Zitat des Tages:

  Die öffentliche Weltmeinung ist immer auf Seiten der Unterdrückten. In diesem Kampf sind wir Goliath und sie sind David. In den Augen der Welt kämpfen die Palästinenser einen Befreiungskampf gegen eine feindliche Besatzung. Wir sind in ihrem Land, nicht sie in unserem. Wir siedeln auf ihrem Land, nicht sie auf unserem. Wir sind die Besatzer, sie sind die Opfer. Dies ist die objektive Situation und kein Propagandaminister (wie Herr Nachman Shai) kann dies ändern.

Uri Avneri
(10 Jahre Abgeordneter der Knesset, Friedensaktivist, Autor. Zur israelischen Unterstellung, die Araber würden ihre Kinder gegen israelische Soldaten einsetzen, damit sie getötet werden können, um Bilder für die Weltmedien zu produzieren.)

 

Israel: Krieg mit Hizbollah im Schatten der Finanzkrise?

Die Welt taumelt in einer ungeahnten Finanzkrise und alle Augen richten sich auf dieses Thema. Ein günstiger Moment, um alte Rechnungen zu begleichen.

Zum Beispiel die offene Rechnung zwischen Israel und der Hizbollah aus dem letzten Schlagabtausch im Südlibanon und Beirut in 2006.

Die Hizbollah konnte jene kurze, aber äußerst blutrünstige Auseinandersetzung insofern für sich verbuchen, als es der hochgerüsteten israelischen Armee IDF nicht gelang, den Gegner entscheidend zu schlagen.

Die Hizbollah hat allem Anschein nach die Anstrengungen vervielfacht, um ihre Positionen im Süden des Libanon weiter auzubauen. Dafür wurden mutmaßlich neue Waffensysteme wie die Rakete Fajr-5 (Reichweite 75 km) oder die Zelzal-2 (Reichweite 200 km, also bis Tel Aviv) erworben.

Dieser lauernden Gefahr sehen viele Israelis im Norden des Landes verständlicherweise mit großer Sorge entgegen. Man habe in 2006 den Fehler begangen, nicht mit allem was zur Verfügung stand, zugeschlagen zu haben:

“We should have gone in harder from the beginning”

We should have used everything at our disposal to defeat Hezbollah but instead we didn’t finish our job.”

Viele Israelis auf der rechten Seite des politischen Spektrums und allen voran Benjamin Netanjahu, der sich aktuell mit Aussicht auf Erfolg für das Amt des Ministerpräsidenten positioniert, forderten deshalb damals wie heute den “Job zu erledigen”:

Finish the job. Don’t do half the job.

Remove the threat by breaking Hezbollah’s fighting ability and destroying the missile arsenal.

That is the goal set by the government.

It’s the goal that everyone here supports.

Wie aber soll eine feindliche Armee unter den Kampfbedingungen von Stalingrad niedergerungen werden – die Hizbollah hatte sich im Südlibanon tatsächlich in ein tief gestaffeltes Grabensystem verschanzt -, wenn man nicht die zivile Bevölkerung in schwere Mitleidenschaft ziehen will?

Antwort: Gar nicht. Exakt zu diesem Schluß scheint auch die israelische Armeeführung gelangt zu sein.

“Shock and Awe” oder “Dahiyeh Doctrine”

Drei ranghohe israelische Offiziere haben aktuell die “Dahiyeh Doktrin” bekannt gegeben.

Dahiyeh ist der arabische Name für einen Vorort Beiruts, der in 2006 besonders hart umkämpft war.

Die Doktrin besagt: Bei der nächsten Auseinandersetzung werde man keinerlei Rücksicht nehmen. So beschreibt es der israelische Oberkommandierende des Nordabschnitts, General Gadi Eisenkot.

Man werde vielmehr mit “unproportionaler Feuerkraft” jeden Gegner unter Beschuss nehmen:

We will wield disproportionate power against every village from which shots are fired on Israel, and cause immense damage and destruction.

Um alle Zweifel an dieser Strategie auszuräumen, schiebt Eisenkot nach, dass dies keine Option, sondern ein bereits gebilligter Plan sei.

Im Libanonkrieg 2006 kamen über 1000 libanesische Zivilisten und 100 Israelis ums Leben. Die Zahl der Toten auf Seiten der Hizbollah wird auf 250 bis 1000 geschätzt. Die israelische Luftwaffe flog über 12.000 Einsätze. Im Libanon wurden 640 km Straße und 73 Brücken zerstört, 350 Schulen, 15.000 Häuser vollständig und ca. 130.000 zum Teil, der Internationale Flughafen von Beirut wurde schwer beschädigt,

Sollte es zu einem erneuten Schlagabtausch kommen, wird der Libanon dasselbe Schicksal wie in 2006 treffen, nur dass es dieses mal schlimmer werden würde.

