Zitat des Tages:

  Die Moslems innerhalb und außerhalb Palästinas begrüßen das neue [nationalsozialistische] Regime in Deutschland und hoffen, daß sich die faschistische, antidemokratische Staatsführung auch auf andere Länder ausdehnt.

Amin Al-Husseini
(Großmufti von Jerusalem v. 1921-51. Husseini suchte die Partnerschaft mit Hitler, um den arabischen Nationalismus auch gegen die jüdischen Immigranten zu befördern)

 

Israelische Dissidenten forderten 1967: Kein Diktatfrieden!

Wir sagen es laut und deutlich:

ein von Israel diktierter Frieden oder eine pax americana [...]

wird den Konflikt mit den arabischen Staaten nicht lösen;

er wird ihn höchstens einfrieren.

Die Schaffung eines Bantustan für die Araber aus Palästina wird [...]

die Palästinafrage nicht lösen wie auch die südafrikanischen Bantustans die Probleme nicht lösen können,

die aus dem rassistischen Charakter Südafrikas resultieren.

Dieses Zitat vom September 1967 (!) stammt aus der früheren Monatsschrift Mazpen, einer Publikation von einigen wenigen linken israelischen Abweichlern, die sich gegen die allumfassende Euphorie nach dem Sechstagekrieg stemmten und vor allem gegen die damit verbundene Besatzung arabischer Gebiete.

Ein paar Studenten hatten offenbar schon 1967 schon erkannt, was die Regierungen Israels von damals bis heute nicht wahr haben wollen.

Es kann keinen Frieden als Diktatfrieden geben.

Es kann keinen Frieden unter Besatzung geben.

– Schlesinger

Zitat aus: Michael Warschawski: An der Grenze, S. 48.
M. Warschawski ist Sohn eines orthodoxen Oberrabbiners aus Straßburg, der nach seiner Übersiedlung nach Israel in der Folge des Sechstagekriegs zum Antizionisten wurde.

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14. Mai 1948 Gründung Israels: Erobern und plündern

Staatgründer David Ben Gurion legte nie besonderen Wert darauf seine Absichten zu verschleiern.

Ende November 1947 beschlossen die Vereinten Nationen den sogenannten UN-Teilungsplan, der Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Teil trennen wollte.

Ben Gurion war mit dem Teilungsplan einverstanden, jedoch nicht in dem Sinne, dass er die dort gezogenen Grenzen akzeptiert hätte. Er wollte von den Vereinten Nationen nehmen, was er bekam, um später mehr daraus zu machen.

Zur ursprünglich vorgesehenen Trennung kam es ohnehin nicht. Die Vereinten Nationen hatten zwar einen Beschluss gefasst, aber keinerlei Vorkehrungen getroffen, um den Beschluss so umzusetzen wie er gedacht war. Die rivalisierenden Parteien der Juden und Araber fochten das Ergebnis aus.

Dabei war es keineswegs so, dass ein friedliches, im Werden begriffenes Israel grundlos von seinen arabischen Nachbarn angegriffen wurde.

Zu einem Angiff hatte sich das Arabische Hohe Kommitte erst sehr spät entschlossen, am 20. April 1948, also nur drei Wochen vor der Staatsgründung Israels. Ein Motiv dabei waren die massenhaften arabischen Flüchtlingsströme aus den Gebieten, die dem künftigen Israel zugespochen waren. In diesen 3 Wochen bis zur Staatsgründung Israels waren die Araber nicht in der Lage, sich auf einen Krieg vorzubereiten, während die israelischen Vorbereitungen längst auf vollen Touren liefen.

Für einige Gelassenheit auf israelischer Seite sorgte auch das Geheimabkommen Ben Gurions mit dem jordanischen König Abdullah. Jordanien dürfe die Westbank besetzen, und im Gegenzug nicht das künftige israelische Gebiet angreifen. Daran hat sich Abdullah gehalten. Damit war die mit Abstand stärkste arabische Truppe von vornherein paralysiert.** Lediglich die ägyptische Armee stellte eine Gefahr dar. Ihr mangelte es nicht an Ausrüstung, auf Ebene der kämpfenden Truppe wohl aber an Motivation und Koordination.

