat sich die Lage besonders ungünstig dargestellt: Lediglich die oberen zehn Prozent haben dazu verdient, während der gesamte Rest weniger als im Vorjahr verdiente.

2008 jeder vierte Israeli arm

(Deutschland: jeder siebte). Das waren über 1,6 Millionen Menschen, darunter über 780.000 Kinder (bei einer Bevölkerung von nur 7,6 Mio.).

Deutliche unterschiede gibt es auch hinsichtlich der Herkunft und des Geschlechts.

Traditionell sind die Ashkenasim (geboren in Israel bzw. abstammend von europäischen oder amerikanischen Einwanderern) gegenüber den afrika- bzw. asienstämmigen Mizrahim besser gestellt. In 2008 lag der relative Unterschied im geringfügigen Einkommenszuwachs bzw. deutlicheren Einkommenrückgang bei 7 Prozent, was bei einer Inflationsrate von rund 3 Prozent für beide Großgruppen eine negative Entwicklung darstellt.

Einkommensunterschied Frauen / Männer

Frauen verdienten in 2008 im Durchschnitt 63 Prozent im Vergleich zu Männern.

Alleine im Jahr 2008 stiegen die Einkommen der Top-Manager der “Top25-Companies” in Tel Aviv um 7 Prozent und erreichten mit durchschnittlich 800.000 Shekel brutto  (160.000 Euro) das rund 95-fache des Durchschnittseinkommens von 8.160 Shekel brutto  (in 2009).

Armut nicht gleich Armut

Dass Armut nicht gleich Armut ist, zeigt eine aktuelle Studie der Barl Ilan Universität in einem Ländervergleich zwischen England und Israel. Trotz ähnlicher absoluter Zahlen ist die Lage armer Israelis signifikant schlechter als die in England. Das schlägt sich vor allem im Gesundheitszustand, der Lebensmittelversorgung und der sozialen Einbindung nieder.

Doch hier die gute Nachricht (für manche zumindest):

42 Prozent mehr israelische Millionäre als im Vorjahr

Das Gros israelischer Vermögen sammelt sich bei 19 Familien (u.a.: Dankner, Tshuva, Azrieli, Weisman, Saban, Arison, Bino, Federman, Borovich, Leviev, Hamburger, Fishman, Strauss, Wertheim, Alovich). 

Gab es 2005 noch 7400 Dollar-Millionäre (was gemessen an der Bevölkerungszahl im internationalen Vergleich doppelt so viele Millionäre ausmacht), waren es – nach einem zwischenzeitlichen Rückgang – im Jahr 2009 bereits 8.419.

Während 2009 weltweit trotz der Wirtschaftskrise die Zahl der Dollar-Millionäre um 17 Prozent zugenommen hat, betrug die Zunahme in Israel satte 42 Prozent. Die Zahl der Multimillionäre mit einem Vermögen von über 30 Mio. US Dollar wuchs um 15 Prozent, während sich das Vermögen dieser Gruppe binnen Jahresfrist um 21 Prozent vermehrte.

Reiches Israel, so arm.

– Schlesinger

Photo 1: (c) T.A.B., aufgenommen im Mai 2010 in Jerusalem; Open Air Kunstausstellung in der noblen Mamilla Avenue, gegenüber dem Neuen Tor der Altstadt. Von Armut sieht man in dieser poschen Einkaufsmeile mit ihren Gucci- und Prada-Läden weit und breit nichts. Auch sonst hat sich die Optik Jerusalems (das als ärmste Region Israels anzusehen ist) gegenüber meinem vorherigen besuch in 1993 deutlich verändert. Aus einer ärmlich anmutenden Stadt ist eine reich anzusehende Stadt geworden. Die Armut scheint gut an die Ränder verlagert zu sein und sticht in der Innenstadt nur im Orthodoxenviertel Mea Schearim ins Auge.

Photo 2: Spendenaufruf einer israelischen Hilfsorganisation, die für Bedürftige sorgt. Werbeanzeige auf der Haaretz.

