Israelische Armee kämpft in Gaza-Stadt

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Humanitäre Lage katastrophal

Mit jedem Tag verschlimmert sich die Lage der Zivilbevölkerung. Die israelische Armee hat den Gazastreifen zerteilt und verhindert jede Bewegung von Nord nach Süd.

Mit anderen Worten: Die Bewohner von Gaza sind eingeschlossen und dem Beschuss wehrlos ausgesetzt. Mit Hinweisen auf die Verfolgung der Hamaskämpfer oder einem Unterbinden von deren Flucht lässt sich das nicht mehr rechtfertigen.

Dazu morgen mehr.

Kampfmotivation à la Hamas

Unten haben wir über die unpassenden romantischen Bilder der New York Times berichtet. Auf Youtube stößt man auf Videos der Hamas, die offenbar die Kampfbereitschaft ihrer Soldaten fördern sollen. Anschauen und auf sich wirken lassen. Das Beispiel ist wirklich harmlos.

B3-Berichterstattung

So kann (muss aber nicht immer) Information à la öffentlich-rechtlichem Fernsehen aussehen. Auf Bayern 3 war soeben (21.15) der Moderator mit dem Korrespondenten vor Ort verbunden, um die Frage zu stellen, welche Gefahren der israelischen Armee drohten, nachdem sie nun einmarschiert sei. Die Frage verblüffte mich so sehr, dass ich glatt die Antwort verpasste. Als nächstes wurde gefragt, wie lange der Krieg noch dauern würde. Als Antwort auf diese nicht minder seltsame Frage bekam man zu hören, dass man in Israel keine langen Kriege möge. Dazu kamen oberflächliche Hinweise auf den Sechtagekrieg. Sodann die Frage nach den Zielen Israels. Antwort: Eins jedenfalls nicht: Die Hamas entmachten. Große Verwirrung beim Zuschauer. Jedenfalls bei dem, der vor meinem Fernseher saß. Schließlich die Frage, welche Auswirkungen das alles auf die anstehenden israelischen Wahlen im Februar haben könnte. Worauf die einzig substantielle, wenngleich hinlänglich bekannte Information kam: Ehud Baraks Arbeiterpartei hätte in Umfragen stark hinzugewonnen, und er habe gar Aussicht, das Ministerpräsidentenamt erreichen zu können.

Das Interview erinnerte mich an die kolossale Fehlleistung des braven Ulrich Wickert, der als Nachrichtensprecher auf Sendung sozusagen mitten in den Anschlag von 9/11 geriet und via Telefon eine Augenzeugin aus der Umgebung der Türme nach langem Überlegen tatsächlich als erstes fragte „War es laut?“

Kann Hamas abgeschreckt werden?

Niemand wird ernstlich annehmen, dass man die Hamas vollständig ausschalten kann. Damit bleibt die Frage nach der „Langzeitwirkung“ der israelischen Strafaktion – man kann es so nennen: Strafaktion.

Der US Blogger Noah Pollack vom Commentary Magazine sieht drei Hauptziele Israels: Die Hamas lokal von der Grenze wegzuhalten, so dass keine Attacken mehr möglich sind; führende Mitglieder der Organisation zu eliminieren und die Hamas von künftigen Angriffen abzuschrecken. Pollack scheint von der Möglichkeit auszugehen, letzteres sei möglich:

Nobody knows at this moment whether Hamas is deterrable [abschreckbar].

Die Erreichbarkeit der genannten Ziele scheint mir in allen drei Punkten zweifelhaft. Ein künftiger Beschuss könnte nur unterbunden werden, wenn es 1. einen selbstauferlegten Gewaltverzicht gäbe (kaum), 2. keine Kämpfer gäbe, die die Raketen abfeuern könnten (kaum) oder 3. keine Raketen mehr gäbe (kaum).

Was die Abschreckung anbelangt, darf man einen biblischen Spruch im Negativen anwenden: Deren Reich ist nicht von dieser Welt. Sie sagen es nicht nur, sondern agieren auch so.

Als Bekräftigung dieser Meinung mag der Artikel des Jerusalem-Post Bloggers Amir Mizroch über den vor wenigen Tagen von der IDF liquidierten unerbittlichen Hamas-Führer Nizar Rayyan gelten (Zitat: “We will never recognize Israel. There is nothing called Israel, neither in reality nor in the imagination.”) Mag sich Ismael Hanija bisweilen gemäßigt geben, seine militärischen Kader sind es nicht. Rayyan hat seinen eigenen Sohn als Selbstmordattentäter losgeschickt. Das kann man nur als Entschlossenheit in höchstem Maß bezeichnen – so oder so.