Israels Kräften gelang daher nicht nur die Abwehr der unkoordinierten, und – mit Ausnahme der Ägypter – überwiegend schlecht ausgebildeten und höchst mangelhaft ausgerüsteten arabischen Angreifer, sondern parallel dazu die massenhafte Vertreibung des Großteils der palästinensischen Zivilbevölkerung.

Amnon Neumann, ein israelischer Soldat, der nicht nur bei den Kämpfen dabei war, sondern aktiv an einem Massaker beteiligt war, erinnert sich:

Plünderungen im großen Stil

Dabei wurde die Bevölkerung nicht nur vertrieben, sondern systematisch ausgeplündert. An den Plünderungen beteiligte sich das Militär ebenso wie die jüdische Zivilbevölkerung.***

Im großen Stil wurde alles gestohlen, was sich aus den leeren Dörfern und arabischen Stadtteilen mitnehmen ließ: Haushaltsgeräte, Möbel, Geschirr, Vieh, Fahrzeuge. Oft kam es zu Übergriffen auf die Flüchtenden, die ihrer letzten Habe beraubt, oft geschlagen und manchmal gefoltert wurden, wie Ben Gurion in seinem Kriegstagebuch am 1. Mai – also zwei Wochen vor der Staatsgründung angesichts der Ereignisse in Haifa schrieb, wo 70.000 Araber vertrieben wurden:

There was a search for Arabs, they were seized, beaten, and also tortured.

Angesichts der israelischen Überlegenheit im Krieg und den beachtlichen Gebietsgewinnen wurde die Grenzfrage akut.

Am 13. Januar 1949, während der Waffenstillstandsverhandlungen mit Ägypten, meinte Ben Gurion:*

Vor der Gründung des Staates Israel, am Vorabend seiner Entstehung, war unser wichtigstes Interesse die Selbstverteidigung… Viele glauben dass wir immer noch in diesem Stadium sind.

Aber jetzt geht es um Eroberung, nicht mehr um Selbstverteidigung.

Was die Festlegung der Grenzen betrifft: Sie ist eine offene Frage. [...]

Keine Grenze ist absolut [...] also sind uns keine wirklichen Grenzen gesetzt.

Das Volk, das sich zuletzt den ungeheuerlichen deutschen Verbrechen von Entrechtung, Enteignung bis hin zum Holocaust ausgesetzt sah, hielt sich nun schadlos an den Arabern.

Der Holocaust der Deutschen war eine andere Dimension des Verbrechens. Die Vertreibung der Palästinenser bleibt dennoch ein Unrecht von tragischem Ausmaß. Solange Israel sich nicht offen dazu bekennt, scheint ein Friede mit den Palästinensern schwer möglich. So ein Bekenntnis wäre auch wichtig für den Seelenfrieden der Nation selbst.

Wie sagte der Vater von Amnon Neumann, ein einfacher Arbeiter, der mit der zweiten Einwanderungswelle nach Palästina gekommen war, als er von seinem Sohn erfahren musste, was geschah: “Das war nicht , was wir wollten. Vielleicht wollten es die zionistischen Führer. Das war aber nicht was ich wollte.”

Schlesinger

* Zit. aus Tom Segev, 1949 – Die ersten Israelis, S. 38

** Zu heftigen Kämpfen mit der “Arabischen Legion” Jordaniens kam es in Jerusalem, nachdem die Israelis unter anderem den arabischen Ortsteil Sheik Jarrah eroberten.

*** Angaben / Zitat aus: Simha Flapan, Journal of Palestine Studies, Vol. 16, No. 4, 1987, S. 14 Weitere Details zu den Plünderungen siehe auch bei Segev: Die ersten Israelis.

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Zionismus ist in. Judaismus ist in. Und Gott mit uns!

Der Gaza-Krieg hatte eine Hymne. Wußten Sie das?

Die Hymne stammt von dem israelischen Künstler Mosh Ben-Ari. Das Motto des Lieds kommt aus der Bibel, Psalm 121:

Meine Hilfe ist von Gott
Schöpfer des Himmels und der Erde
Er wird nicht zulassen, dass dein Fuß wankt
Dein Wächter wird nicht schlummern
Denn seht, weder schlummert noch schläft Er
der Wächter Israels.

