Israel: Bringen nur die Hardliner Frieden? (Teil II)

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MENACHEM BEGIN

Die frühen Zionisten, die nach Palästina kamen, um das Land Israel aufzubauen, waren zumeist sozialistisch geprägt, voll Tatendrang, selbstbewusst, anpackend und wehrhaft.

Ihr Leitbild war der Tatmensch des Kibbuz. Man hatte sich bewusst distanziert vom alten „Jischew“, war mental weit entfernt von der verpönten Ghetto-Mentalität.

Der Vorzeige-Kibbuz Degania, das 1909 am See Genezareth gegründet wurde, war jahrzehntelang so etwas wie das Leitbild Israels. Man reiste dorthin, um sich an den Pionieren des Landes ein Beispiel zu nehmen.

Gewiss gab es seit Beginn der Einwanderungswellen im ausgehenden 19. Jahrhundert immer ein Gefühl der Bedrohung. Auch in Palästina kam es zu Ausschreitungen gegenüber Juden. Doch überwogen die Zuversicht und der Kampfeswille, sich nicht mehr unterdrücken und sich nicht mehr vertreiben zu lassen.

Der siegreiche Sechstagekrieg von 1967 schien all das zu bestätigen. Der Wille zur Selbstbehauptung fand in diesen Juni-Wochen seinen stärksten Ausdruck.

Erst die Beinahe-Katastrophe des Yom-Kippur-Kriegs von 1973 brachte eine enorme Verunsicherung. Sie weckte den Wunsch nach einer neuen starken Führung. Mit einem Erdrutschsieg gewann der rechte Likud unter Menachem Begin die Wahlen von 1977.

Das war nicht nur in Israel überraschend, sondern vor allem auch in Washington. Dort hatte die Administration Carter keinesfalls mit dem Sieg des Likud gerechnet. Schlimmer: Begin galt aufgrund seiner Vorgeschichte als Extremist und Terrorist. Er war Kopf der jüdischen Untergrundbewegung Etzel, die während der Mandatszeit im Jahr 1946 das britische Hauptquartier im King David Hotel sprengte und dabei 91 Menschen tötete.

[Photo: Anschlag des "Etzel" auf das britische Hauptquartier, 22.07.1946]

[Photo: Von Begins "Etzel" getötete britische Soldaten]

Aufgrund dessen und seiner politischen Positionen sah man in Begin eine erhebliche Gefährdung für die Friedensbemühungen im Nahen Osten. So machte man sich in Washington daran, sowohl bei den jüdischen Verbänden zuhause, wie auch über diplomatische Kanäle Stimmung gegen Begin zu erzeugen.

Was Washington nicht wusste: Schon kurz nach seinem Sieg erhielt Premierminister Begin Informationen seines Geheimdienstes, wonach Libyens Ghaddafi einen Anschlag auf Präsident Sadat plane. Begin entschloss sich, diese Informationen direkt an Sadat zu leiten. Im Zuge der Polizeiaktion fand Sadat alle israelischen Angaben bestätigt. Zur Vergeltung ließ Sadat einige grenznahe libysche Militärbasen bombardieren. Schon kurz darauf übermittelte Sadat erste Friedensangebote nach Jerusalem.

Der Frieden mit Ägypten wäre vielleicht schon früher möglich gewesen. Sadat sandte schon kurz nach seiner Amtsübernahme als Nachfolger des 1970 verstorbenen Gamal Abd-El Nasser erste Friedenssignale in Richtung Israel. Das war innenpolitisch durchaus riskant. Noch Nasser meinte im kleinen Kreis, dass man ihn töten würde, wenn er mit Israel über Frieden spräche. Dieses Schicksal sollte erst Sadat ereilen. Jerusalem jedenfalls misstraute den ersten Offerten Sadats. Außerdem wähnte man sich nach dem Sieg von 1967 in einer Position der Stärke, in der man keine Kompromisse nötig hatte.

Weitgehend übereinstimmend lautet heute die Interpretation, dass es des Yom-Kippur-Kriegs von 1973 bedurfte, um einerseits Israel vor Augen zu führen, dass es nicht unverwundbar war, und um andererseits die Selbstachtung Ägyptens wiederherzustellen. Erst damit wurden Verhandlungen auf gleicher Augenhöhe möglich.

Aus Sicht einer misstrauischen israelischen Öffentlichkeit machte Sadat den Weg zum Frieden frei, indem er den geradezu abenteuerlichen Schritt unternahm, als erster arabischer Staatschef vor der Knesset zu sprechen.

Sadat setzte sich damit nicht nur großen innenpolitischen Risiken aus, sondern wurde von mehreren Ostblockstaaten, die im Yom-Kippur-Krieg Ägypten unterstützt haben, mit Krieg bedroht. Ägypten wurde im Jahr des Friedensschlusses mit Israel für zehn Jahre aus der Arabischen Liga ausgeschlossen, wobei der Sitz der Liga von Kairo nach Tunis verlegt wurde.

Doch aus israelischer Sicht war Vertrauen geschaffen. Es mochte auch mit hineingespielt haben, dass man mit einem Frieden mit Ägypten den bislang stärksten Gegner neutralisieren konnte. Wenn der Preis für den Friedensvertrag die Rückgabe des Sinai war und man darüber hinaus den in punkto Nahostfrieden drängenden Carter gut stimmen konnte, schien das ein angemessener Preis zu sein.

Immerhin: Auch Begin bekam den Zorn von Teilen der rechten Parteien zu spüren. Die Siedler im Sinai leisteten erbitterten Widerstand gegen den bevorstehenden Abzug. Die Verhandlungen von Camp David wurden 1978 dennoch erfolgreich abgeschlossen und der eigentliche Friedensvertrag im folgenden Jahr 1979 in Washington paraphiert.

