Zitat des Tages:

  Die Moslems innerhalb und außerhalb Palästinas begrüßen das neue [nationalsozialistische] Regime in Deutschland und hoffen, daß sich die faschistische, antidemokratische Staatsführung auch auf andere Länder ausdehnt.

Amin Al-Husseini
(Großmufti von Jerusalem v. 1921-51. Husseini suchte die Partnerschaft mit Hitler, um den arabischen Nationalismus auch gegen die jüdischen Immigranten zu befördern)

 

Der patriotische Befreiungskampf der Hamas

Der Titel gibt eine These wieder, die nicht wenigen Kommentaren zum aktuellen Krieg offen oder insgeheim zugrunde liegt. Deswegen muss sie noch lange nicht stimmen. Und: Deswegen muss sich noch lange nicht falsch sein.

Ich meine: Israel trägt eine größere Schuld an der aktuellen Lage.

Aber deshalb müssen die Debatten nicht mit verdrehten Argumenten geführt werden.

Lesehinweis: Dies ist keine Rechtfertigungsschrift zugunsten Israels. Es ist alles andere als eine Gesamtdarstellung des Konflikts. Der Kommentar konzentriert sich auf ein Mißverständnis zur  Hamas – aber lesen Sie selbst.

Komplexität verführt zur Einfachheit

Kaum ein Konflikt lädt so stark zur Parteilichkeit ein wie der Nahostkonflikt.

Zugleich gibt es kaum einen Konflikt, der so komplex ist wie dieser.

Dennoch tendieren zahlreiche Berichte wenn nicht zur Schwarz-Weiss-Malerei, dann doch zur Dunkelgrau-Altweiß-Malerei.

Das liegt in der Natur des Beobachters begründet – also des Menschen. Wenige Dinge sind unangenehmer als Ungewißheit. Das gilt in allen Lebenslagen. Kann ich meinem Partner vertrauen? Ist mein Arbeitsplatz sicher? Kann ich auf meine Freunde zählen?

Diese Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Die Frage, die uns derzeit umtreibt ist: Wer hat Schuld am Krieg? Oder, noch einfacher: Wer ist der Böse?

Aber wie für die eingangs gestellten vermeintlich trivialen Fragen gilt auch für diese schwerwiegende Frage die Neigung, kein “vielleicht” zuzulassen.

Wie auf dem Kriegsschauplatz Gaza gilt aber auch auf dem Schauplatz der Berichterstattung: Nur keine Schwäche zeigen.

Nahostkonflikt ist keine griechische Tragödie

Klassische griechische Tragödien, in denen die Akteure in ihren Motiven gleich berechtigt sind und das Unheil sich gerade aufgrund dieser gleich verständlichen Antriebe seinen Lauf nimmt, sind gut fürs Theater, aber unbeliebt in der Realpolitik, wenn politische Kommentatoren zu klaren Beschreibungen kommen wollen.

Der Kommentator argwöhnt sich selbst gegenüber insgeheim einen Mangel an Urteilskraft, käme er zu keinem klaren Ergebnis pro oder contra. So nötigt er sich in aller Regel dazu, seine Argumente so weit zu spinnen, dass entweder das eine oder das andere dabei herauskommt.

Ambiguitätstoleranz, also die Fähigkeit, Zweideutigkeiten, Mehrdeutigkeiten oder Widersprüchlichkeiten von wahrgenommenen Phänomenen auszuhalten, ist eine schöne Sache für Padagogik oder Soziologie, aber eine Sache, der der Alltagsmensch eher ausweicht.

Nun ist der Nahostkonflikt keine griechische Tragödie. Die Klassiker der Bühne sind transparent und die Motive der Handelnden liegen klar zutage. Leider trifft das im israelisch-palästinensischen Konflikt nicht zu.

Er ist viel komplizierter, da nicht nur eine Vielzahl gleich oder wenigstens ähnlich berechtigter Motive aufeinander treffen, sondern auch eine Vielzahl an Zielen mehr oder weniger verborgen sind. Was aber nicht zweifelsfrei erkennbar ist, wird in hohem Maße Gegenstand von Interpretation oder Spekulation.

Welcher Kommentator würde einräumen, dass er spekuliert? Nur wenige geben zu, sie seien sich einer These nicht sicher, oder wünschten sich bezüglich der einen oder anderen Schlußfolgerung eine etwas handfestere Grundlage für ihre Argumente.

Nun einige Aspekte aus der Praxis.

Palästinensischen Faschismus darf es nicht geben

Irritierend ist nicht nur der Umgang mit interpretationsbedürftigen Dingen. Schlimmer noch: Selbst ganz offen zutage liegendes wird seitens mancher Beobachter aus wiederum nicht ganz offenen Gründen uminterpretiert.

Ein Beispiel hierfür ist die Charta der Hamas.