Die Hizbollah jedenfalls droht Israel seit dem Frühjahr diesen Jahres, als mit Imad Mughniyeh einer ihrer Führer in Damaskus einem Attentat erlag, mit einem Angriff. Israel wird als Drahtzieher hinter dem Anschlag vermutet, was seitens Jerusalem abgestritten wird. Ebensogut kommt allerdings auch der syrische Geheimdient in Frage, der Hassan Nasrallah eine Lektion in Sachen Gefolgschaft erteilen wollte.

Libanon als israelische Staatsgeisel

Die relative Hilflosigkeit Israels im Feldzug des jahres 2000 zeigte sich vorrangig darin, den Staat Libanon für die Aggression der Hizbollah in Sippenhaft zu nehmen. Israel führte einen Krieg der verbrannten Erde in Südlibanon, entlang einer breiten Schneise nach Beirut sowie gegen zentrale Infrastrukturknoten.

Die Strategie hatte damals General Dan Chalutz geprägt: “we will turn Lebanon’s clock back 20 years“. Der damalige Oberbefehlhaber des Norabschnitts General Udi Adam betonte, dass es sich um einen Krieg gegen den Libanon handele: “This affair is between Israel and the state of Lebanon“.

Zwar ist zutreffend, dass die Hizbollah in Parlament und Regierung vertreten ist. Insofern sieht es auf den ersten Blick danach aus, als wäre ein Angriff der Hizbollah gleichzusetzen mit einem libanesischen Angriff.

Es ist aber eine Illusion anzunehmen, die Hizbollah ließe sich von der Regierung in Beirut an politischen oder militärischen Aktionen gegen Israel hindern. Dagegen wüßten sich im übrigen auch die einflussreichen Verbündete in Syrien und dem Iran zu wehren.

Reagiert Israel gegenüber künftigen Attacken der Hizbollah erneut mit einem Rundumschlag gegen den Libanon, würden die Uhren wahrscheinlich wirklich um Jahrzehnte zurückgestellt. Das wäre für Israel vielleicht eine kurzfristige Genugtuung. Aus strategischer Sicht wäre es die am wenigsten kluge Option. Jerusalem sollte so vernünftig sein, von einer Strategie abzusehen, die die zivile Bevölkerung massiv in Mitleidenschaft zieht. Am Irak und inzwischen in Afghanistan konnte und kann man ablesen, wie kontraproduktiv sich diese Vorgehensweise auswirkt.

In Israel ringen unterschiedliche Kräfte miteinander, wie man sich gegenüber den arabischen Kräften verhalten soll. Der zurück getretene Ministerpräsident Ehud Olmert hatte zuletzt versöhnliche Töne angeschlagen, die nicht bei allen Lagern im Land auf Beifall stießen. Vorgänge wie das Bombenattentat auf einen Siedler-Kritiker zeigen, welche radikalen und allen Arabern unversöhnlich gegenüber stehende Kräfte im Lande wirken.

Hizbollah will ein radikales Israel

Ginge es nach der Hizbollah, sollten sich die radikalen Kräfte in Israel durchsetzen. An einem Verhandlungsfrieden mit Israel ist die Hizbollah von sich aus kaum interessiert. Sie hätte nichts zu gewinnen, da sie sich nur über den Kampf gegen Israel definiert.

Zu einem Frieden mit Israel wird sie sich nur durch Druck seitens Syrien und dem Iran bewegen lassen.

Würde Israel dagegen angreifen oder sich zu einem Angriff provozieren lassen, wäre aus Sicht der Gotteskrieger ein Frieden in weiter Ferne.

Was für George W. Bush und Dick Cheney galt: Krieg als perfekte Ablenkung, um eine ganz andere Agenda weitgehend unbemerkt durchzusetzen, gilt für die Despoten an der Spitze von Hizbollah und Hamas im selben Maß. Sie führen in den Augen ihrer Landsleute und nicht weniger Beobachter im Westen einen vermeintlich ehren- und heldenhaften Krieg gegen die Besatzer, und zielen neben diesem Motiv immer stärker darauf ab, ihre radikale Form eines islamischen Gottestaates zu etablieren. Das aber ist eine Abkehr von den bisherigen libertären Formen islamischen Lebens in der Levante.

In Gaza ist diese aufgezwungene gesellschaftliche Revolution zum Leidwesen nennenswerter Bevölkerungsteile bereits weit fortgeschritten.

In Bezug auf die Hizbollah mag gelten: Israel würde sich mit jedem weiteren massiven Schlag gegen Nasrallah und der libanesischen Bevölkerung zu dessen Handlanger wider Willen machen.

– Schlesinger

(Photo: Jaume d'Urgell)

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