Damit hatte ein Falke den Frieden mit einem arabischen Land zustande gebracht.

Doch der Sieg des Likud in 1977 stellte eine doppelte Zäsur in der israelischen Geschichte dar. Denn seit der Staatsgründung von 1948 waren die Regierungen von der Arbeiterpartei oder einer Koalition der Linken gebildet worden. Mit dem Sieg des Likud veränderte sich nicht nur die Sitzverteilung in der Knesset, sondern ging auch eine Veränderung der politisch-gesellschaftlichen Landschaft einher.

Mit dem Trauma des Yom-Kippur-Kriegs kehrten erstmals die alten jüdischen Selbstzweifel wieder. Begin, der aus Osteuropa stammte und dessen Vater, Mutter und Bruder im Holocaust ermordet wurden, verstärkte durch diese Prägung das sich verändernde gesellschaftliche Selbstverständnis.

Anstelle des Mottos von Israels geistigem Vater Theodor Herzl „Wenn Du es willst, kannst Du es schaffen“ drängte sich mehr und mehr das zweifelnde, fatalistische „Kacha Ma`Laasot“ in den Vordergrund (Man kann nichts machen, die Dinge sind wie sie sind, was bedeutete: Die Juden bleiben ewig die Unterdrückten und Verfolgten).

Neben Nationalismus und Religion trat der Holocaust als neues Identifikationsmuster in den Vordergrund. Dessen Symbol war die Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem. Der amerikanisch-jüdische Nahostexperte Thomas Friedman meinte einmal, Israel sei Yad-Vashem plus F-16. Der Kibbuz Degania jedenfalls trat in den Hintergrund.

So eine Mentalität birgt Gefahren. Wer sich stets schwach und mit dem Rücken an der Wand sieht, verkennt seine Handlungsspielräume. Wer sich schwächer sieht, als er ist, neigt zu Überreaktionen.

Allenthalben meinte man die Lehren aus dem Holocaust ziehen zu müssen. Zurückstecken, nachgeben, Kompromisse schließen wurde auf politischem Feld noch schwieriger, als es ohnehin schon war.

Die Ausnahmesituation des Yom-Kippur-Kriegs machte den Frieden mit Ägypten möglich. Doch der Terror der PLO und anderer arabischer Widerstandsbewegungen wurde aus israelischer Sicht gleichgesetzt mit den Vernichtungsabsichten der Nazis. Das machte Begin kompromisslos gegenüber den Palästinensern.

Daher wurde es auch nichts mit der im Camp David Abkommen geforderten Autonomie für die Palästinenser.

Stattdessen blieb Begin seiner Agenda nach einem Groß-Israel treu und unterstützte die Siedlungsbewegung vor allem im Westjordanland, also dem biblischen Judäa und Samaria, nach Kräften.

Im April 1982 führte eine palästinensische Splittergruppe, die nicht zur PLO gehörte, ein Attentat auf den israelischen Botschafter in London durch.

Premierminister Begin war darüber informiert, dass es nicht Arafats PLO war. Dennoch nahm er diesen Vorgang zum Anlass, im Libanon einzumarschieren. Dort hatte sich die PLO seit langem festgesetzt und war inzwischen zum Staat im Staat geworden. Insbesondere im Süden, entlang der israelischen Grenze, hatte die PLO Israel immer wieder Nadelstiche versetzt.

Während israelische Verbände auf Beirut marschierten, sandte Begin einen Brief an Ronald Reagan, der in der Zwischenzeit Jimmy Carter abgelöst hatte. Er fühle sich, schrieb Begin, als würde er auf Berlin marschieren, um Hitler aus seinem Bunker zu holen.

Wer nie aus seinem Bunker kam, und das kann man ihm angesichts seiner Lebensgeschichte vielleicht nicht vorwerfen, war Begin selbst.

Infolge des desaströsen Libanonkriegs und dem Tod seiner Frau trat Menachem Begin vor die Knesset und erklärte seinen Rücktritt mit den Worten “Eyni yachol” – Ich kann nicht mehr.

Er zog sich vollkommen aus dem öffentlichen Leben zurück und fristete in Jerusalem das Leben eines Einsiedlers.

Bis zu seinem Tod gab er keine Erklärung zu seinem Rücktritt ab.

Menachem Begin war ein Falke, ja. Ein Hardliner. Terrorist. Er war auch dies: Sentimental. Schwach. Ein vom Leben Geschlagener. Der Frieden machte. Und Krieg.

– Schlesinger

( Photos Etzel Anschläge/ Wanted: Flickr CC Lizenz; Sadat: Wikipedia CC Lizenz; Begin: Wikipedia CC Lizenz)

(Bild: (c) courtesy Randall Stoltzfus)

[ Lesehinweis: Die allgemeinen Informationen hinsichtlich des Camp-David-Abkommens können u.a. gut in der englischen Wikipedia nachgelesen werden. Hier sollen hinsichtlich der Ausgangsfragestellung andere, weniger bekannte Aspekte aufgezeigt werden, die wegen der Kürze eines Blogs naturgemäß sehr unzulänglich ausfallen müssen. Es soll hier lediglich ein Gespür dafür vermittelt werden, was es mit den allzu schablonenhaften Kategorien wie Hardliner, Linke, Falken etc. auf sich hat. Oder nicht auf sich hat.]

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(Schriftsteller, Literatur-Nobelpreisträger 1929. Zu den Gründen der Faszination, die Amerika auf Europäer ausübt.)

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