Sie erklärt unumwunden und umfangreich den Kampf gegen Israel und die Juden als eines ihrer zentralen Anliegen. Diese Zielsetzung inklusive dezidierter Tötungsabsicht, die man freilich unter Art. 3c Völkermordkonvention “Aufstachelung zum Völkermord” subsumieren kann, die für westliche Ohren schwer fasslich sein müsste, wird erstaunlich oft  von denen ausgeklammert,  die in den Aktionen der Hamas einen unbedingt gerechtfertigten, bisweilen patriotischen Widerstandskampf gegen Israel sehen möchten.

Paradoxerweise ist es oft die “Linke”, die sich dieser Haltung hingibt. Paradox deswegen, weil sich dieselbe Linke zumeist auch im Kampf gegen den Faschismus sieht.

Doch just bei der Hamas findet man mühelos zahlreiche Attribute des Faschismus:

  • eine populistische Herrschaftsform mit ausgepägten Führerkult (vgl. Scheich Yasin)
  • Ästhetisierung von Politik (Massenveranstaltungen, Embleme, Fahnen, Spektakel)
  • voluntaristischer Zug (Ideologie vor Rationalität)
  • Verherrlichung von Gewalt (s. Charta)
  • Expansionsbestreben (s. Charta: Ausdehnung bis nach Jordanien)

Doch auch hier gilt: Da man jeden palästinensischen Widerstand gegen Israel angesichts der (nicht geringen) Verfehlungen Israels gutheißen möchte, werden selbst solche offenkundigen Phänomene ignoriert oder uminterpretiert.

Israels Aktionen müssen mit möglichst harten Worten beschrieben werden

Die harten Formulierungen zum Krieg, um es vorsichtig zu formulieren, sind offenbar ausschliesslich für Israel reserviert. Das mag jedem Kommentator insofern leicht fallen, als man täglich mit den zivilen Toten und Verwundeten konfrontiert ist, die die israelische Armee in der Zivilbevölkerung verursacht. Der Einsatz von völkerrechtlich verbotener Munition wie Weissem Phosphor oder – wie gestern – die Bombardierung von Gebäuden, in denen sich nur Flüchtlinge befinden, tut ein übriges, um diese Haltung zu zementieren.

Dies und eine inzwischen kaum zu übersehende Unverhältnismäßigkeit soll um nichts in Abrede gestellt zu werden.

Irritierend ist allerdings die regelmäßig anzutreffende Aufrechnung von “echten” Opfern auf palästinensischer Seite und “virtuellen” Opfern auf israelischer Seite. Die Israelis, so war kürzlich auf einem  Blog zu lesen, hätten den Krieg aufgrund des “Sylvesterraketen”- Beschusses der Hamas vorsätzlich begonnen. Nur ein zynischer Kommentator kommt auf die Idee, den Raketenterror der Hamas (oder Qassam-Brigaden oder Al-Quds-Brigaden) nur deshalb milde zu betrachten, weil er relativ wenig Tote mit sich bringt.

Aus den Schilderungen von Psychologen und Ärzten, die vor Ort in israelischen Städten behandeln, erfährt man das ganze Ausmaß an seelischen Schäden, die durch diesen Terror verusacht werden. Wir reden nicht von ein paar Patienten, sondern im Fall von Sderot von rund einem Drittel der erwachsenen Bevölkerung und einem Großteil der Kinder, die unter psychischen Störungen leiden, die denen von aus dem Irak heimkehrenden US Soldaten ähneln.

Nochmals: Es geht hier nicht darum, die Auswirkungen der Hamas-Raketen als schlimmer darzustellen als die Auswirkungen der Kriegsaktionen Israels. Es geht darum, Dinge nicht klein zu reden, nur weil sie nicht in das eigene Bild passen.

Kassam-Raketen sind nur Warnschüsse

Zudem sollte man sich nicht der Illusion hingeben, die Kassam-Raketen würden nur als eine Art Warnschuss abgegeben.

Schon heute reicht der Beschuss bis in die Negev-Stadt Beersheva. Wenig mehr, und die Raketen können die Nuklearanlage in Dimona erreichen. Unvorstellbar. Und ebenso gewiß, dass die Hamas diese Chance sofort nutzen würde.

Gelangt die Hamas hypothetisch gesprochen morgen (also nach der ersten Generation selbstgebastelter Raketen und der jetzigen Generation iranischer und chinesischer GRAD-Raketen) in den Besitz noch präziserer und weiter reichender Waffen, so wird morgen ein Massaker in Israel stattfinden, das allen die Schamesröte ins Gesicht treiben würde, die heute noch die Hamas als Verfechter der palästinensischen Sache angesehen haben. Das ist eine Annahme, zugegeben. Eine Unterstellung, könnte man meinen. Zugegeben. Aber es ist nichts anderes als die Wiedergabe der durch die Hamas selbst deklarierten Ziele. Das sollte dazu gesagt werden.

Die arabische Einheitsfront

Selbstverständlich haben sich die Hisbollah unter Hassan Nasrallah und Irans Präsident Achmadinedschad lautstark gemeldet, als Israel gegen Gaza ins Feld zog. Auch Syriens Präsident Assad ging auf Distanz zu Israel, nachdem über Monate vorsichtige Annäherungen stattfanden. Die Türkei hat ebenfalls deutlich Kritik an Jerusalem geäußert.