Leseempfehlung: Tikun Olam

Getagged mit: , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
Veröffentlicht unter Israel
6 comments on “Armes reiches Israel
  1. Rolf says:

    Nicht vergessen dass in den 90er Israel sehr viele Immigranten aus Russland aufnehmen musste. Das muss ein Land erstmal verdauen.

  2. Carolyn says:

    Es ist schwierig zu vergleichen die Situation in Israel mit der in einem europäischen land, glaube ich. In Israel kommen Einwanderer aus ganz armen Verhältnissen wie aus Äthiopien und solche zu integrieren, auch ökonomisch, ist problematisch und dauert lange.

  3. G.Y. says:

    Armes Israel? Blödsinn. Tel Aviv ist das Silicon Valley des ganzen Nahen Ostens. Wer so viele Innovationen zustande bringt wie wir hat seine Millionäre zurecht. Dass man sehen muss wie die Bevölkerung am besten davon profitziert ist richtig, aber es ist sicher besser viele wirtschaftliche Motoren zu haben, als wenn alle nur zusehen müssten wie sie über die Runden kommen.

  4. Karsten says:

    Die Israelis müssen grade wieder ein paar Hundert Millionen für ein Raketenabwehrsystem gegen die Raketen aus Gaza ausgeben. Dafür ist immer Geld da. Wie bei uns.

  5. k_w says:

    @G.Y.: Die USA werden genausowenig vom Silicon Valley gerettet wie Israel durch seines, zumal die meisten Veranstaltungen Steuern woanders zahlen.

    @Rolf: Ich kann es nicht mehr hören. Die mußten die Einwanderer nicht verdauen, sondern sie übten seit den 70ern massiven Druck auf die Sowjetunion und später Rüßland aus, russische Juden mit vielen Versprechungen nach Israel zu holen, weil der “demographische Faktor” zu kippen droht. Es ist bezeichnend, daß ein Mittel des Drucks die UN-Resolution 194 war, die Israel selbst nicht umsetzt, deren Anerkennung von Rußland aber verlangt wurde — die ungehinderte Heimkehr der Flüchtlinge (die nie Flüchtlinge aus Israel oder Judäa waren, sondern in der Regel Konvertiten).

    Wie die Lebensumstände der äthiopischen Juden aussehen, davon sollte sich Rolf während seiner nächsten Israel-Reise selbst überzeugen.

  6. marina says:

    man sollte irael nicht mit anderen volkswirtschaften vergleichen. israel ist ein vergleichbar kleines land gegenüber usa oder eu. zudem ist es ein einwanderungsland. die eingewanderten haben oft nicht den gleichen bildungsstand wie die israelis vor ort, so dass oft armut vorprogrammiert ist. diese armut ist aber besser als die armut in den herkunftsländern. man hat festgestellt, dass niedrige bildung auch dazu beiträgt sich nicht aus dem armutskreislauf zu befreien und die gesundheit zu vernachlässigen. hier muss angesetzt werden. höhere bildung sollte ermögicht werden, dies würde dazu beitragen, dass höher qualifizierte jobs besetzt werden . dadurch kommen höhere steuereinnahmen und sicherung der renten für die zukünftigen rentner. auch in das gesundheitssystem muss dringend investiert werden.

Israel - Zitat des Tages

 It is necessary to know that there were 418 villages here that were wiped off the face of the earth, and it should be remembered that there were more than 600,000 natives of this land who fled or were expelled not to return to their homes, and that to this day most of them, they and their offspring, live in terrible conditions, carrying keys to their lost homes.

Gideon Levy
(Journalist der israelischen Haaretz. Levy erwartet ein israelisches Selbstbewußtsein das es ermöglicht nicht nur die eigene Unabhängigkeit zu feiern, sondern auch der Vertreibung und Flucht von Palästinensern zu gedenken.)

Presseschau Naher Osten (englisch)

Andere Nahost-Blogs

Was andere Blogs schreiben

Archiv