So cool kann Chauvinismus sein

Mosh Ben-Ari: Die Hymne zum Krieg

Caroline Glick, reaktionäre Publizistin, ehemalige Beraterin von Ministerpräsident Netanjahu und Mitherausgeberin der konservativen Jerusalem Post, posaunte unlängst mit viel Stolz, das Lied von Ben-Ari sei die “inoffizielle Nationahymne der Operation Gegossenes Blei*” gewesen. Das habe den sehr cool aussehenden Dreadlock-Träger Ben-Ari zum “Superstar” in Israel gemacht.

Glick erinnert den Leser an die unseligen 90er-Jahre. Damals habe der Post-Zionismus um sich gegriffen. “Radikale” wie Yossi Beilin oder Avraham Burg oder Shulamit Aloni hätten die politische Debatte bestimmt. Und diese Debatte sei defätistisch gewesen, pro-palästinensisch, verträumt, unrealistisch, kurzum: gegen Israel gerichtet.

Wie man die Beilins, Burgs oder Shulamits  als Radikale bezeichnen kann, bleibt ein Geheimnis von NeoCons wie Glick, die im Übrigen auch kein Problem damit hat, ihre Scheuklappen-Ideologie offen zum Ausdruck zu bringen.**

Sie folgt dem Motto “Wenn die historischen Tatsachen nicht mit meiner Ideologie übereinstimmen – umso schlimmer für die Tatsachen!” Denn eine Mitschuld an der Misere der Neunziger hätten die sogenannten “jungen Historiker” gehabt. Die hätten in den Unterlagen des Staatsgründers David Ben-Gurion “herumgeschnüffelt”, um nachzuweisen, dass er “Dreck am Stecken” oder “Leichen im Keller” habe.

Diese Formulierungen lassen jeden erschauern, der an den historischen Tatsachen interessiert ist. Frau Glick duldet Historiker nur so lange, wie sie die schönen Propaganda-Geschichten vom ewigen kleinen David gegen den ewig niederträchtigen arabischen Goliath liefern. Diese Geschichten hat Israel der Welt über Jahrzehnte mit einigem Erfolg präsentiert.

Nur: Außerhalb Israels mag man diese Geschichten vom kleinen David kaum mehr glauben. Dort liest man die Bücher der “jungen Historiker”, der Pappes, Zerthals, Segevs. Dort sieht man die Besatzung der arabischen Westbank und stellt mit Ernüchterung fest, wie die Worte der Zionisten mit ihren Taten übereinstimmen. Vom Jahr der Staatsgründung 1948 bis heute. Dort nimmt man zur Kenntnis, wie Menschenrechtsorganisationen in Israel zunehmend unter Druck geraten. Dort registriert man, dass es verboten ist, der Vertreibung der Palästinenser in 1948/1967 zu gedenken.

Es steht in der Torah:
Wir müssen sie vertreiben, jetzt und für immer
(ein Siedler in der folgenden Doku)

In Israel dagegen werden die Reihen geschlossen. Dort hat man aus dem Scheitern der Verhandlungen von Camp David im Jahr 2000 den ungerechtfertigten Schluß gezogen, man habe den Palästinensern alles geboten aber außer Terror nichts bekommen.***

Endlich sei man aus den Tagträumerein des Oslo-Prozesses erwacht. Oslo sei der Wahn  zugrunde gelegen, man würde Frieden erhalten, indem man “Terroristen politisch anerkenne, ihnen Land, Geld und Gewehre” gebe.

Reaktion als kultureller Erfolg

Damit aber sei nun Schluß. Seit langem. Dieser neue, starke Realismus ist Glick zufolge der bedeutsamste kulturelle Wandel Israels im letzten Jahrzehnt. Zionismus sei wieder in. Judaismus sei wieder in. Israel sei endlich erwachsen geworden.

Dieser Wandel sei der Welt entgangen. Daher versteht die Welt auch nicht, warum alle Versuche Israel zu Konzessionen gegenüber den Palästinensern zu bewegen zum Scheitern verurteilt sind. Diese Kritiker Israels, die nach Auffassung Glicks lediglich anti-israelische Propaganda betreiben, bräuchten doch nur das Naheliegende sehen, wenn sie verstehen wollen: Netanjahus Verbleiben im Amt, die Bezugslosigkeit der Linken zur Öffentlichkeit und Mosh Ben-Aris Hymne “Meine Hilfe ist von Gott”.