Wer objektiv berichten will, muss auch die innerarabischen Kritiker der Hamas zu Wort kommen lassen, von denen es erstaunlich viele gibt. Nicht nur Ägyptens Mubarak hat sich aus naheliegenden Gründen kritisch geäußert (er fürchtet die Verbindung der Hamas zur ägyptischen Muslimbruderschaft), sondern auch Saudi-Arabien, Palästinenserpräsident Abbas und eine Reihe arabischer Zeitungen und Fernsehstationen.

Israel hat die Palästinenser radikalisiert

Zurecht wird in vielen Beiträgen darauf verwiesen, Israel habe zur Radikalisierung unter den Palästinensern beigetragen, und damit zum Aufstieg der Hamas (so auch wir).

Dabei wird aber häufig eine entscheidende Differenzierung nicht vorgenommen: Die Hamas ist nicht der legitime Vertreter der palästinensischen Sache. Sie wurde nicht “demokratisch” gewählt, sondern nur “mehrheitlich”.

Was ist “die palästinensische Sache” und warum wird sie nicht durch die Hamas vertreten?

Die “palästinensische Sache” besteht verkürzt dargestellt im natürlichen Recht auf Selbstbestimmung, so wie es längst durch die Vereinten Nationen festgestellt wurde. Sie besteht in einem Anrecht auf eine selbstbestimmte Gestaltung des kulturellen und wirtschaftlichen Lebens, das durch eine fortgesetzte und immer wieder neue israelische Blockadepolitik weder im Gazastreifen verwirklicht werden kann, noch in der Westbank, da die dort widerrechtlich befindlichen Siedler in Verbund mit ihrem militärischen Schutz in vielfacher repressiver Weise tief in den Alltag der Palästinenser eingreifen.

Die palästinensisch-levantinische Gesellschaft pflegt seit langen Jahrzehnten eine gemäßigte, man kann sagen weltoffene islamische Kultur.

Die Hamas hingegen kämpft für eine fundamentalistisch-islamistische Umformung dieser Gesellschaft.

Aber nicht dafür hat sie ein Mandat – sie macht es allerdings dazu -, sondern weil sie sich der Bevölkerung gegenüber mit Erfolg als diejenige Kraft positioniert hat, die sich vermeintlich vehementer gegen die israelische Unterdrückung wendet. Sodann, weil sie sich jahrzehntelang als der hilfsbereite Samariter darzustellen wußte, eine Methode, die schon auf die Gründungszeit der Muslimischen Bruderschaft zurückgeht.

In der Beurteilung der Hamas tut man demnach gut daran, genau zu unterscheiden zwischen den Gründen, aus denen sie zur Macht gelangt ist und den Handlungen, die sie aufgrund ihrer ureigensten Motive vornimmt.

Aus dem Gesagten folgt in puncto Hamas zumindest ein Schluß: Der Westen kann kein Interesse daran haben, diese Organisation als legitimen und / oder dauerhaften Vertreter der palästinensischen Sache anzusehen. Israel hatte dieses Interesse noch nie. Viele Palästinenser ebenfalls nicht.

Die Sache wird nicht dadurch weniger kompliziert, als sich einige Palästinenser dieser Bewegung nur aus dem Grund anschliessen, die Okkupation endlich aufzubrechen oder aufgrund des leidlich funktionierenden Netzwerks der Organisation ihre Familie besser versorgt zu wissen.

Das ändert aber nichts an einer politischen Bewertung der Hamas.

Wer sich nicht zum Helfershelfer einer totalitär und faschistisch orientierten Bewegung machen will, muss sich überlegen, wieweit er seine Kritik an Israel in eine offene oder klammheimliche Befürwortung der Hamas münden lassen will.

Denn spätestens dann wäre der Kommentar keine Analyse mehr – sondern bloß noch Politik.

– Schlesinger

PS.:

Solange Israel in der Hamas oder der Hizbollah einen unerbittlichen Feind hat, ist die Weltöffentlichkeit vom Siedlerproblem abgelenkt. Insofern wäre es beinahe erstaunlich, würde Israel den Krieg bis zum bitteren Ende der Hamas auskämpfen. Ginge es nach Olmert: Vielleicht ja. Geht es nach Barak oder Livni: Eher nein. Aber das ist ein anderes Thema.

PS. 2:

Sari Nusseibeh, der palästinensische Präsident der Al-Kuds-Universität in Jerusalem, beschrieb die Charta der Hamas als “direkt aus dem Stürmer entsprungen“. Ein wahres Wort.

PS 3.: Macht das Gesagte die Fatah besser oder ändert es etwas an deren jahre- und jehrzehntelanger Korrumption? Nein, aber um die Fatah ging es hier nicht. Um es simpel zu formulieren: Nur weil die Palästinenser in Gaza innenpolitisch aus dem Regen gekommen sind, gibt es für uns keinen Grund, die Traufe zu bejubeln.

Leseempfehlungen:

Israel will Hamas ausmerzen

Israelische Armee kämpft in Gaza Stadt

Spiegelfechter: Das hässliche Gesicht Israels

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