Eine nicht genannte Variante könnte erfolgreich sein. Die Hamas soweit dezimieren, um an ihrer Stelle eine hoffentlich effizientere Fatah wieder einsetzen zu können.

Und mögen sich Jerusalem und Washington dann weiser zeigen, Abbas nicht mehr nach Kräften schwächen, wie sich es nach dem Tod Arafats mit großer Energie und zum Gefallen der Hamas taten.

Setzt Israel Streubomben ein?

Im Mai 2008 haben sich in Dublin 100 Nationen auf die Ächtung von Streubomben geeinigt. Bei den Verhandlungen waren die größten Produzenten USA, Rußland, aber auch Israel, China und Indien nicht dabei und haben nicht unterzeichnet.

Israel wurde für den Einsatz dieser Munition im Libanonkrieg 2006 heftig kritisiert.

Nun sieht es ganz danach aus, als würde die flächendeckend zerstörende Munition wieder zum Einsatz kommen. Charakteristisch ist die Zerlegung des Hauptwaffenträgers auf halbem Weg (siehe Bild rechts oben), um sich dann in zahlreiche einzelne, nicht mehr präzise treffende Kleinstgeschosse aufzuteilen.

Nachtrag oder Korrektur: Möglicherweise handelt es sich bei dem abgebildeten Munitionstyp nicht um Streu- sondern um prinzipiell ebenfalls geächtete Phosphorbomben (Brandbomben), wie die Basler Zeitung berichtet:

„Weisser Phosphor ist hochentzündlich und brennt, sobald die Substanz mit Sauerstoff zusammenkommt. Laut Genfer Abkommen dürfen Phosphor-Bomben als Nebelgranaten verwendet werden. Bei Menschen kann dies zu schwersten Verbrennungen führen. […]

Jetzt werden die Granaten auch von den Israeli im Gaza-Streifen – einem der dichtest besiedelten Gebiete der Erde – verwendet, schreiben verschiedenste Medien. Und zwar als Nebelgranaten als Teil einer Verschleierungstaktik, um ihre Angriffe zu vernebeln.

Offiziell verneint die Armee laut der «Times» den Einsatz dieser Bomben. Und lässt durch einen Sprecher mitteilen: «Israel verwendet nur Munition, die durch internationales Recht zugelassen sind.»“

Der Papst schweigt – wie immer

„Die Stimme des Papstes und der Weltkirche“ – so der Untertitel von Radio Vatikan – hat zum Krieg in Nahost tatsächlich gar nichts zu sagen.

Papst-Sprecher Federico Lombardi erklärt zur Finanzkrise:

„Dem Papst geht es jetzt um ein neues Entwicklungsmodell – es wird, wie er am 1. Januar gesagt hat, nicht nur wegen der Finanzkrise nötig, sondern auch wegen des ökologischen Zustands des Planeten und wegen einer umfassenden kulturell-moralischen Krise.

Das ist doch eine starke Botschaft für das neue Jahr! Da wird der Spieß umgedreht – statt Zukunftsangst das Engagement für den Bau einer besseren Zukunft!“

Ist das nicht STARK? Wie sich der Stellvertreter des Herrn mit lässiger Jugendlichen-Sprache optimistisch wiedergeben lässt? Bemerkenswert nur, dass die Kirche der Krise ebenso ratlos hinterhertrottet wie jeder x-beliebige andere Akteur auf Erden. Aber das ist ein anderes Thema.

Sodann geht es um die Revolutionsfeiern auf Kuba, um die Aussendung der Sternsinger, dass die Kirche von Galilei gelernt habe, das Jahr der Heiligen Bernadette komme – nachdem das Jubeljahr von Lourdes vorbei sei! -, und, hört, Menschen in Gaza sich wegen der „Fliegerangriffe nicht aus dem Haus“ trauten. Ist das nicht furchtbar?

Papst Benedikt ist wie Angela Merkel: Opportunistisch. Hat Fr. Merkel je etwas gesagt zur Okkupation der Westbank? Oder eine frühere Regierung? Bitte senden Sie mir Hinweise.