Zur Erinnerung: Die Inschrift der Koppelschlösser der deutschen Wehrmacht lautete  “Gott mit uns”.

Sind das die gemeinsamen deutsch-jüdischen Wurzeln, von denen in letzter Zeit so viel die Rede war?

– Schlesinger

Photo: Nir Nußbaum (Flickr CC Lizenz)

* Auf engl. Cast Lead

** Yossi Beilin: früher Labour-Party, heute Meretz, Knesset-Mitglied in 5 Legislaturperioden,  u.a. früherer Finanzminister,  stellvertretender Außenminister, stark involviert im Oslo-Prozess und Mitbegründer der “Genfer Initiative”

Avraham Burg: Labour-Party, Knesset-Mitglied über 4 Legislaturperioden, langjähriger Sprecher der Knesset, ehem. Vorsitzender der Jewish Agency; Autor mehrerer Bücher, u.a. The Holocaust Is Over: We Must Rise From its Ashes

Shulamit Aloni: Labour-Party, Meretz, Knesset-Mitglied über 7 Legislaturperioden, u.a. ehem. Erziehungsministerin, aktiv im Friedenscamp

*** Das “Angebot” Israels an die Palästinenser in Camp David mochte bezogen auf die in Aussicht gestellten territorialen Zugeständnisse großzügig ausgesehen haben, doch unterm Strich ging es Jerusalem darum, einen maximalen Einfluss auf die palästinensischen Gebiete zu behalten. Prof. Jeff Halper hat diese israelische Strategie zurecht verglichen mit dem chinesischen GO-Spiel: Dort gehe es auch nicht darum, den Gegner zu “schlagen”, sondern ihn durch geschickte eigene Züge zur Bewegungsunfähigkeit zu bringen (“matrix of control“). Arafat wurde durch Bill Clinton zur Teilnahme an Camp David genötigt, obwohl dem Palästinenserpräsidenten klar war, dass Israel mit nicht akzeptablen Vorbedingungen anreiste. Entgegen den mündlichen Zusicherungen Clintons, man werde ein Scheitern der Verhandlungen nicht den Palästinensern ankreiden, wurden sich Clinton und Barak schnell einig, wer schuld an der Misere war.

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Todesmarsch KZ Dachau

Zwangsarbeit im KZ DachauDer deutsche Vernichtungsapparat funktionierte bis zum bitteren Ende.

Am 26. April 1945 ließ man die Häftlinge de Konzentrationslagers Dachau antreten. Die Amerikaner waren bereits auf Bad Tölz vorgestoßen und würden bald in München sein.

Fast 7000 abgemagerte Häftlinge mussten mit ihrer dünnen, meist abgerissenen Häftlingsbekleidung bekleidet und oft nur mit Holzschuhen an den Füßen einen Marsch ins Ungewisse antreten.

Bevor eines morgens die Wachmannschaften einfach verschwunden waren, mussten viele Häftlinge an Erschöpfung sterben oder wurden von den SS-Wächtern erschlagen oder erschossen.

Ein Beteiligter berichtete:

Zuerst regnete es, dann schneite es, als wenn der Himmel offen wäre.

Auf der Strasse wimmelte es von Soldaten und Fahrzeugen, die bei Buchen mit uns in den Wald abzweigten. Da wurden wir in eine Schlucht geführt, die Wolfsöd genannt.

Die SS war wieder sehr brutal, Gewehrkolben und Stiefel traten in Tätigkeit und die ganze Nacht wurde geschossen.

Streng bewacht waren sie von etwa 500 bis 700 SS-Posten, darunter wahre Teufel in Menschengestalt, schlimmer als ihre Hunde.

Sie schlugen die armen Häftlinge mit Gewehrkolben und hetzten gegen sie ihre Hunde, die diesen Hilflosen Kleider und ganze Fetzen Fleisch vom Leibe rissen.

Wer “am Verrecken war”, wurde mit einem Prügel oder dem Gewehrkolben erschlagen oder durch Genickschuss  “erledigt”.

Der Tod ist ein Meister aus Deutschland, schrieb Paul Celan.

So sehr man geneigt ist diesem Satz zuzustimmen, so unzulänglich bleibt er.

Der Tod hat seine Meister unter allen Menschen kommt der Sache näher.

Und doch war er zwölf lange Jahre ein Meister in Deutschland.

– Schlesinger

Photo: Friedrich Franz Bauer (via Wikimedia, Commons Bundesarchiv)

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Israel: Mit uns oder gegen uns!

In Israels Außenpolitik gilt nur noch das manichäische Motto des George W. Bush:

Mit uns oder gegen uns.

Schwarz oder Weiß. Keine Grautöne.

Was das für die Beziehungen Israels zu Deutschland bedeutet, zeigt sich in der Folge der Grass-Debatte.

Netanjahu, Merkel

Netanjahu, Merkel

Yoav Sapir, Deutschlandkorrespondent der großen israelischen Tageszeitung Maariv, hat am 9. April einen Beitrag verfasst, der die israelische Sichtweise gut wiedergeben dürfte.

Die Grass-Debatte sei nur die Spitze eines Eisbergs, so Sapir.

Darunter läge eine Strömung, die jahrzehntelang verdrängt worden sei.

Die Lockerheit der Deutschen während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 sei einem “vergangenheitslosen Nationalismus” entsprungen. Daher auch die Erfolge der neuen Piraten-Partei. Jung, allzu unbedarft sei sie, “ohne Vergangenheit, ohne Last, und ohne Verantwortung”.

Vernachlässigbar seien die Proteste einer Kulturelite gegen das Grass-Gedicht. Dasselbe habe man bei der Sarrazin-Debatte sehen können. Die Elite kritisiert, die Masse marschiert.

Nein, in Deutschland habe sich Führung und Volk in Sachen Israel längst entzweit.

Die Rede von Kanzlerin Merkel vor der Knesset in 2008, als sie die Sicherheit Israels zur Staatsräson für Deutschland erklärte, sei vielen “in Privatgesprächen” als eine Art freiwillige Kapitulation vor “den Juden” vorgekommen.

Das alles zeige, dass der “Schlussstrich” gezogen werden soll. Politisch bislang tabu, gelte nun: “Das Schlussstrich-Verbot ist dahin”.

Das “Ende von Deutschlands historischer Verantwortung für das jüdische Volk” habe sich seit langem abgezeichnet und erfülle sich nun.

Das mag man in Israel wollen oder nicht, so Sapir, aber “Deutschland wird früher als erwartet kein Freund Israels mehr sein”.

Das “Gebot der Stunde” sei, “sich vor allem auf sich selbst verlassen zu können.”

Soweit der Artikel in der Maariv.

Diese Bestandsaufnahme darf nicht leicht genommen werden. Sie dürfte einer weit verbreiteten Einschätzung der politischen Führung entsprechen, aber auch von vielen Israelis geteilt werden.

Diese Einschätzung wird in Israel zu einem guten Teil befördert durch Umfragen zum Thema Antisemitismus.

Im Januar berichtete die konservative Jerusalem Post, in Deutschland gäbe es 20 Prozent Antisemiten. IsraelNationalNews bezieht sich auf eine Umfrage der Anti-Defamation-League, die sich der Bekämpfung von Antisemitismus verschrieben hat und berichtet von einem Drittel aller Europäer mit antisemitischen Haltungen.

Nun werden viele sagen man müsse sich nicht wundern, dass die Deutschen und mit ihnen die Europäer Israel im Stich lassen. Es sind nun einmal Antisemiten. Was will man anderes erwarten?

Für die politische Analyse dürfte  im Beitrag Yoav Sapirs jedochvon zentraler Bedeutung sein, was er nicht gesagt hat.