Nachtrag: Tatsächlich hat der Papst sich vor 1 Stunde geäußert. Mit einer Anmerkung aus der Konservendose, brav für Omilein verpackt: Bitten wir also, dass das Kind in der Krippe die Autoritäten und Verantwortlichen beider Seiten, der israelischen wie der palästinensischen, zu sofortigem Handeln anregt, um der aktuellen tragischen Lage ein Ende zu setzen.

So hat man auch in Kriegszeiten noch etwas zu Lachen, wenngleich es höhnisch ausfallen muss angesichts solcher Reden.

NEW YORK TIMES schweigt

„After more than eight days of Israeli bombing and Hamas rocket launching in Gaza, most notably, The New York Times had produced exactly one editorial, not a single commentary by any of its columnists, and only one op-ed“, legt Greg Mitchell von der Huffington Post dar. Und tatsächlich hält sich die bedeutendste Zeitung der Welt in beschämendem Maße zurück, was die Berichterstattung anbelangt. Auch heute, in ihrem jüngsten Bericht, wird der merkwürdig neutrale, beinahe desinteressiert wirkende Beitrag eingeleitet von einem idyllisch anmutenden Photo, auf dem israelische Soldaten bei romantisch warmem Licht im Sonnenunterang Zünder in Artilleriegranaten schrauben. Hier zu sehen.

Wieso zeigt die New York Times nicht dieses hier:

Oder dieses:

Weil man sich nach acht Jahren Bush zu sehr an weichgespülte Berichterstattung aus dem Krieg gewöhnt hat?

Wieso zeigen die Süddeutsche, der Spiegel, die FAZ, die ZEIT, ARD, ZDF nicht solche Bilder?

Weil unsere Medien uns eine obszöne, vorgegaukelte, ästhetische, pornografierte Hollywood-Massaker-Wahrheit jederzeit zumuten, aber die wirkliche Wirklichkeit doch lieber in Watte verpacken.

Man könnte vor lauter Ekel den nächsten Artikel nicht mehr lesen, den nächsten Beitrag nicht mehr sehen wollen. Das könnte die Auflage, die Einschaltquote beeinträchtigen! Nicht wahr?

Zehntausende Reservisten werden eingezogen

Wie das israelische Zweite Fernsehen mitteilte, werden aktuell zehntausende Reservisten einberufen.

In der Nacht flog die Luftwaffe zahlreiche Angriffe, um das Vordringen der Armee zu erleichtern.

Offenbar befinden sich Panzer bereits in Gaza-Stadt im direkten Gefecht mit der Hamas.

Die Luftwaffe hat Tausende von Flugblättern über Gaza abgeworfen und die Bevölkerung aufgefordert, in Kellern Schutz zu suchen oder die Stadt zu verlassen und der Hamas keine Unterstützung zu gewähren.

Keine Kriegsberichterstattung

Trotz massiver Proteste und einem Gerichtsbeschluss des Obersten israelischen Gerichtshofs lässt das israelische Militär keine Journalisten in den Gazastreifen.

Versehentliche Tötung von Metallarbeitern

Dass es so etwas wie „chirurgische Eingriffe“ trotz High-Tech-Waffen nicht geben kann, zeigt die Tötung von mehreren Palästinensern, die ihren LKW mit Gasflaschen aus der Schweisserei beladen wollten. Die Armee beobachtete diesen Vorgang mittels einer Beobachtungsdrohne und kam irrtümlich zu der Interpretation, es handle sich um die Verladung von Raketen. Eine präzise ins Ziel gelenkte Rakete tötete mehrere Zivilisten:

— Schlesinger / Bigdaddy

Beginn dieses Blogs unter: Krieg in Gaza.
(Photo Streubombe: Huffington
Post)
(Photo: 2x Amir
Ebrahimi)
(Photo: 2. Israelisches Fernsehen)
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Israel - Zitat des Tages

 At times it seems as if what Jews do to other jews in this country [Israel] would be defined in any other country as nothing less than antisemtisim.

David Grossman
(Israelischer Autor. Man vergleiche das mit einer nicht untypischen Äußerung eines ultra-orthodoxen jüdischen Siedlers: "The Israeli secular entity has to be destroyed. God can't reveal himself until it's all wiped out. As long as the state of Israel stays as it is, there will be no redemption." Shmuel Ben Yishai, Settler, Hebron (Interview CBS Frontline April 2005). Was der Siedler hier verlangt ist nichts weniger als die Beseitigung des Staates Israel.)

Presseschau Naher Osten (englisch)

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