Er hat nicht über Dinge gesprochen, über die man trefflich streiten kann: Über das nicht existierende Atomwaffen-Arsenal des Iran. Über die fortgesetzte Androhung des Präventivkriegs gegen den Iran. Über die Gründe, warum die Hetze Ahmadinejads gegen Israel bei vielen Persern und Arabern auf offene Ohren stößt, und zwar ganz unabhängig davon ob das die wahren Motive Ahmadinejads sind:

Weil Israel seit 45 Jahren die Palästinenser unter einer brutalen Militärbesatzung hält. Weil es ihnen das Land stiehlt, das Wasser, die Selbstbestimmung und die Würde.  Weil es der Welt zumutet so zu tun, als würde das nicht stattfinden. Weil es der Welt zumutet die ewig gleiche Rechtfertigung hinzunehmen, die Araber seien von Natur aus unwillig für einen Frieden.

Yoav Sapir und mit ihm Premierminister Netanjahu halten es für ausgeschlossen, dass viele Deutsche wegen solcher Fragen ein Problem mit der israelischen Sicherheitspolitik haben.

Nein, aus Sicht der politischen Elite in Jerusalem kommt als Motiv für eine kritische Haltung Israel gegenüber einzig und allein der Antisemitismus in Frage.

Man mache ein Gedankenspiel. Angenommen Umfragen zeigten, dass es in Europa keinen Antisemtismus mehr gibt. Würde Israel dann auf die Kritik hören, und sich den selbst verschuldeten Problemen in der Westbank zuwenden? Klare Antwort: Nein. Denn die Konstellation des Gedankenspiels liegt im Verhältnis Israel – USA vor. Nicht, dass es dort überhaupt keinen Antisemitismus gäbe. Aber er spielt keine Rolle in den politischen Beziehungen. Die USA haben seit 1967 eine klar ablehnende Haltung zur Frage der Besatzung. Hat es Israel je interessiert?

Daran ist gut zu erkennen, dass es für Israel gar nicht darauf ankommt, das “wahre Motiv” zu erkennen, das hinter einer Kritik steckt.

Es interessiert sich lediglich für die aus seiner Sicht bestmögliche Strategie, Kritik abwehren zu können. Dabei hat sich der Verweis auf Antisemitismus bewährt.

Wer die Dokumentation “Defamation” gesehen hat, weiß oder ahnt wie “professionell” und kühl der Vorsitzende der Anti Defamation League, Abe Foxman, mit dem Werkzeug Antisemitismus umzugehen versteht.

Bei Netanjahu steht zu befürchten, dass er einen weniger zynischen Umgang mit diesem Thema hat. Seine Memoiren, sein persönliches Trauma mit dem in Entebbe umgekommenen Bruder und seine familiäre Sozialisation – sein Vater war überzeugter Anhänger von Wladimir Jabotinsky, einem Zionisten der militärische Überlegenheit über allem anderen sah – deuten darauf hin, dass er tatsächlich die Gefahr eines Holocaust vor Augen hat.

Diese Verengung der Perspektive birgt eine enorme Gefahr. Wer keinen Spielraum sieht, sieht sich in der Ecke. Wer sich in der Ecke fühlt, handelt oftmals irrational.

Dieses Gefühl des “Wir gegen den Rest”, verbunden mit der Auffassung, man könne sich in dieser Lage nur selbst helfen, wird immer stärker in die Bevölkerung transportiert. Ende März gaben in einer Umfrage 60 Prozent an, nur ein Militärschlag würde die iranische Atomgefahr beseitigen.

In Bezug auf die Krise mit dem Iran gilt: Deutschland, Europa haben in dieser Lage gar keinen Einfluß. Nur Washington ist in der Lage, den Verlauf der Dinge etwas zu beeinflussen.

Was die Akzeptanz Deutschlands und Europas in Israel anbelangt, wird es sich zum Schlechten entwickeln: Israel wird nicht vom status quo in der Westbank abrücken. Der Westen – die USA ausgenommen – werden nicht mit Kritik daran zurück halten. Was Israel auf Antisemitismus sieht.

Wie sich die Krise mit dem Iran entwickelt lässt sich nicht sagen.

Wie sich das Verhältnis Deutschlands, Europas zu Israel in den nächsten Jahren entwickelt, lässt sich bedauerlicherweise abschätzen. Denn niemand zweifelt an der Wiederwahl Netanjahus.

– Schlesinger

Quelle für den Sapir-Text: SZ v. 21./22.April 2012, S. 20

Photo: IsraelMFA (Flickr CC Lizenz)

Nachdrückliche Filmempfehlung: “Wundervolles Land”

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